10.10.2014 | Rundfunkandachten vom 6. bis 11. Oktober 2014 von Cornelia Radeke-Engst

Worte für den Tag von Cornelia Radeke-Engst für radio Berlin 88,8 um 5.50 Uhr und RBB „Kulturradio“ um 6.45 Uhr, auf „Antenne Brandenburg“ um 9.12. Uhr.

Worte für den Tag von Cornelia Radeke-Engst für radio Berlin 88,8 um 5.50 Uhr und RBB „Kulturradio“ um 6.45 Uhr, auf „Antenne Brandenburg“ um 9.12. Uhr.

Cornelia Radeke-Engst, „Worte für den Tag“, 6.10.2014

In Potsdam gibt es Streit. Streit um eine Kirche. Sie soll ein Symbol des alten Geistes von Potsdam sein. Dieser alte „Geist von Potsdam“ – so ist immer wieder zu hören – sei ein Geist des Militarismus. Schon bald nach Ende des 2. Weltkrieges startete die Freie Deutsche Jugend, die Jugendorganisation der SED, eine Aktion, um diesen unliebsamen Geist endgültig zu vernichten. Ein Boot mit der Aufschrift der „Geist von Potsdam“ wurde mit Steinen beladen. Der so beschwerte Kahn sollte in der Havel versenkt werden – mit ihm der Geist von Potsdam. Und tatsächlich: Der Geist  ging in der Havel unter. Im Wasser aber kippten die Steine heraus, der Kahn befreite sich, kam an die Wasseroberfläche und schwamm weiter.

Ich frage mich heute: Welcher Geist von Potsdam sollte da eigentlich versenkt werden? Den Geist von Potsdam haben nicht nur Preußen- und Soldatentum geprägt, sondern ebenso die Leichtigkeit von Sanssouci und seine Musik. In der barocken Kulturstadt, die sich nach dem Toleranz-Edikt für Fremde öffnet, weht ein freier Geist. Er  ist breiter gefächert als das Klischee vom Geist des Militarismus.

Genauso ist die umstrittene Garnisonkirche in Potsdam mehr als eine Militärkirche und Symbol einer Allianz von Thron und Altar. Sie ist ein Symbol für Frömmigkeit. Sie verkörpert den Ort des ersten gemeinsamen Abendmahls von Lutheranern und Reformierten. Sie war Treffpunkt des Widerstands durch die Pfarrer der Bekennenden Kirche und die Männer und Frauen um den 20. Juli. In der DDR war sie eine Kirche, die sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzte und für „Schwerter zu Pflugscharen“ eintrat. Im Prager Frühling fiel sie dem Kirchenhass der SED zum Opfer.

Heute gibt es an diesem Ort eine kleine Kapelle. Dort setzen sich Schülerinnen und Schüler mit der bewegten und für unser Land bedeutsamen  Geschichte der Garnisonkirche auseinander. Sie fragen: Hätte ich damals selber Widerstand geleistet? Wie kann ich heute Verantwortung für mein Land und für den Geist, der darin herrscht, übernehmen? Am 12. November werden vier Menschen auf einem Podium sitzen und von ihren Visionen zum Thema „Mein Potsdam“ erzählen. Eine Frau kam nach der Wende hierher zurück und wünscht sich das barocke Potsdam zurück. Ein Mann setzt sich für den Erhalt der in der DDR entstandenen Stadt ein. Eine andere träumt vom Wiederaufbau der alten Garnisonkirche. Menschen sprechen von ihren Herzensanliegen, die anderen hören interessiert zu. Aus dem Streit um den Wiederaufbau der Garnisonkirche ist dann eine Werkstatt für Visionen geworden. Das ist der neue Geist von Potsdam.

 

Cornelia Radeke-Engst, „Worte für den Tag“, 7.10.2014

Nach der Reformation wurde der „Augsburger Religionsfrieden“ geschlossen. Er diente als Verfassung des damaligen Heiligen römischen Reichs Deutscher Nation. Künftig galt nicht mehr nur das Prinzip, dass alle Einwohner der Religion des Landesfürsten angehören mussten. Die Tore öffneten sich für Menschen aller Konfessionen.

Allerdings durften in den Städten, Dörfern und Landschaften nur die Türme der Landeskonfession in den Himmel ragen. Herrschaft blieb so sichtbar manifestiert.

