13.12.2014 | Predigt von Susanne Kahl-Passoth zum Thema Versöhnung

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist, der da war und der da kommt...

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,

als Erstes ein Blick auf eine Statistik:

der Paritätische Wohlfahrtsverband hat Mitte November eine Meldung veröffentlicht, wonach die bundesweite Armutsquote auf ein neues Rekordhoch von 15,5 Prozent gestiegen ist. Die Gründe hierfür liegen vor allem in der steigenden Altersarmut. Hinter diesen Zahlen verbergen sich Menschen, die von Transferleistungen abhängig sind, die in der Regel ausgeschlossen sind von der Beteiligung am gesellschaftlichen Leben. Die Schere zwischen arm und reich in unserer Gesellschaft geht immer weiter auseinander.  Es fehlen Konzepte, Pläne wie der steigenden Armut zu begegnen ist. Man scheint sich mit der Existenz von Armut zu arrangieren.

Als Zweites ein Blick auf ein ungewöhnliches Ereignis:

Am 22. Dezember ist es wieder so weit: schon am späten Vormittag stehen die Ersten vor dem Tor des großen Saals des Hotel Estrel in Berlin Neukölln. Gegen 15 Uhr rollen die Busse der BVG an. Dann öffnen sich die Tore zur 20. Weihnachtsfeier für Obdachlose. Frank Zander, Sänger, der Gastgeber wird wie immer am Eingang stehen und jeden seiner rund 3000 Gäste mit Handschlag begrüßen – inzwischen nicht mehr nur Obdachlose, sondern auch Familien mit  Kindern, alte Menschen, die an festlich gedeckten Tischen Platz nehmen, mit Gänsebraten und besonderen Nachspeisen bewirtet werden. Berühmte und weniger berühmte KünstlererInnen treten auf - man kann sich die Haare schneiden lassen - Geschenkpakete  für groß und klein warten darauf am Ausgang verteilt zu werden -  bei den  Johannitern kann man medizinische Versorgung erhalten und weitere Angebote warten auf die Gäste. Zusammen mit den Prominenten servieren viele Ehrenamtliche den Gänsebraten mit Rotkohl und Kartoffelklößen. Ein ganzes Jahr dauert die Vorbereitung sprechen Frank Zander und sein Sohn Marcus Freunde, Bekannte, Firmen an  zur Unterstützung dieses Ereignisses. Hier hat sich einer anrühren lassen von dem Elend und der Not von Menschen. Er tut etwas, organisiert ein wunderbares Fest – für viele der Höhepunkt im Jahr -  und nicht nur das, begegnet seinen Gästen mit Herzlichkeit, gibt ihnen die Hand, umarmt sie, lässt sich umarmen. Diese Menschen, die vielfach Missachtung, Verachtung erleben, erfahren hier für ein paar Stunden Aufmerksamkeit, Wertschätzung.

Im 1. Kapitel des Lukasevangeliums heißt es:

„Und Maria sprach:

Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilands;

denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.

Siehe von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.

Denn er hat große Dinge an mir getan,

der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.

Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten.

Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.

Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unseren Vätern und Müttern, Abraham und Sara und ihren Kindern in Ewigkeit.“

Alles in Maria ist erfüllt von der Freude über Gottes Handeln. Gott hat sie wahrgenommen, angesehen, sie, die arme, einfache junge Frau aus dem Volk. Gott hat sie auserwählt, seinen Sohn zu gebären.

Gott tut große Dinge – davon hatte sie gehört, nun hat sie es auch selbst erfahren können.  So wird sie selbst zur direkten Zeugin der Barmherzigkeit und Liebe Gottes.

Sie konkretisiert das, was Gott getan hat und auch in Zukunft tun wird:  

Das, was Maria sagt, klingt wie ein Programm für das Leben des noch ungeborenen Sohnes und doch ist es keines – es ist eher eine Vision, eine Verheißung, eine Hoffnung. Hatte Gott nicht in der Vergangenheit sein Volk immer wieder gerettet, bewahrt: waren nicht die ägyptischen Streitwagen samt ihrer militärischen Besatzungen in den Fluten des Roten Meeres untergegangen; hatte Gott nicht während der langen Wanderung durch die Wüste das Volk Israel immer wieder vor dem Verhungern und Verdursten bewahrt! Hatte Gott nicht auf vielfache Weise auch einzelnen Menschen seine Barmherzigkeit und Zugewandtheit erwiesen. So baut Maria in ihrem Loben eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft: Gott wird auch zukünftig die Menschen begleiten und geleiten – diese Zuversicht in Gottes Treue wird nun in besonderer Weise in der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus erfahrbar. So ist Gott auch weiterhin für Überraschungen gut. So wird auch zukünftig nichts bleiben wie es ist. Den Armen und Ohnmächtigen soll geholfen werden.

