21.06.2014 | Predigt zu 1. Petrus 2, 4-8 im Einführungsgottesdienst am 21. Juni 2014 von Cornelia Radeke-Engst

Predigt zu 1. Petrus 2, 4-8 im Einführungsgottesdienst am 21. Juni 2014 von Cornelia Radeke-Engst Gnade und Friede sei mit Euch von dem der da ist, der da war und der da kommt. Amen. Liebe Festgemeinde, liebe Schwestern, liebe Brüder, in meiner ehemaligen Pfarrstelle am Dom zu Brandenburg wurde viel gebaut. Zum Richtfest haben jeweils

Predigt zu 1. Petrus 2, 4-8 im Einführungsgottesdienst am 21. Juni 2014 von Cornelia Radeke-Engst

Gnade und Friede sei mit Euch von dem der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Festgemeinde,

liebe Schwestern, liebe Brüder,

in meiner ehemaligen Pfarrstelle am Dom zu Brandenburg wurde viel gebaut. Zum Richtfest haben jeweils die Kita-Kinder gesungen: Stein auf Stein, Stein auf Stein, das Häuschen wird bald fertig sein.

Davon kann ja hier gar keine Rede sein. Sie sitzen heute vor der Baustelle. Wir sind noch dabei Steine zu beschaffen, mit der Ziegelspenden Aktion, den Ziegelpatenschaften oder auch dem Verkauf von Spender-Rotwein, der in Ziegelsteine umgesetzt werden kann.

2,4 Millionen Steine werden gebraucht,Fassaden- und Ziersteine, ein dicker Katalog gibt darüber Auskunft.

Worauf bauen wir? – Wir bauen auf ein Fundament, dessen Grundstein vor 9 Jahren am 60. Jahrestag der Zerstörung der Garnisonkirche gelegt wurde. In der Kapsel des Fundaments ist u.a. der „Ruf von Potsdam“.

Dieser Ruf zeigt, das eigentliche Fundament unseres Bauens ist unser Glauben an den Auferstandenen.

Der Auferstandene ist der Eckstein, den Gott gelegt hat, der das gesamte Fundament zusammenhält.

Jesus Christus – ein bewährter Stein, ein kostbarer Eckstein – schreibt der Verfasser des Petrusbriefes, in dem Text, den wir gehört haben.

Wie wichtig tragende Fundamente sind, hat sich beim Bau der ersten Garnisonkirche ja schon einmal gezeigt.

Wie wichtig das Fundament mit diesem Eckstein ist, macht die Geschichte der Kirche deutlich: Die Auferstehung aus dem Tod ist das neue Leben.

 

Was bauen wir? Wir bauen eine NEUE Kirche.

Das verbindende Element zwischen der alten und der neuen Kirche ist der eine Eckstein, ein von Vielen verworfener Stein – wie der Felsen von Golgatha beim Bau des Tempels – der durch die Zeiten hindurch Stein des Anstoßes bleibt

Der Eckstein der durch die Zeiten hindurch Stein des Anstoßes bleibt.

Wir bauen eine neue Kirche. Dem Aufbau der neuen äußeren Kirche geht der Bau der inneren Kirche voraus.

Wir bauen entschlossen an dieser inneren Kirche, einer Profilgemeinde, die die Versöhnungsidee der Nagelkreuzgemeinschaft lebt.

Dazu gehört das regelmäßige Versöhnungsgebet, aber viel mehr noch die Lebensregeln der Versöhnung.

Im Zeichen des Nagelkreuzes sind wir dem Dienst der Versöhnung verpflichtet.

Deshalb reflektieren wir die Vergangenheit an diesem Ort.

Richard von Weizsäcker hat zum 40. Jahrestag der Beendigung des 2. Weltkriegs gesagt – Sie kennen das Zitat: „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart…

Gerade deshalb müssen wir verstehen, dass Versöhnung ohne Erinnerung gar nicht sein kann.“

Deshalb schaffen wir Raum, Geschichte zu erinnern:

Erinnern ist eine Grundqualität des jüdisch-christlichen Glaubens.