Ähnlich verfuhr die Staatspitze der DDR. Als im Mai 1953 Walter Ulbricht die Namensgebung des späteren Eisenhüttenstadt mit Stalinstadt vollzog, griff er diese Tradition auf und sagte: „Ja! Wir werden Türme haben, zum Beispiel einen Turm fürs Rathaus, einen Turm fürs Kulturhaus. Andere Türme können wir in der sozialistischen Stadt nicht gebrauchen.”

So wurden in den ersten Jahren der DDR 60 Kirchenbauten gesprengt.

17 Kirchen in Berlin, jeweils 10 in Magdeburg und Dresden, je 4 in Leipzig, Chemnitz und Potsdam, 3 in Rostock u.v.m. Die älteste von ihnen war die 993 in Magdeburg gebaute Ulrichkirche. Zu den bekanntesten gehörten die völlig intakte Universitätskirche in Leipzig und auch die wiederaufbaufähige Ruine der Garnisonkirche in Potsdam. Der Widerstand von Gemeindekirchenräten, Einzelpersonen und kirchlichen Gremien lief ins Leere, obgleich wie im Fall der Potsdamer Garnisonkirche der Einspruch in Gestalt des als „Retter von Sanssouci“ bekannten Prof. Dr. Ludschuweit aus der Sowjetunion kam.

Der Zeitpunkt der Sprengung hatte Symbolfunktion. Jeweils am Sonntag genau zur Gottesdienstzeit wurden die Leipziger Universitätskirche und die Potsdamer Garnisonkirche nach SED Jargon „in den Himmel gejagt“. Die Unikirche fiel am Himmelfahrtstag. Walter Ulbricht verkündete „[Die Sprengung] muss wie Demokratie aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben!“ Aber die Staatsmacht hatte es nicht in der Hand, den Glauben der Menschen wegzusprengen.

Es kann die Stadt, die auf dem Berge liegt, nicht verborgen sein, sagt Jesus in der Bergpredigt. Die Kirche in der DDR war so eine Stadt, die auf dem Berge liegt, mitten in einer sozialistischen Diktatur – manchmal ohne Kirchtürme und -gebäude, aber dennoch sichtbar und nicht kaputt zu kriegen. Ein Hoffnungszeichen für viele, ein Raum für Mut zum Widerstehen.

 

Cornelia Radeke-Engst, „Worte für den Tag“, 8.10.2014

„Wir bauen neu die alte Stadt“, war eine der Losungen der SED in der DDR-Zeit. Nach diesem Motto wurde auch die in der Barockzeit konzipierte Stadt Potsdam neu gestaltet. In diesem Konzept blieb für die Potsdamer Garnisonkirche kein Platz: „Die Kirche muss weg.“ lautete das vernichtende Urteil Walter Ulbrichts damals.

Nach dem Krieg hatte die Gemeinde darum gebeten, als sichtbares Zeichen des Neuanfangs ihre Kirche, die ehemalige Kirche der Garnison, umbenennen zu dürfen. Als „Heilig-Kreuz-Kirche“ sicherte die Gemeinde über Jahre hinweg die wiederaufbaufähige Kriegsruine. Das war zu DDR-Zeiten nicht einfach, denn Baustoffe und die Arbeitskapazität von Baufirmen wurden staatlich zugeteilt. Kirchgemeinden mussten um Baukapazität kämpfen und konnten oft nur mit sogenannten Feierabendbrigaden arbeiten, also mit Handwerkern, die nach Arbeitsschluss dazuverdienen wollten. Doch die Denkmalpflege unterstützte die Heilig-Kreuz-Gemeinde. Die ersten Turmebenen wurden erneuert. Manfred Stolpe, der ehemalige Ministerpräsident des Landes Brandenburg, war einer der Freiwilligen, die damals auf dem Gerüst standen, um den Kirchturm zu sichern.

Die kleine Heilig-Kreuz-Kapelle im Turmstupf war ein Ort der Friedensbewegung in der DDR unter dem Motto: „Schwerter zu Pflugscharen“. Aktiv setzte die Gemeinde damit einen neuen Schwerpunkt in der Geschichte der alten Militärkirche.

Durch subversive Widerstandsarbeit entstand für anderthalb Jahrzehnte – inmitten sozialistischer Repressalien gegen Christen ein Ort der Freiheit mitten in der Kirchenruine.

Dann wurde die Kirche gesprengt – an einem Sonntag zur Gottesdienstzeit.

Die Gemeinde ließ sich nicht wegsprengen. Sie baute weiter an der anderen neuen Stadt, der Stadt Gottes im Sozialismus.

