16.01.2016 | Rundfunkandachten vom 11.1.-16.1.2016 von Cornelia Radeke-Engst

Worte zum Tag, Cornelia Radeke-Engst

11. Januar 2016 Gott ist mein Morgenort

Brauchen Sie auch ab und an einen Rückzugsort?

 

 

Worte zum Tag, Cornelia Radeke-Engst

 11. Januar 2106 Gott ist mein Morgenort

 Brauchen Sie auch ab und an einen Rückzugsort?

Ich brauche  diesen Ort, an dem ich mal aus allem raus bin und an dem ich mich geborgen fühle, wo ich nichts leisten muss.

Hier kann ich alles mit Abstand und  Gelassenheit betrachten - aus einer anderen Perspektive. Für mich ist Gott dieser Ort. Aber ist Gott ein Ort?                          

In der Bibel finden wir viele Namen für Gott. Da ist Gott Quelle und König, Burg und tröstende Mutter, Schöpfer und Arzt. Eine dieser Umschreibungen für Gott ist mir besonders lieb geworden. Sie heißt auf Hebräisch ha makom, das bedeutet übersetzt: Ort.

Gott ein Ort.

Für das Volk Israel hatte dieser Gottesname eine besondere Bedeutung. Als im 6. Jahrhundert vor Christus Jerusalem und der Tempel durch die babylonische Besatzungsmacht zerstört wurden, verschleppten die Besatzer große Teile der Bevölkerung ins Exil nach Babylon, auch die Priester, die am Tempel Dienst taten und das Königshaus. Dort in der babylonischen Hauptstadt Ninive hatten die Juden ihre Heimat, ihren Ort verloren und mit dem Tempel auch den Ort, an dem sie zu Gott beteten.           

Den Ort, an dem sie Gottes Anwesenheit spürten. Dann aber machten sie dort im Exil die Erfahrung:

Gott selbst ist wie ein Ort. Gott ist unser Ort. Überall dort, wo wir hingehen, ist  Gott, schon da. Ha makom, der Ort  - ein Name für Gott. Gott ist ein Ort, der da ist, wo ich bin, ein Rettungsort.

Und so erzählten sie es auch in der alten Geschichte des Erzvaters Jakob. Er war wie sie selber auf der Flucht. Da fand er einen Ort. Einen Ort, an dem der Himmel über ihm offen stand. Dort ist er Gott begegnet. Überall dort wo ich bin, ist Gott schon da. Das kann ich auch heute erfahren. So ist für mich Gott mein Morgenort. Ich habe mir angewöhnt, am Morgen eine Kerze anzuzünden.

Dann kann ich tief durchatmen. Ich schaue aus dieser anderen Perspektive auf das, was heute auf mich zukommt.

Gott ist mein Morgenort. Von hier aus gehe ich los in den Tag. Und ich weiß, überall, wo ich heute hingehen werde, ist Gott schon da.

 

Worte zum Tag, 12. Januar 2016, Cornelia Radeke-Engst

Es ist früh am Morgen. An einem zugigen Metro-Eingang Washingtons beginnt ein Geiger auf der Straße zu spielen. Viele Menschen eilen vorbei. Ein Passant bleibt für einen Moment stehen, eine Frau wirft einen Dollar in den Hut, ohne ihre Schritte zu verlangsamen.

Ein Kind bleibt stehen, aber seine Mutter zieht es weiter. Nach einer dreiviertel Stunde Geigenspiel waren über 1000 Leute vorüber gelaufen, nur sechs ließen sich zum Zuhören verleiten, nur wenige gaben Kleingeld, insgesamt gut 30 Dollar.

Was die Menschen nicht wussten: Der Mann auf der Straße war Joshua Bell, ein weltberühmter Geiger. Für 100 Dollar pro Karte hatte er zwei Tage zuvor in einem ausverkauften Konzert in Boston gespielt. Seine Geige war eine 3,5 Mill. Dollar teure Stradivari.

An diesem Morgen an der U-Bahn spielte er ganz berühmte Stücke. Eigentlich ein großes musikalisches Ereignis. Aber nur 6 Menschen hatten wirklich zugehört.

Es war ein Experiment mit der versteckten Kamera. Ein Lehrstück in Sachen Achtsamkeit: Was nehme ich wahr, wenn ich durch meinen Alltag haste? Erkenne ich die Schönheit besonderer Musik in ungewohnten Zusammenhängen? Nehme ich mir Zeit, Schönes wertzuschätzen, einfach mal stehenzubleiben, eine Minute innezuhalten, dankbar zu sein für eine wunderbare Melodie, für eine überraschende Begegnung mitten im Alltag?

Oder erwarte ich gar keine Überraschungen mehr und haste blind und taub meinen Weg entlang?

Was wartet heute, an diesem Tag auf mich?

Bin ich offen und neugierig auf das, was mir begegnet? Gott, du Quelle meines Lebens, lass mich aufmerksam sein für die Wunder und Überraschungen an diesem Tag!

