03.05.2014 | Predigt zu Miserikordias domini 2014

Predigt zu Miserikordias domini 2014 in Erinnerung an den letzten Gottesdienst am 2.5.1968 in der Heilig-Kreuz-Kapelle des Turmstumpfes der Garnisonkirche vor deren Sprengung...

Predigt zu Miserikordias domini 2014 in Erinnerung an den letzten Gottesdienst am 2.5.1968 in der Heilig-Kreuz-Kapelle des Turmstumpfes der Garnisonkirche vor deren Sprengung.

von Cornelia Radeke-Engst

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

 Der Gott des Friedens, der den großen Hirten der Schafe, unseren Kyrios Jesus, durch das Blut des ewigen Bundes von den Toten heraufgeführt hat, der mache euch fähig und bereit zu allem Guten, damit ihr seinen Willen tut. Er möge in uns das bewirken, was ihm gefällt, durch Jesus Christus; dem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

So der Hebräerbrief im Schlussteil, dem 13. Kapitel – unser Predigttext für den morgigen Sonntag.

 Liebe Schwestern, liebe Brüder,

mit zugeschnürter Kehle kämpft sich die Stimme des Pfarrers durch das Fürbittengebet.

Die Gemeinde – und ich als Hörerin der Tonaufnahme spürt,

wie diese Stimme gegen Tränen, Enttäuschung ankämpft

und um die spürbare Erfahrung der Nähe Gottes,

um das Gefühl, im reißenden Strom der Ereignisse von Gott geführt zu werden.

 

Unter Tränen nimmt die Gemeinde mit einem Gottesdienst am 2.Mai 1968 Abschied von der Heilig-Kreuz-Kapelle im Turmstumpf der Garnisonkirche.

Nur noch wenige Stunden wird sie Eigentümerin des Grundstücks sein.

Der Beschluss zur Sprengung steht.

Anderthalb Jahre des Kämpfens waren vergeblich, genauso die Jahre in denen die Ruine mühsam gesichert wurde – vergeblich.

Eine letzte halbe Stunde Gottesdienst in der Heilig-Kreuz-Kapelle.

Dann wird sie ausziehen von diesem Ort mit der Bibel und den Vasa sacra, mit Kruzifix und Leuchtern.

Und wie die Geschwister im Glauben 2000 Jahre lang ringen auch sie in einer Situation, in der sie endgültig verloren haben,

ohnmächtig vorgeführt werden,

die Sieger lachen sehen,

ringen um das, was sie an der Stirnwand der Kapelle lesen:

Er machte Frieden durch das Blut an seinem Kreuz.

Diese Worte vor Augen ringen sie um diesen Frieden,

damit nicht das Wort der Feinde,

sondern der Frieden, den Gott aufrichtet in den Herzen, das letzte Wort behält.

Diesem Ringen um Frieden schlägt ein harter Wind entgegen,

übrigens auch von innerhalb der Kirche.

Als nach dem Krieg das Grundstück mit der Ruine in die Hände der Gemeinde übergeht,

weigert sich Bischof Dibelius 1948 strikt, dem Wunsch der Gemeinde einer Umbenennung in Versöhnungskirche zuzustimmen.

Um diesen Frieden ringen sie, denn ohne diesen Frieden ist alles verloren.

Die Friedlosen, die Feinde, die Rachgierigen sind abgeschnitten von der Quelle des Lebens – von Gott.

 

Diese kollektive Erfahrung der Heilig-Kreuz-Gemeinde reichern wir

mit eigenen Lebenserfahrungen an.

Gegen eine Wand laufen, gescheitert sein,

durch Verhältnisse oder,

in eine Niederlage gerungen werden,

mitten im Leben auf die Verliererseite geraten,

durch eine tödliche Krankheit handlungsunfähig erstarrt.

Aber viel schlimmer noch als das, was mir widerfährt,

ist zu spüren, wie Unfriede in mein Herz zieht,

Wut mein Gesicht verzerrt,

Hass mir den Lebensatem nimmt,

Verzweiflung mich sterben lässt mitten im Leben.

 

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Schlimmer noch, als das, was mir widerfahren ist,

diese offene Frage.

 

Um den Frieden, den Gott schenkt, ringen sie und so öffnen sie an diesem Tag ihre Herzen auf eine ganz simple Weise für die Berührung mit dem Leben, die Begegnung mit Gott:

Für den Zuspruch aus Gottes Wort in Tageslosung und Tageslese.

So einfach und so tröstlich kann das sein.

 

Die Tageslosung aus Daniel 9, 4-5:

„Ach, Herr du großer und heiliger Gott… Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden, wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen.“

So wird ihnen dieser letzte Gottesdienst zum Bußgottesdienst:

Ach, Herr du großer und heiliger Gott,

du allein weißt um die Vergangenheit,

deren stumme Zeugen die Steine dieser Kirche sind.

Du weißt um die Frömmigkeit, aufrechtem Glauben an diesem Ort,

aber auch von Kriegstreiberei, Militarismus, Machtpolitik, menschlicher Selbstüberhebung.

Das Vermächtnis, das der Erbauer der Kirche an diesem Ort, Friedrich Wilhelm I. seinem Nachfolger übergibt,

„er möge nur ja keinen ungerechten Krieg führen, denn Gott wird dem wiederstehen, der diesen beginnt“,

hat nicht nur sein Nachfolger nicht erfüllt.

 

Und so nehmen sie das, was ihnen jetzt widerfährt,

was sie in die Niederlage zwingt,

die Sprengung ihrer Kirche,

nicht aus der Hand der Gegner, die Werkzeug Gottes sind,

sondern aus Gottes Hand.

Das lernen sie/wir als Christen aus der Tradition unserer jüdischen Geschwister: Alles kommt aus Gottes Hand,

  • wie schwer nur können wir das verstehen!