Wir bauen einen Ort, an dem Vergangenheit reflektiert und Schuld bekannt wird. Wir schaffen einen sicheren und geschützten Raum, wo Menschen sich zuhören und begegnen, die unterschiedliche Biografien haben, wo Verletzungen und Trauer benannt, Zuhören geübt und vielleicht Heilung ermöglicht werden kann. (Dazu haben wir am Montag, dem Tag der Sprengung des Turmes und im Herbst mehrere Veranstaltungen.) Wir schaffen einen Raum, an dem die Geschichte dieses Ortes erzählt und erinnert wird für unsere Kinder und Enkelkinder.

Interessanterweise hat das hebräische Wort für bauen bana einen gemeinsamen Wortstamm mit dem Wort Kinder: ben banim.

Wir bauen durch die nachfolgenden Generationen. Deshalb muss es hier unspektakuläre Regelangebote für Jugendliche geben. Wir erarbeiten ein Curriculum für den Geschichts- und den Religionsunterricht und eines für Lehrerfortbildungen an diesem Ort.

Wie bauen wir?

Wir bauen nicht den Festungsbau von 1732,

sondern wir bauen mit modernen Baustoffen, viel leichter, aber trotzdem stabil.

Wir bauen durchlässig für den Austausch mit den Menschen, die uns in der Festung vermuten.

Keinen Festungsbau, sondern ein einladender Raum,

in dem auch Menschen, die Angst haben vor Altar und Thron, Schloss und Garnison gehört werden.

Kein Kriegsgeschrei, wir sprechen nicht von Gegnern, sondern wir üben uns gemeinsam darin, in den anders Denkenden,

Menschen mit Herzensanliegen zu sehen:

Menschen, für die das „alte, bewahrenswerte Potsdam“ das mit der Architektur aus der DDR-Zeit ist,

aber auch für die, denen der Glaube Stein des Anstoßes ist,

für Menschen mit Herzensanliegen, die sich an dieser Stelle ein leichtes Zelt, also einen modernen Bau wünschen

und genauso wie die, denen die alte Mitte mit Garnison – wie für uns – ein Herzensanliegen ist.

 

Der 100jährige Pfarrer Stinzing

hat erzählt, dass irgendwann in der DDR-Zeit die FDJ einen Kahn mit der Aufschrift der „Geist von Potsdam“ versenken wollte.

Dazu wurde der Kahn mit Steinen beschwert, um den Geist von Potsdam zu ertränken. Dann aber sind die Steine unter Wasser herausgekippt, der Kahn hat sich befreit und kam wieder nach oben.

Der Geist von Potsdam lässt sich also nicht so leicht versenken und besiegen.

Mir fiel dazu ein Wort ein, das die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf in dem gleichnamige Roman der Seherin Kassandra in den Mund legt: „wenn ihr aufhören könntet zu siegen, würdet ihr leben.“

Das ist der Geist der Bergpredigt. Wir wissen, in unserer globalen Welt kann es nicht mehr Sieger oder Verlierer geben, sondern wenn wir einander bekämpfen nur noch Verlierer.

Der Geist von Potsdam lässt so nicht besiegen, aber vielleicht verstehen, wenn wir nach ihm fragen.

Deshalb schaffen wir Raum für das Lernen, um dem Geist von Potsdam auf die Spur zu kommen.

Welcher Geist von Potsdam wabert denn überhaupt durch unsere Köpfe?

Der des preußischen Militarismus und Gehorsams,

der des Widerstands, des militärischen oder des kirchlichen oder des kommunistischen Widerstandes gegen das Naziregime

oder der Geist des „neuen Potsdam in der DDR-Diktatur“, der neuen Weltordnung, der sich in den DDR-Bauten manifestiert…?

Wir schaffen Raum für das dialogisches Lernen.

Geschichte erinnern, reflektieren und Verantwortung lernen.

Dieser Ort mahnt uns zu wacher Verantwortung in der Welt.

Eine Freundin hat in ihrem Buch die Frage gestellt, kann man Orte heilen?

Und schreibt: „Es müsste jemand die wichtigsten Scherben einzeln ans Licht bringen. Wenn einem das gelänge, würde das große Loch in der Mitte tief ausgeschachtet werden. Auf den Boden könnte man die Scherben legen und ein neues Muster entstehen lassen.“ (Evamaria Simon, „Kann man Orte heilen?“)

Wenn es uns gelänge, aus den Scherben der Militärkirche das neue Muster einer Friedenskunstschule zu legen.

