19.11.2014 | Predigt von Prof. Dr. Klaus Haacker in der Nagelkreuzkapelle zu Buß- und Bettag 2014

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„Buße“ (Umkehr) und Gebet sind eigentlich zwei große Themen, über die man je eine gewichtige Predigt halten könnte. Überschneidungen gibt es in Form von Bußgebeten...

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„Buße“ (Umkehr) und Gebet sind eigentlich zwei große Themen, über die man je eine gewichtige Predigt halten könnte. Überschneidungen gibt es in Form von Bußgebeten wie Psalm 130 („Aus der Tiefe, rufe ich, Herr, zu dir“, von Luther nachgedichtet in „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“). Ich habe stattdessen als Bibeltext für heute einen kleinen Bericht ausgewählt, in dem ein Mensch zu Reue und Umkehr gezwungen wird. Da weiß er nicht mehr, wie sein Leben weitergehen soll. Da bleibt ihm nur noch eines: Beten. Bei Gott anfragen, ihn um Hilfe und Rat bitten:

 

Apostelgeschichte 9,1-11 (Lutherbibel)

1 Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester 2 und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe.

3 Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; 4 und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm:

Saul, Saul, was verfolgst du mich?

5 Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst.

6 Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.

7 Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden.

8 Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts.

Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; 9 und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.

10 Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr.

11 Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet

 

Predigt

Liebe Gemeinde, ein kollektiver Buß-und Bettag, im Kalender festgeschrieben, ist eine seltsame Sache. Die berühmten 95 Thesen Martin Luthers vom 31.10.1517 beginnen mit dem Satz:

„Da unser Herr und Meister Jesus Christus sagt: Tut Buße usw., wollte er, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein sollte.“

Umkehr, neu anfangen also nicht nur einmal im Jahr!

Gemeinsame, womöglich landesweite Bußtage sind darum ursprünglich auch nicht regelmäßig gewesen, sondern Antwort auf akute Notlagen oder Bedrohungen, z.B. auf den Vormarsch der Türken nach Westen im Jahr 1532.Zum gesetzlichen Feiertag für das ganze Deutsche Reich wurde der Buß- und Bettag erst – man höre und staune! – im Februar 1934.

Im zweiten Weltkrieg wurde er dann auf einen Sonntag verlegt, um einen Arbeitstag für die Kriegswirtschaft zu gewinnen.  Von 1952 bis 1966 war er in ganzDeutschland gesetzlicher Feiertag, so auch ab 1990, aber nur vier Jahre, bis er zur Finanzierung der Pflegeversicherung herhalten musste.

Wir merken aus alledem: Der Buß- und Bettag steht seit seinen Ursprüngen im Spannungsfeld zwischen Kirche und Staat, Christentum und bürgerlicher Gesellschaft.

Ein Standardlied zum Buß- und Bettag war darum das Lied „Wach auf, wach auf, du deutsches Land…“ (EG 145) Auf der Linie dieses Liedes sind viele Predigten zum Buß- und Bettag Appelle an das deutsche Volk gewesen, Appelle an sein christliches Erbe. Aber heute und hier hieße das: zum Fenster hinaus predigen!

Im Pfarrerkalender steht als Spruch für den heutigen Tag das Bibelwort: (Spr 14,34):

„Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben.“ 

Auch das legt eine mögliche Spur für eine Predigt am heutigen Tag: Für eine Bußpredigt  - an die Adresse unserer Väter und Großväter und einer kleinen Minderheit heutiger Mitmenschen, von denen wohl niemand hier im Raum ist.

Deutschland hat sich in politischer Hinsicht im Großen und Ganzen genug bekehrt. Aber wozu? Zu den Werten der jeweiligen Siegermächte im Westen oder im Osten! Aus Dankbarkeit für den Sieg über den Faschismus, für die Befreiung Europas. Da war viel Idealismus dabei, verstärkt durch verordnete Vorgaben und durch einen Schuss Opportunismus – in beiden Teilen Deutschlands.

Diese Bekehrung steht fest und wird zu gegebenen Anlässen immer wieder bekräftigt.

Aber: Eine Umkehr zu Gottals Volksbewegung hat zu beiden Seiten des Eisernen Vorhangs nicht stattgefunden. Weder der „Zusammenbruch“ von 1945 noch die „Wende“ von 1989 hat über den Tag hinaus das Verhältnis der Deutschen zu Gott verändert.

Als Barack Obama kürzlich eine Rede mit „God bless you“ beendete, übersetzte der Dolmetscher das mit „Viel Glück!“ Das Wort „Gott“ ist zu einem unanständigen Wort geworden, dem breiten Publikum hierzulande nicht zuzumuten. So geht es Gott heute in Deutschland.

