05.04.2014 | Predigt zum Sonntag Judica 2014

Draußen vor dem Tor: „Es war alles geschehen, während sie schlief. Plötzlich war ihr ein Sack über den Kopf gestülpt worden wie den Kätzchen, wenn sie in den Fluss kommen. Dann war der Sack mit ihr drin auf einem Lastwagen gelandet. Dort auf dem Lastwagen lagen noch viele andere Säcke. Sie fuhren,

Cornelia Radeke-Engst

 

Draußen vor dem Tor:

„Es war alles geschehen, während sie schlief. Plötzlich war ihr ein Sack über den Kopf gestülpt worden wie den Kätzchen, wenn sie in den Fluss kommen. Dann war der Sack mit ihr drin auf einem Lastwagen gelandet. Dort auf dem Lastwagen lagen noch viele andere Säcke. Sie fuhren, aber wohin? Niemand konnte das beantworten. Zitat aus der Erzählung „Love“ des gleichnamigen Buches von Susanna Tamaro.

Draußen vor dem Tor – ein Leben lang.

In dieser Erzählung von Susanna Tamaro ein Roma-Mädchen

 

Draußen vor dem Tor:

„So fragt nicht mehr nach mir, sondern lasst mich damit ausgelöscht  sein.“ schreibt vor 70 Jahren Friedrich Karl Klausing, einer von Stauffenbergs Gefährten, die an der Garnisonkirche beheimatet waren, in seinem Abschiedsbrief an die regimetreue Familie. (im Buch von Antje Vollmer, Lars-Broder Keil)

 

Draußen vor der Tür:

Der Heimkehrer Beckmann, sich selbst fremd geworden, bei Wolfgang Borcherts.

 

Draußen vor den Toren Europas heute:

in den Booten auf dem Mittelmeer, Familien, die Hunger und Krieg entfliehen.

 

Liebe Schwestern,

liebe Brüder,

 

es ist die Erfahrung Gottes draußen vor den Toren der Stadt zu sein,

weiß der Hebräerbrief. Er schärft das Bewusstsein einer müde gewordenen Gemeinde und reiht sich dabei in das Ringen um die Deutung des Todes Jesu ein.

Er weiß:

Unter römischer Besatzung sterben Gewaltopfer vor den Toren Jerusalems.

Golgatha – damals vor den Toren der Stadt.

Dort sterben die jüdischen Märtyrer für ihr Volk.

Sie sind die Gerechten Gottes, die für die Sache Gottes sterben.

Er weiß, diese politische Dimension hat der Tod Jesu.

 

Aber er weiß auch:

Vor den Toren der Stadt besprengt der Hohepriester am Großen Versöhnungstag den Sündenbock mit Blut, stemmt ihm mit seinen Händen die Sünde des Volkes auf und jagt ihn in die Wüste.

Und er trägt das Blut des Opfertieres durch den Vorhang zum Allerheiligsten, dem Ort an dem Gott anwesend ist.

Vor den Toren der Stadt wurden die Opferreste verbrannt.

Vor den Toren der Stadt beginnt damit der Neuanfang.

 

Und für ihn ist Jesus, der vor den Toren der Stadt stirbt

- zugleich endzeitlicher Hohepriester und sein Leben Dankopfer und Hingabe an Gott– Anfang des neuen Lebens.

Innerhalb dieser Terminologie des jüdischen Glaubens rekapituliert der Hebräerbrief noch einmal die Bedeutung des Sterbens Jesu und dadurch den Anbruch des neuen Lebens

Ich lese ihnen jetzt aus Hebräer 13 etwas mehr Verse als die für den Predigttext für den morgigen Sonntag vorgeschlagen, nämlich die Verse 11-16.

 

Denn das Blut der Tiere wird vom Hohenpriester zur Sühnung der Sünde (zur Vergebung der Toraübertretung) in das Heiligtum gebracht, ihre Körper aber werden außerhalb des Lagers verbrannt. Deshalb hat auch Jesus draußen vor dem Tor gelitten, um durch sein eignes Blut das Volk zu heiligen. So lasst uns nun, zu ihm hinausgehen aus dem Lager, aus der Stadt und seine Schande mit ihm tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen. Dieses Lob ist die Frucht der Lippen, die Gottes Namen bekennen. Gutes zu tun und mit anderen zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfergaben gefallen Gott.

 

Der Hebräerbriefes erklärt den Tod Jesu vor dem Hintergrund des jüdischen Kultes: Der himmlisch-irdische Hohepriester Jesus Christus bringt sich selbst dar,

er teilt mit-fühlend menschliche Schwachheit,

in ihm wird die Kluft zwischen Gott und Mensch überwunden.

Er hat den Zugang zum Allerheiligsten, in dem Gott gegenwärtig ist, eröffnet.

 

Für die Gemeinde des Hebräerbriefes war das ein hilfreicher Vergleich.