Damit Versöhnung geschehen kann, Menschen miteinander in Frieden leben können, bedarf es als eine wichtige Voraussetzung der Gerechtigkeit. Für Gerechtigkeit ist in der Bibel ein entscheidendes Kriterium das Ergehen der Marginalisierten, der am Rande Stehenden, Lebenden. Ganz praktisch wird das von Jesus gelebt und eingefordert: Gott nimmt Partei für die kleinen Leute. Hungrige sollen gespeist, gedemütigte, ihrer Würde beraubte Menschen zu Ansehen verholfen werden, Shalom soll sein und damit ein Friede, der Ausdruck all dessen ist, was Gott für uns Menschen will. Gottes Option für die Armen wird hier artikuliert. Diejenigen, die immer nur Opfer waren, sollen nun Subjekte des Handelns werden.

Bereits Maria singt gegen ihre damalige Realität an. Schließlich stand das Land unter Fremdherrschaft, herrschte Willkür, gab es soziale Not. 

Marias Lied spiegelt wieder, was Unrecht ist, ist ein Lied gegen das Abfinden mit der Wirklichkeit, gegen Resignation und Gleichgültigkeit: Gott hat große Dinge getan, Gott tut große Dinge und Gott wird große Dinge tun.

Und dennoch: glauben wir, dass Gott so handeln wird? Rechnen wir mit dem Eingreifen Gottes? Hoffen wir auf eine versöhnte  Gesellschaft, in der es gerechte Verhältnisse gibt, es keine Armut, kein Elend mehr gibt? Haben wir nicht immer wieder versucht, auf Gottes Gerechtigkeit hin zu arbeiten, ein Arbeiter, eine Arbeiterin für sein Reich zu sein? Was hat das gebracht?

Finden wir uns damit ab? Was trauen wir Gott zu? Trauen wir Gott nur so viel zu, wie wir selber vermögen oder eben auch nicht?

Welche Rolle haben wir Gott zugedacht? Sehen wir Gott nur noch als Klagemauer, als Trostpflaster, das gewohnheitsmäßig bemüht wird?

„Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus dem Lande Ägypten, aus dem Sklavenhause, herausgeführt habe; du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ So stellt sich der Gott Israels vor als ein Befreier.  „Ich bin JHWE“ heißt es in der hebräischen Bibel – so tönt es aus dem brennenden Dornbusch zu Mose. Das wird heute so übersetzt: „Ich werde in immer neuer Weise für euch da sein.“ Hier geht es also nicht nur um einen Namen sondern zugleich um eine Verheißung. Damit entzieht sich Gott unseren Versuchen ihn zu instrumentalisieren, ihn erklärbar zu machen, ihn zu verharmlosen.  Wir dürfen uns frei machen von der Sorge, dass wir die Welt erlösen müssen. Es gibt etwas anderes außerhalb von uns, der sich unentwegt sorgt. Es geht nicht darum, Gott die Arbeit abzunehmen oder als einsamer fighter anzutreten, der Gott  nicht braucht.

Gott wird große Dinge tun. Dieses Große wird vielleicht nicht so spektakulär sein, dass es für Schlagzeilen sorgen wird, aber an der einen oder anderen Stelle dafür sorgt, dass Hungrige satt werden, Menschen ihre Würde zurück erhalten, Kinder geborgen und geliebt aufwachsen können. So geht die Frage an uns, ob wir bereit sind, genauer hinzusehen, dort anzusetzen, wo etwas glückt, wo Menschen einfach etwas  Gutes für andere beginnen zu tun? Oder ob wir uns an der allgemein beklagten Schlechtigkeit der Menschen festhalten  und damit  mit Gott nicht mehr rechnen? Frank Zander ist so ein kleines Zeichen, wie einer Grenzen überwindet, das Elend sieht, versucht mit seinen Möglichkeiten, Brücken zu bauen auf dem Weg zur Gerechtigkeit, zur Versöhnung zwischen uns Menschen.

Gott ist mächtig, barmherzig, voller Sorge für Shalom in einer friedlosen Welt. Seine Sorge sollten wir teilen, aber uns nicht entmutigen lassen, sondern wie Maria voller Hoffnung in die Zukunft gehen, Gerechtigkeit nach unseren Möglichkeiten üben.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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