Auch was aus der Hand von Menschen kommt, ist gewandelt, wenn wir es aus Gottes Hand nehmen.

Und so geht Pfr. Dittmer in seiner Predigt damals

sogar so weit zu sagen:

Mit dieser Sprengung ist nicht das Gebäude gemeint,

sondern darin wird das Urteil über die Kirche gesprochen,

die den falschen Weg gegangen ist,

Ärgernis und Anstoß war,

und kein Salz der Erde und kein Licht der Welt war.

 

Das Urteil trifft uns, nicht das Gebäude, sagt er und:

„Es ist die Stunde der tiefen Demütigung und zu gleich Stunde der Buße.“

Er fordert auf, wie Daniel im Losungswort sich „in der Not an Gott zu wenden. Das zeigt uns den Weg.“

Und so machen sie wie die biblische Tradition

die Schuld der Vorväter, der Vormütter zur eigenen Schuld.

Sie stellen die Frage nach Gottes Handeln in der Geschichte.

Gottes Handeln, das wir oft nicht verstehen

und nur mit Hiob nach der Gegenwart Gottes fragen und feststellen können: ach Gott, wie sind deine groß Gedanken, ich kann sie nicht verstehen.

Vor Augen haben sie als Unterpfand das Zeichen des Todes,

das Kreuz, das zum Baum des Lebens geworden ist.

 

Wiederum will ich den Bogen von der kollektiven zur persönlichen Dimension schlagen,

zu unserem Umgang mit persönlichen Niederlagen und Verletzungen.

Das, was mir geschieht, muss mich nicht verletzen.

Verletzt werde ich, so hat mir neulich ein Freund geschrieben, „wenn ich potentiell in die Opferrolle schlüpfe.

Aber das habe ich nicht nötig. Objektiv ist vieles verletzend.

Aber innerlich kann ich mich auf den Standpunkt stellen:

Dass ihr mich verletzt, das wird Euch nicht gelingen.

Ich nehme nichts aus der Hand von Menschen entgegen,

auch wenn es mir von Menschen entgegen kommt.

Ich nehme das, was mir geschieht, nur aus Gottes Händen entgegen.

Ich glaube, dass Jesus so gelebt hat.“ 



Als Paulus in Lystra gesteinigt wird und die Menschen ihn umringen und meinen, er sei tot, da steht er auf und geht mit den Brüdern und Schwestern in die Stadt zurück.

Und am nächsten Tag reist er mit Barnabas in die Nachbarstadt.

Was macht er da? Er macht einfach weiter. Es ist, als wenn er sagen würde: “Und jetzt erst recht!”

„Ihr könnt versuchen, mich zu verletzen,

aber dass ich verletzt bin und voller Angst resigniere,

das steht nicht in eurer Macht.“

Nur wenn ich, was mir von Menschen widerfährt,

aus Gottes Hand nehme,

mich in seiner Liebe so berge,

dass ich mich öffnen kann für das,

was ich in einer Situation der Demütigung oder des Verlierens

für die Reifung des inneren Menschen in mir lernen kann,

werde ich aufstehen ins Leben.

Vielleicht kann ich dann sogar das DENNOCH in tödlicher Gefahr sprechen: „und dennoch bleibe ich stets bei dir, du leitest mich an meiner rechten Hand.

Wenn ich nur dich habe, frage ich nichts nach Himmel und Erde…“

Dieser Mut, anzunehmen, was mir widerfährt aus Gottes Händen,

der Mut zum “Jetzt erst recht!”

Dieser Mut kann nur errungen, erbetet werden.

Diesen Weg kann nur ein Mensch jeweils selbst Schritt für Schritt gehen. UND es steht keinem Mensch zu dies einem anderen Menschen als Ratschlag zu geben.

 

Genauso wenig, steht es uns zu, die Glaubenserfahrung,

die die Geschwister beim Auszug aus der Kapelle gemacht oder

auch nicht gemacht haben, zu beurteilen.

„Er machte Frieden durch das Blut an seinem Kreuz.“

So stand es an der Stirnwand der Kapelle.

Wir werden die Kapelle wieder aufbauen.

Nach meiner Kenntnis ohne diesen Satz sichtbar an der Wand.

Aber in seinem Vermächtnis.

Damals sagt Uwe Dittmer

„Die Entscheidung, um die es geht, ist die ob wir das Wort von der Buße hören.

Ob wir also den neuen Weg gehen, den Jesus Christus uns vorgezeichnet hat,

und auf dem er uns in die Nachfolge ruft,

den Weg nicht des Herrschen und nicht des Dominierens in der Gesellschaft,

sondern den Weg des Leidens und des Weg des Dienens und den Weg der Versöhnung.“

„Er machte Frieden durch das Blut an seinem Kreuz.“

Mit seinem Leben bis in den Tod ist er, der große Hirte der Schafe,

für diesen Frieden eingetreten,

hat nicht mutlos resigniert

und hat dadurch gezeigt,

dass Gottes Friedensgeschichten mit seiner Welt

nicht im Tod, in der Erde oder mit zubetonierten Fundamenten enden.

Im Vertrauen in ihn bekommen wir Anteil an dieser Lebenskraft Gottes in ihm,

um so Menschen seines Friedens zu werden.

Über alle Zeit wartet dieser Frieden auf uns.

Damit wir ihn leben.

„Der Gott des Friedens,  …der mache euch fähig und bereit zu allem Guten, damit ihr seinen Willen tut.“

Das heißt: sichtbar der Versöhnung in der Welt dienen in politischen oder privaten Bezüge, das wird darüber entscheiden,

ob wir wirkliche eine Versöhnungskirche bauen.

Amen

 

Cornelia Radeke-Engst

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