Vergessen wurde die alte Kirche nicht. Heute gibt es an diesem Ort eine kleine Kapelle. Auf ihrem Altar steht das Nagelkreuz aus Coventry. Dieses Kreuz wurde aus Nägeln der von Deutschen zerstörten Kathedrale der Stadt Coventry gefertigt. Es wird an Gemeinden weitergegeben, die sich der Friedens- und Versöhnungsarbeit stellen. Im Licht dieses Kreuzes wird die Arbeit unserer Gemeinde heute neu aufgebaut. Jeden Mittwoch um 18 Uhr findet das sog. Versöhnungsgebet statt. Die Gemeinschaft von Coventry begleitet diesen Aufbau im Geiste der Versöhnung, zu dem auch das Wiedererstehen des Kirchturms gehört, der damals der gewaltsamen Kirchensprengung zum Opfer fiel.

Cornelia Radeke-Engst, „Worte für den Tag“, 9.10. 2014

„Von der Sowjetunion lernen heißt, siegen lernen!“, war eine der SED-Parolen.

Im „Kalten Krieg“ ging es beständig um Kampf und Sieg. So funktionieren Kriege. Was Siegen für die SED-Staatsmacht damals bedeutete, wurde am 17. Juni 1953 sichtbar. Bertold Brecht hat dem blutig niedergeschlagenen Volksaufstand ein literarisches Denkmal gesetzt. Er schreibt: „Nach dem Aufstand des 17. Juni // Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands // In der Stalinallee Flugblätter verteilen // Auf denen zu lesen war, daß das Volk // Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe // Und es nur durch verdoppelte Arbeit // Zurückerobern könne. Wäre es da // Nicht doch einfacher, die Regierung // Löste das Volk auf und // Wählte ein anderes?“

Das Volk konnte nicht aufgelöst werden, also begann die Regierung von der Sowjetunion lernend ihr Volk im Sinne dieses Sieges zu erziehen. Schließlich musste zum Siegen ein ganzes Volk eingemauert und an den Grenzen Todesstreifen gebaut werden.

Siegenmüssen tötet Leben. Es führt in einen Tunnelblick. Unser Leben wird arm, weil nicht mehr sein darf, was ist, sondern nur noch sein darf, was sein soll. Alles andere wird verboten und bekämpft. Das begann in der DDR schon bei den Kleinsten:  In Schulen und Kindergärten wurden leere Phrasen auswendig gelernt. Später folgten gefälschte Bilanzen in der Volkswirtschaft. Alles für den Sieg.

Christa Wolf lässt die griechische Seherin Kassandra in ihrem gleichnamigen Buch sagen: „Wenn ihr aufhören könntet zu siegen, würdet ihr leben.“

Das eingemauerte Volk ist schließlich lebendig geworden. Heute vor 25 Jahren wurde um 18.35 Uhr in Leipzig der Schießbefehl auf das eigene Volk zurückgenommen. Der Ruf: „Wir sind das Volk“ ließ die sozialistischen Siegerpose wie ein Luftblase platzen.

Ein Volk atmete hörbar auf. Visionen blühten auf. Ein neues Leben begann.

Heute 25 Jahre danach frage ich mich, wie viel Lebendigkeit ist geblieben? Oder sind wir dem Siegenmüssen erneut auf den Leim gegangen?

Einmal kam einer nicht auf Streitwagen oder Rossen geritten, wie die Sieger. Auf einem Esel ritt er in die befestigten Mauern der Stadt Jerusalem, vermutlich in Lumpen gehüllt, bejubelt von den Verlierern. In ihm setzt Gott einen neuen Anfang: Frieden zwischen Siegern und Verlierern. Von Jesus lernen, heißt nicht mehr siegen müssen.

 

Cornelia Radeke-Engst, „Worte für den Tag“, 10.10. 2014

„Unsere Vorfahren haben gesündigt, sie sind nicht mehr, wir aber, wir tragen ihre Schuld.“, lese ich in den Klageliedern der Bibel. Ja, unsere Vorfahren haben Schuld auf sich geladen. Es ist nicht unsere Schuld. Wir waren nicht am Verbrechen beteiligt. Aber wir tragen mit an der Geschichte dieser Schuld. Dieser Satz ist eine Arbeitsgrundlage für das Wiederaufbauprojekt der ehemaligen Potsdamer Garnisonkirche als Friedens- und Versöhnungszentrum.

Dort wurde am 21. März 1933, dem sogenannten „Tag von Potsdam“, der neue Reichstag konstituiert und der nationalsozialistische Staat hoffähig.

