Macht der Worte: Geschichte kritisch vermitteln


Im Rahmen unseres Bildungsprojekts „UnVerfälscht“ kooperieren wir unter anderem mit der Universität Potsdam. Im Mai und Juni haben wir gemeinsam das Blockseminar „Macht der Worte“ mit 19 Master-Lehramtsstudierenden der Politischen Bildung durchgeführt. Im Mittelpunkt standen Propaganda, Geschichtsrevisionismus und historisch-politische Urteilsbildung am Beispiel der DDR-Geschichte und ihrer gegenwärtigen Deutungen.
Im vier Blockveranstaltungen eigneten sich die Studierenden nicht nur fachwissenschaftliche Grundlagen zur Vermittlung von historischen Inhalten im Unterricht an. Durch den Besuch von drei außerschulischen Lernorten erhielten sie zudem Einblicke in die vielfältigen Zugänge von historischen Darstellungen und deren pädagogischer Vermittlung. Die Kursleitung übernahmen Constantin Köhler (Lehrer am Hannah-Arendt-Gymnasium Potsdam und Dozent an der Universität Potsdam) und Kerstin Lorenz (Historikerin und pädagogische Projektmitarbeiterin bei „UnVerfälscht“).
Zu Beginn reflektierten die Studierenden zunächst ihre eigenen Vorstellungen von der DDR und gingen insbesondere der Frage nach, wie Schule, Familie, Medien und bestimmte Orte diese Bilder geprägt haben. Anschließend erarbeiteten sie zentrale Grundlagen zur DDR‑Geschichte und Begriffe wie Propaganda, Desinformation und Geschichtsrevisionismus. Dabei stand unter anderem auch die Frage im Raum, wie Lehrkräfte im Unterricht mit kontroversen, verharmlosenden oder geschichtsrevisionistischen Aussagen umgehen können. Dabei wurde klar, dass unter anderem auch ein differenzierender und sprachsensibler Umgang mit Geschichte wichtig ist. Daraufhin erfolgte eine kompakte Einführung in die Grundzüge der Geschichtsdidaktik und deren praktische Umsetzung.
Diese erste thematische Annäherung bildete den Ausgangspunkt für die Arbeit an den drei Lernorten: der Garnisonkirche, dem Filmmuseum sowie dem Potsdam Museum. Dort lernten die Studierenden anhand von Ausstellungen, historischen Objekten, Filmen, Plakaten und Spuren im Stadtraum unterschiedliche Zugänge zur DDR-Geschichte kennen.
In der Garnisonkirche arbeiteten die Studierenden an einem konkreten Erinnerungs‑, Bildungs‑ und Konfliktort in Vergangenheit und Gegenwart. Nach einem Rundgang und dem Besuch der Ausstellung „Glaube, Macht und Militär“ folgte ein Gespräch mit den Zeitzeug:innen Saskia Hüneke und Stephan Saretz, die in einer Doppelrolle ein:er klassischen Zeitzeug:in einerseits und ein:er Bürger:in mit eigener Position zur Sprengung der Turmruine 1968 sowie zum Wiederaufbau des Turms andererseits waren. Diese Thematik wurde anschließend in Kleingruppen anhand ausgewählter Quellen weiter vertieft. Darüber hinaus diskutierten die Studierenden passend zum Kurstitel „Macht der Worte“ die Verwendung von Begrifflichkeiten wie „Erinnerungsort“ oder „Hitlers Erbe“ als zeitgenössische Deutungsangebote und untersuchten deren Einfluss auf historische Wahrnehmungen und politische Positionierungen. Exemplarisch stand dabei auch die Frage im Zentrum, wer in unterschiedlichen politischen Systemen mitsprechen durfte, welche Öffentlichkeiten zugelassen wurden und wie Sprache Legitimation, Ausgrenzung und Verschleierung erzeugen kann. An dieser Sitzung nahm auch das Team des Koordinierungsbüro des Förderprogramms „Jugend erinnert“ der Bundesstiftung Aufarbeitung teil, in dessen Rahmen „UnVerfälscht“ realisiert wird.
Im Filmmuseum Potsdam arbeiteten die Studierenden mit visuellen und audiovisuellen Medien und erschlossen sich, wie politische Botschaften in der DDR durch Filme, Plakate, Losungen und Bildsprache vermittelt wurden. Am Beispiel des Films „Das Leben der Anderen“ setzten sich die Studierenden mit der filmischen Darstellung von historischen Inhalten auseinander und erprobten Möglichkeiten für den Einsatz im Unterricht. Im Sinne von „UnVerfälscht“ ging es dabei um die Frage, wie sich politische Botschaften in scheinbar alltäglichen Medienformaten vermittelt werden und wie Schüler:innen lernen können, solche Botschaften historisch einzuordnen und kritisch zu deuten.