Ein Forum für „Gewaltfreie Kommunikation“ zu bauen, für Kursangebote in „Gewaltfreier Kommunikation“ werden wir heute die Kollekte sammeln.

Ein Ort der Mediation, ein Ort des Friedens im Geist Jesu, im Geist der Bergpredigt, wenn wir lernen, dass diese Kirche wiederum missbraucht wird,

wenn sie ein Ort des Unfriedens ist, dann könnte dieser Ort heilen.

 

Das ist der dritte unseres Dreischritts: Geschichte erinnern, Verantwortung lernen: Versöhnung leben.   

Deshalb lernen wir hier Friedenskunst durch den Versöhnungsaufruf des Nagelkreuzes.

Versöhnung ist alles andere als peinlich und verschlafen. Versöhnung braucht Mutige. Wir betreten heiligen Boden, wenn Vergebung gelingt und Versöhnung möglich wird. Unser Bischof, Markus Dröge, hat gesagt, „das Ziel des Aufbaus ist erreicht, wenn ein aktueller Versöhnungsruf in konkrete Konfliktsituationen hin­ein zu hören ist, wenn von diesem Ort der Mut ausgeht, in einem gesellschaft­lichen, poli­ti­schen, sozialen oder religiösen Konflikt als Botschafter der Versöhnung zwischen streitende Parteien zu treten.“ (Rede auf dem Neujahrsempfang der Fördergesellschaft 15.1.2014) Und wenn wir hier Anwaltschaft an Christi statt für die „Elenden und Bedrückten“ übernehmen – wie für die 51 Mill. Flüchtlinge, die Hälfte von ihnen unter 18 Jahren alt – die in diesen Tagen auf dieser Welt Heimat suchen.

Wirbauen mit lebendigen Steinen eine Versöhnungskirche,

wohlwissend, dass das Fundament mit dem einen Eckstein, auf den wir bauen Stein des Anstoße, Fels des Ärgernisses bleibt.

Aber an ihm hat sich der Tod die Zähne ausgebissen.

 

Wir schaffen Raum für die Begegnung miteinander UND für die Begegnung mit Gott.

Wir bauen eine neue Kirche, den neuen Tempel, den Ort, wo die Nähe Gottes,  wo das Geborgensein meines Lebens in Gott erfahrbar ist.

Es wird Gottesdienste, Meditation und Glaubenskurse geben.

Der neue Tempel – ein Haus aus lebendigen Steinen, in dem der Geist des Friedens und der Versöhnung sichtbar lebt.

 

Als Letztes: Womit bauen wir?

Mit Steinen, Stein auf Stein…Ja, Steine können lebendig sein.

Da ist einer heute unter uns, der als junger Mann mit auf der Turmruine stand, um sie zu sichern.

Da ist der GKR, der nach dem Krieg den Antrag gestellt hat, die Kirche in Versöhnungskirche umzubenennen.

Da ist die Spenderin, die von ihrer kleinen Rente jeden Monat 10 Euro spendet.

Da sind die vielen Ehrenamtlichen, viele sind nicht nur mit E-Mail-Botschaften rund um die Uhr im Einsatz.

Es sind so viele, die Hilfe und Mitarbeit angeboten haben, dass ich in den ersten 10 Wochen nur einen kleinen Teil von Ihnen treffen konnte.

Da sind die kreativen und unermüdlichen Hauptamtlichen von FWG und Stiftung ein Schatz, ein gutes Team, das Gewaltiges stemmt.

Deshalb will ich mit einem DANK abschließen:

DANKE, dass Sie mich so herzlich willkommen geheißen und unterstützt haben,

Dank all den Genannten, dem Vorstand der FWG, dem Kuratorium, und den Vorständen der Stiftung und einer wunderbare Vorgängerin, Kolleginnen und Kollegen, Freudinnen und Freunden, die mich in der Übergangszeit unterstützt haben, den Menschen, die mich ermutigt haben, mich zu bewerben.

Hier ist ein Ort des neuen Lebens, an dem Menschen als Opfergaben ihre Herzen bringen, als lebendige Steine ein Gotteshaus, eine Versöhnungskirche zu bauen.

Der Friede Gottes, der größer ist als alles Verstehen und Vollbringen bewahre Eure Herzen in Christus Jesu, den wir gehören, dann wird hier ein Ort des neuen Lebens sein. Amen.

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