 

                           

Worte zum Tag, 13.1.2016 Cornelia Radeke-Engst

 

Ein schöner Tag

„Wenn ich diese Zeit bloß schon überstanden hätte! Ich lebe so auf meinen Urlaub zu!“, klage ich. „Aber es muss doch jeder Tag schön sein“, sagt meine Freundin und schaut mich fassungslos an. Heute Morgen fällt mir dieser Satz wieder ein.

Eigentlich war ich schon auf dem Sprung, will ohne Frühstück los. Das Brötchen kaufe ich  mir dann unterwegs. Aber jetzt setze ich mich noch einmal hin. „Es muss doch jeder Tag schön sein.“ Aber: Was tue ich eigentlich dafür, dass dieser Tag schön wird? Jetzt zünde ich die Kerze auf dem Küchentisch doch noch an und schaue in ihr Licht.

Noch einmal schenke ich mir Kaffee ein. Ich spüre die Wärme der Tasse zwischen meinen Händen und halte einen Moment inne. Jetzt ist die Stunde, jetzt ist die Zeit. Jetzt ist mein Leben.

In diesem Augenblick an diesem Ort, an diesem Tag heute.

In der Bibel lese ich den Satz: „Alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.“

So wichtig ist dieser Tag heute, dass er in Gottes Buch des Lebens steht. Was mache ich mit dem Tag, wenn ich ihn nur als Durchgangsstation zu meinem Urlaub durchlaufe und dann abhake? Dieser Tag ist ein Geschenk Gottes an mich, eine wertvolle Perle in der Lebensschnur meiner Tage.

Begegne mir, Gott, bete ich:

Such mich an diesem Tag in den Mühlen meiner Gedanken und meiner Arbeit, in meinen ausgetretenen Alltagswegen, meiner zerlöcherten Hoffnung, in meiner abgehärmten Zuversicht.

Misch dich ein Gott, in diesen Tag, in mein Leben.

Ich nehme noch einen Schluck Kaffee, merke wie sich mein Körper entspannt. Ich tauche in diesen Moment der Stille ein wie in lebendiges Wasser. Und jetzt kann ich wirklich losgehen: in meinen Tag.

Dieser Tag ist wie eine kostbare Perle. Es muss doch ein schöner Tag sein!

                         

 

Wort zum Tag, Cornelia Radeke-Engst, 14.1. 2015

 

Der Schatz bei dir selbst

Ich bin ungeduldig. Bei mir muss alles effektiv sein. Umwege sind mir ein Graus. Aber ich kenne eine Geschichte, mit der habe ich gelernt, Geduld und Gottvertrauen durchzubuchstabieren. Der jüdische Dichter Eli Wiesel erzählt sie: 

Eisik, Sohn Jekels aus Krakau war in großer Not. Ihm fehlte das Geld zum Bau eines Bethauses für die jüdische Gemeinde. Aber er verlor sein Gottvertrauen nicht. Da träumte er, unter der Brücke, die in Prag zum Königsschloss führt, sei ein Schatz vergraben. Diesen solle er suchen, um in Krakau das Bethaus bauen zu können. Als der Traum zum dritten Mal wiederkehrte, macht sich Eisik auf und wanderte nach Prag. Viele Tage war er unterwegs, die Sohlen seiner Schuhe waren am Ende zerfetzt, aber er erreichte die Brücke. Dort stand jedoch Tag und Nacht eine Wache und er getraute sich nicht zu graben. An jedem Morgen ging er erneut zur Brücke. Schließlich fragte ihn der Hauptmann, ob er etwas suche oder auf jemanden warte. Und Eisik erzählte seinen Traum, der ihn den weiten Weg aus einem anderen Land nach Prag geführt hatte. Da lachte der Hauptmann: Und da bist du armer Kerl mit deinen zerfetzten Sohlen auf einen Traum hin losgegangen? Wie kann man Träumen trauen? Da hätte ich mich schon längst auf den Weg machen müssen, denn mir träumte, ich solle nach Krakau wandern. Dort sei in der Stube eines Juden Eisik, Sohn Jekels unter dem Ofen ein Schatz vergraben. Eisik, Sohn Jekels! Ich kann´s mir vorstellen, wie ich da, wo die Hälfte aller Juden Eisik und die andere Hälfte Jekel heißt, alle Häuer aufreiße. Und er lachte laut. Eisik verneigte sich, wanderte heim, grub den Schatz unter seinem Ofen aus und baute das Bethaus.

So die Geschichte von Eli Wiesel: Die zerfetzten Sohlen an den Füßen haben sich gelohnt. Manchmal muss ich doch lange Wege gehen, um zu finden, was ich suche. Auch die Umwege in meinem Leben führen zum Ziel. Ein Schatz ist bei jedem von uns vergraben. 

Manchmal gehe ich lange Wege, um ihn zu finden.

Geduld kann sich lohnen.

 

 

 

Wort zum Tag, 15.1. 21016, Cornelia Radeke-Engst

Der Hochmut, nur auf uns selbst zu vertrauen

In der Nagelkreuzkapelle Potsdam beten wir jeden Mittwoch das Versöhnungsgebet aus Coventry.