Im Potsdam Museum wurden Ausstellung, Stadtgeschichte und Stadtraum miteinander verbunden. Am Beispiel der DDR-Stadtplanung zum Altem Markt Potsdam und politischen Deutungen des öffentlichen Raums erarbeiteten die Studierenden, dass Propaganda und Geschichtspolitik nicht nur in Texten, Bildern oder Filmen wirksam werden, sondern auch in Architektur, Stadtplanung, Denkmälern und räumlichen Ordnungen. Sie beschäftigten sich mit der Frage, wie Stadtbilder politische Machtverhältnisse, Zukunftsvorstellungen und historische Brüche sichtbar machen oder überdecken können. Anschließend kamen die Studierenden mit den Kuratorinnen der Sonderausstellung „Platz____für Neues? Visionen für den Alten Markt 1945–2025“ Dr. Wenke Nitz und Dr. Uta Kumlehn ins Gespräch und diskutierten die Entstehung einer solchen Ausstellung: von der Material- und Inhaltsauswahl über konzeptionelle Entscheidungen bis hin zur gestalterischen Umsetzung.
Durch all diese Einblicke und Erfahrungen erhielten die Teilnehmenden nicht nur wertvolle Anregungen für eine anschauliche Aufbereitung historischer Themen. Sie reflektierten zugleich Chancen, Risiken und zentrale Aspekte, die bei der Planung und Durchführung geschichtsdidaktischer Lernangebote für Schüler:innen als auch beim Besuch von außerschulischen Lernorten zu beachten sind. Dafür erprobten sie unterschiedliche didaktische Zugänge, darunter Quellenanalyse, Ausstellungserkundung, Zeitzeug:innengespräch, Filmanalyse, Arbeit mit Plakaten, Gallery Walk und objektbezogene Lernaufgaben. Weiterführend entwickelten die Teilnehmenden zu jedem Themenschwerpunkt eigene Ideen für Unterrichtszugänge und diskutierten konstruktiv über deren Realisierbarkeit. Ziel des Seminars war es, die angehenden Lehrkräfte darin zu unterstützen, kontroverse historische Themen didaktisch reflektiert, quellenbasiert und demokratiefördernd für Schüler:innen aufzubereiten.
Als studentische Projektassistenz hatte ich, Eila Guder, die Möglichkeit, die Veranstaltungen zu begleiten und viele Anregungen für die Weiterentwicklung meiner eigenen didaktischen Kompetenzen als Lehramtsstudentin im Fach Geschichte mitzunehmen – sei es grundsätzlich konzeptuell als auch methodisch. Besonders die Verbindung aus fachwissenschaftlichen Impulsen und praxisnahen Hinweisen der Kursleitenden Constantin Köhler und Kerstin Lorenz habe ich als sehr gewinnbringend empfunden. Darüber hinaus möchte ich den kontinuierlichen Raum für Erfahrungsaustausch und Diskussion hervorheben, durch den sehr anregende und diskursive Gespräche entstanden. Gerahmt wurden die Veranstaltungen durch ein vielfältiges Buffet, das die Studierenden und Kursleitenden jeweils zusammengestellt haben. Auch das hat zum angenehmen Kursklima beigetragen.
Abschließend möchte ich den Kursleitenden, den beteiligten Einrichtungen und ihren Vermittler:innen Hana Hlásková (Garnisonkirche Potsdam), Beate Rabe (Filmmuseum Potsdam) sowie Anke Stemman und Felix Jäger (Potsdam Museum) als auch den Studierenden danken, die dieses anregende, vielfältige und diskursive Seminar möglich gemacht haben.
Hier kann der Text mit Bildern heruntergeladen werden.
Mit dem Bildungsprojekt „UnVerfälscht“ ist die Stiftung Garnisonkirche Potsdam bis 2028 Teil des Bundesprogramms Jugend erinnert / Richtlinie SED-Unrecht, dass durch den Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) gefördert wird. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie junge Menschen Propaganda, Geschichtsverzerrungen und antidemokratische Narrative – damals in der DDR wie heute – erkennen und ihnen aktiv entgegentreten können. Ziel ist es, historisches Wissen mit Medienkompetenz und Demokratiebildung zu verbinden und zur kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart zu ermutigen. Die Ergebnisse fließen in eine digitale Material- und Methodensammlung ein.
Der Austausch „Make history, not fakes!“ wird zudem durch das Deutsch-Polnische Jugendwerk (DPJW) gefördert.
Weitere Informationen zum Projekt finden Sie auf der Lernplattform der Stiftung. Den Projektverlauf können Sie zudem auf dem Instagram-Kanal un_verfaelscht verfolgen.


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