- für uns nur über Umwege zu verstehen.

Wir wissen:

Vor den Toren der Stadt ist Golgatha:

Dort stirbt Jesus als ein Gewaltopfer des Imperium Romanum.

Aber wir wissen auch:

Seine Lebenshingabe gilt dem neuen Leben, der zukünftigen Stadt Gottes.

In dieser Lebenshingabe inmitten seiner Geschwister leuchtet das neue Leben auf.

Zugleich zeigt sich, wie bedroht das  neue Leben ist.

Es hat keinen Platz in der Stadt, es wird abgeschoben draußen vor die Tore der Stadt.

Jesus bleibt diesem Leben treu, seine Lebenshingabe bricht in der Todesgefahr nicht ab.

Jesus geht seinen Weg der Treue zu Gott bis in den Tod.

In seiner Auferweckung protestiert Gott gegen den Tod.

 

 

Denn: Die Einsamkeit draußen vor dem Tor ist die Einsamkeit Gottes.

Weil Gott selbst draußen vor dem Tor leidet, hat die christliche Gemeinde ihren Ort draußen vor dem Tor.

Lasst uns hinausziehen und seine Schmach, Schande, sein Außengestoßen sein mittragen, fordert der Hebräerbrief die Gemeinde auf.

Draußen vor dem Tor schärft sich der Blick auf das Leben.

Dort gibt es eine Gemeinschaft derer, die ausgestoßen sind.

Dort kommen sie in den Blick,

die nicht dazu gehören oder die unsere Kreise stören.

Auf sie hin ermahnt der Hebräerbrief: Bleibt in der geschwisterlichen Liebe.

Wie gut, dass wir am Ausgang Kollekte für die Gefängnisseelsorge sammeln.

 

Der Ort von Kirche ist draußen vor dem Tor.

Deshalb ist es gut, dass wir hier zunächst in einer temporären Kapelle sitzen, draußen vor dem Tor;

dass wir angegriffen werden.

Das kann unseren Blick schärfen, für das, was die Menschen hier brauchen.

So können wir beginnen, die innere Kirche, die geistlichen Fundamente und den inneren geistlichen Rohbau aufzubauen, bevor wir mit dem Turmbau beginnen.

 

Ich frage mich, ob der Gegenwind der uns entgegenschlägt,

nicht auch von Menschen kommt,

die draußen vor dem Tor stehen, vielleicht in den Quartieren jenseits der Altstadt,

von Menschen, denen die stolzen Bauten in der Stadt ihr Außenseitersein demonstrieren,

die vielleicht Verlierer der Wende sind,

in deren Augen Kirche wieder mächtig geworden ist: Altar und Thron, Schloss und Garnison,

die von draußen vor den Toren auf „Mitte schön“ schauen

oder auf uns.

Andererseits ist die Initiative „Potsdam ohne Garnisonkirche“ ein Versuch, auch die Wiederaufbauinitiative draußen vor die Tore zu schieben,

als die ewig Gestrigen oder Nazis…

 

Wir werden zunächst auf den Turm zuarbeiten,

mit großer Umsicht werden wir uns hüten, diesen Turm zu einem Turm der Sprachverwirrung wie in Babel werden zu lassen.

Lassen Sie uns nicht vergessen, wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern als wanderndes Gottesvolk suchen wir die zukünftige.

Unser Auftrag ist zuerst, an der zukünftigen zu bauen

Diese zukünftige Stadt leuchtet dort auf, wo wir in Solidarität und tätigem Engagement für die Menschen, draußen vor dem Tor stehen…

 

Einsamkeit, Ausgeschlossensein sind menschliche Grunderfahrungen.

Es kommt kein Mensch durch sein Leben, ohne diese Erfahrung zu machen.

Draußen sein, sich fremd zu fühlen, nicht dazuzugehören,

oder gar ausgeschlossen zu werden, rauszufliegen…

Ich habe diese Erfahrung als Schülerin in der DDR gemacht, als Christin oder wegen meiner Herkunft (aus einer bürgerlichen Familie).

Das Draußen hat meine Widerstandskraft gestärkt.

Auch weil ich die Erfahrung der Gemeinschaft  der Geschwister Jesu in der DDR-Kirche gemacht habe.

Wenn wir durch Ausgeschlossen sein, Niederlagen, Krankheit oder eine Mauer aus Unverständnis, vor die Tore gestellt sind,

sind wir dort nicht allein, sondern erfahren hoffentlich die Gemeinschaft der Geschwister.

Und wir teilen eine Erfahrung Gottes, die in das Leiden führt, vielleicht in ein kleines Sterben mitten im Leben.

Aber wir wissen, wenn wir in den Tod geführt werden,

dann behält dieser nicht das letzte Wort in unserem Leben,

die Aufstehkraft lässt Leben aufleuchten hier und heute und alle Zeit.

Amen

 

Cornelia Radeke-Engst

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