Ein Foto eines amerikanischen Journalisten von diesem Tag prägt die Erinnerung. Es zeigt, wie Adolf Hitler, der neue Reichskanzler, Paul von Hindenburg, dem alten Reichspräsidenten, zum Abschied die Hand gibt. Das Foto ging um die Welt. Es hat die Kirche abgestempelt. „Die Kirche muss weg!“, stellte Walter Ulbricht fest. Die Sprengung der wiederaufbaufähigen Kirche war die einfachste Lösung. Sie lässt das andere vergessen: Die jubelnden Massen am Straßenrand, die gut besuchten Festgottesdienste in den anderen Kirchen der Stadt, die dem Festakt voraus gingen. Im Gedächtnis haften blieb nur der eine Ort der Schuld.

Wir wissen, dass sich in Menschen teuflische Mächte repräsentieren können, Schuld aber liegt nie allein bei einem Menschen, an dem einen Ort, dem einen Handschlag. Schuld darauf zu reduzieren, macht blind.

Dem Tag von Potsdam folgt die Nacht von Potsdam. Am 14.4.45 wurde die barocke Innenstadt von Potsdam durch englische Bomber zerstört. Im Feuersturm brannte die Garnisonkirche aus. Walter Ulbricht ließ die aufbaufähige Ruine sprengen. Heute wünschen sich viele Menschen den Wiederaufbau des barocken Kirchturms. Schon heute gibt es am Ort der ehemaligen Garnisonkirche eine Nagelkreuzkapelle. Die Arbeit in der Nagelkreuzkapelle dort stellt sich der Vergangenheit unter dem Motto Geschichte erinnern: „Unsere Vorfahren haben gesündigt, sie sind nicht mehr, wir aber, wir tragen ihre Schuld.“ Diesem Satz kann ich nicht ausweichen. Der Satz ist ein Bekenntnis. Er vertuscht nichts. Er lässt mich nicht in dem diffusen Gefühl, zu einer schuldigen Gemeinschaft zu gehören. Er fordert mich heraus, mich mit der Schuld der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Cornelia Radeke-Engst, „Worte für den Tag“, 11.10.2014

Manche, die damals in der DDR die Ausreise beantragt und in den Westen gegangen sind, behaupteten später: „Jeder, der geblieben ist, hat sich mitschuldig gemacht an diesem System.“

Mich hat das empört. Ich empfand dieses Urteil als eine Unverschämtheit. Schließlich war ich als Pfarrerin damals ganz bewusst bei meiner Gemeinde geblieben und nicht gegangen. Ein Wort von Günter Eich hat mich damals begleitet: „Seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt.“

Als Christen sind wir Sand gewesen und haben uns in der DDR im Widerstehen geübt. Heute, 25 Jahre nach den Ereignissen im Oktober 1989, ist es für mich Zeit noch genauer zu fragen. Wie hat mich der allgegenwärtige Geist der Diktatur des Proletariats geprägt? Wo bin ich wirklich wie „Öl“ im Getriebe des Systems gewesen? Habe ich mich bei aller Widerständigkeit nicht manchmal auch verbogen?

Aus der Erinnerung betrachtet, sieht manches anders aus. Erinnerung ist heilsam. Deshalb ist eines der zentralen Worte der jüdisch-christlichen Tradition: „Zachor! Gedenke!“

Im alten Israel ist das Ziel des Gedenkens, sich Gottes Heilshandeln in Erinnerung zu rufen: Gott befreit sein Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft und führt es ins gelobte Land, in ein Land des neuen Lebens und der Freiheit. Viele Menschen haben die Wende auch als eine solche Befreiung empfunden.

Wenn sich Menschen dieses Befreiungshandeln Gottes in Erinnerung rufen, dann geht das nicht ohne eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

Dabei kommt auch eigene Schuld ans Licht. Denn jeder von uns gestaltet ja ein Stück Geschichte mit.

„Zachor! Gedenke!“ 25 Jahre nach der Wende erinnere ich mich an die Menschen, die Sand im Getriebe gewesen sind, an den Mut so vieler einzelner Menschen: An die Lehrerin, die Christenlehrekinder nicht schikanierte, wie die anderen. An die Solidarität und Nachbarschaftshilfe untereinander inmitten von Mangelwirtschaft. An die Wehrdienstverweigerer. An Menschen, die auch angesichts von Repressalien geblieben sind. An das Widerstehen vieler – auch an mein eigenes, kleines Widerstehen. An die vielen, die einander Bücher liehen und ins Gespräch kamen. Und an das Zusammenstehen in unseren Gemeinden. Ich bin dankbar dafür.

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