Es entstand, nachdem 1940 deutsche Bomber diese mittelenglische Stadt und ihre Kathedrale zerstört hatten. Bischof Richard Howard ließ nach der Bombennacht an die zerstörte Chorwand der Kathedrale schreiben:

Father forgiv. Er schrieb nicht Vater vergib ihnen, father forgiv them, sondern nur: Vater, vergib.

Damit stellte sich die Gemeinde in eine Schuldgemeinschaft mit allen Menschen, die an diesem Krieg beteiligt waren - ein erster Schritt zur Versöhnung. Aus der Gemeinde von Coventry stammt auch dieses Versöhnungsgebet, dort heißt es:

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott, Vater, vergib.

Wir sprechen dieses Gebet regelmäßig in meiner Gemeinde in Potsdam. An der Kirchentür spricht mich danach ein junger Mann an. Er sagt: Mit dieser Bitte bin ich einen langen Weg gegangen. Erinnerst du dich noch, in welch einer schwierigen Situation ich war? Meine Arbeitsstelle war ausgelaufen. Ich habe ewig keine neue Stelle gefunden. Dazu kam, dass ich plötzlich aus meiner schönen Wohnung raus sollte. Wie sollte ich ohne Arbeit überhaupt wieder eine Wohnung bekommen? Ich war so verzweifelt und habe gekämpft und gekämpft.  Aber eigentlich hatte ich kein Vertrauen mehr in das Leben und kein Vertrauen mehr in Gott. Eigentlich habe ich mich selbst und meine Kraft zu kämpfen, an Gottes Stelle in meinem Leben gesetzt. Und dann habe ich diesen Satz hier gebetet: Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott. Vater – vergib. Auf einmal habe ich mich gefragt, ob ich wirklich so an Gott glaube, dass ich es wirklich wagen könnte, Gott zu vertrauen. Das habe ich dann probiert. Das war nicht einfach. Ich musste es mir immer wieder neu vornehmen, auf Gott zu vertrauen und nicht allein auf meine Fähigkeiten. Aber irgendwann hat es geklappt:  Ich bin ruhiger geworden. Und vielleicht haben sich für mich auch dadurch Türen aufgetan. Ein Freund hat mich unterstützt. Ich habe eine neue Arbeit und bald auch eine neue Wohnung gefunden. Diese Bitte spreche ich jetzt ganz anders:

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott, Vater, vergib.

            

 

Wort zum Tag, 16.1. 2016, Cornelia Radeke-Engst

   

Clara wäscht sich nie

 

Neulich durfte ich Clara ins Bett bringen. Sie ist fünf. Nach dem Zähneputzen sollte es ans Waschen gehen. Wir waschen uns abends nicht, sagt mir Clara. Oh, sage ich, aber das Gesicht und die Hände schon. Nein, gibt Clara Auskunft, das Gesicht auch nicht, die Hände sind ja beim Zähneputzen schon nass geworden. Ach, sage ich, wann wascht ihr euch denn? Wir baden manchmal, sagt Clara. Auf keinen Fall will ich es mir mit Clara verderben. Heute wird also nicht gewaschen. Morgen Abend wird schon ihre Mama dafür sorgen. Mir fällt Gerhard Schönes Lied ein: Jule wäscht sich nie. Bei Youtube ist es sofort zu finden. Clara hört sich das aufmerksam und mit Interesse an. Aber Jule wäscht sich ja erst zur eignen Hochzeit. Und Claras Hochzeit ist zugegebener Maßen noch in weiter Ferne. Es ist eine bewundernswerte Stärke von Fünfjährigen, ihre Wünsche zur Wirklichkeit werden zu lassen. Clara versteht es auch schon zu argumentieren. Nun könnte ich meinerseits argumentieren, dass sich alle Menschen waschen, dass ich weiß, dass die Eltern fürs Waschen sind. Das schwächste Argument wäre sicher zu sagen, das macht man einfach, man wäscht sich.

Aber – wie gesagt – Claras Charme und ihr Argumentieren-üben, lassen mich nachsichtig sein. (Ich will es mir mit Clara nicht verderben.) Sie merkt wohl, dass sie mich nicht überzeugt hat, aber sie hat erreicht, was sie will, sie geht ungewaschen ins Bett. Echt, das hast du gemacht, fragt mich mein Mann. Ja, sage ich, die Welt geht doch davon nicht unter.

Es ist meine Liebe zu diesem Kind, die mich großzügig sein lässt. In dieser Großzügigkeit bin ich Gott nahe. Denn das ist eine der Eigenschaften Gottes: seine Großzügigkeit den Menschen gegenüber.Gott ist großzügig meinen Versäumnissen gegenüber und meinem oft abenteuerlichen Argumentieren, dass es richtig war, dies zu tun oder jenes zu lassen.

Paulus sagt, kleidet Euch als Menschen Gottes und seine geliebten Kinder so: mit herzlichem Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld und über allem tragt den Mantel der Liebe. So geschieht Gottes Großzügigkeit dann und wann unter uns. Mit Kindern ist es einfach, großzügig zu sein. Das stimmt, sagt mein Mann, wenn wir doch öfter so großzügig wären.

Die Welt geht davon nicht unter, Großzügigkeit bringt uns Gott näher.

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