Ähnlich steht es ums Beten: Im Bericht über das  Attentat auf das World Trade Center im September 2001 schrieb ein deutscher Journalist: „Da ertappte ich mich beim Beten.“

 

Wie kommt es, dass Gott hierzulande so ins Abseits gedrängt ist? Was ist da eigentlich schief gelaufen? Hat die Kirche, haben wir Christen etwas falsch gemacht? Der Ort, an dem wir hier versammelt sind, gibt dazu einen Denkanstoß: Das Verhältnis zwischen Kirche und Staat ist seit Jahrhunderten ein Problem – nicht erst in Preußen, sondern seit dem Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert. Dieser Kaiser glaubte seinen Sieg über einen Gegenkaiser dem Gott der Christen zu verdanken. Zum Dank dafür legalisierte er das Christentum. Aus dieser Duldung des christlichen Glaubens wurde bald eine Bevorzugung gegenüber den alten Kulten der Griechen und Römer – und gegenüber dem Judentum. Das sicherte den Kaisern die Loyalität der christlichen Untertanen – zugleich aber einen allzu großen Einfluss auf die Kirche. Die Kaiser nötigten die Bischöfe fortan, auf großen Reichsynoden genau festzulegen, was Christen zu glauben und Theologen zu lehren hatten:

Ein Reich, ein Kaiser, ein Dogma!

 

Im Mittelalter wurde die Kirche dann mächtiger als die Könige und Kaiser. Mächtig vor allem dadurch, dass sie das ganze Bildungswesen beherrschte. Weit über die Theologie hinaus bestimmte die Kirche, was gedacht und gelehrt werden durfte. Auf Abweichungen stand die Todesstrafe. Sogar für Naturforscher wie Giordano Bruno, die ein neues Bild des Kosmos vertraten. Diese kulturelle Vorherrschaft der Kirche bekam erste Risse durch den Humanismus und die Reformation. Sie zerbrach völlig in der Zeit der Aufklärung. Seitdem steht das Bildungsbürgertum in ganz Westeuropa dem Glauben an Gott skeptisch gegenüber. Das Wort „glauben“ wird spontan mit „müssen“ und „fordern“ assoziiert – und nicht mit „dürfen“, was ja zu einer „Frohen Botschaft“ besser passen würde. Religion als menschliches Phänomen kann Gegenstand der Schulbildung sein. Aber Gott selbst ist kein Unterrichtsthema. Nicht durch ein staatliches Dekret, sondern ganz selbstverständlich, weil es über ihn keinen gesellschaftlichen Konsens gibt..

  

Die Evangelische Kirche in Deutschland macht sich seit einigen Jahren viele Gedanken darüber, wie man den Trend der Entkirchlichung bremsen oder gar wieder umkehren könnte. Es gibt viele gute Ideen dazu, wie man Konfessionslose erreichen, sie in ihrem jeweiligen Milieu aufsuchen und antreffen könnte. Es ist gut, wenn kluge Köpfe dazu Vorschläge entwickeln und den Gemeinden ans Herz legen.

Aber dabei vermisse ich etwas. Ich stutzte neulich, als ich im Vorwort zu einem einschlägigen Buch las, dass es ein „Fehlschluss“ sei, in diesem Zusammenhang über ein Versagen der Kirche nachzudenken. Martin Luther hatte den Mut, der Kirche seiner Zeit ein geistliches Versagen vorzuwerfen. Er hatte erkannt, dass das Evangelium bei den Menschen nicht mehr als Frohe Botschaft ankam. Vielleicht brauchen wir einen Buß-und Bettag, damit die Frage nach einem Versagen der Kirche nicht länger verdrängt wird. Die Entkirchlichung des modernen Menschen ist sein Protest gegen die „Überkirchlichung“ der ganzen Kultur in den Jahrhunderten vorher. Die Welt durfte nicht weltlich sein und musste sich dazu erst von der Kirche emanzipieren! Dem „christlichen Abendland“ ist darum nicht nachzutrauern, sondern es ist im Rückblick als Irrweg zu bedauern. Es war eine Fehlkonstruktion, eine durchaus fromm gemeinte, aber verhängnisvolle. Echter Glaube an Gott kann nicht von Staats wegen befohlen und mit Strafmaßnahmen verteidigt werden.

 

Und damit spreche ich von der Lektion, die ein gewisser Saulus aus Tarsus lernen musste –bei seiner Bekehrung im sogenannten Damaskuserlebnis. Sie betraf den Irrweg, den er bereuen musste. Er hatte als freiwilliger informeller Mitarbeiter der Jerusalemer Führung die Jesusbewegung bekämpft. Mit Fahndungen, Hausdurchsuchungen, Festnahmen. Er soll auch Todesurteile gefordert und gutgeheißen haben. Offenbar hielt er die Jesusjünger für eine gefährliche Sekte, ihren Glauben für unvereinbar mit der jüdischen Religion. Im Rückblick auf diese Lebensphase nennt der Apostel sich einen „Eiferer“. So nannten sich im Judentum Leute, die bereit waren, gewaltsam gegen religiöse Abweichler vorzugehen – notfalls auf eigene Faust, auch außerhalb der Legalität. Ihre Vorbilder waren die Makkabäer, die im 2. Jahrhundert v.Chr. einen blutigen Bürgerkrieg gegen andere Juden geführt hatten, die vom Glauben und der Torahtreue abgefallen waren. Das war wirklich  primär ein innerjüdischer Glaubenskrieg – erst sekundär auch ein Freiheitskrieg gegen die Fremdherrschaft, mit der ihre Gegner kollaborierten.

Wir wissen nicht genau, warum Saulus die Jesusbewegung für so gefährlich hielt, dass auch ihnen gegenüber hart durchgegriffen werden müsste. Vielleicht war es die Zumutung, einen machtlosen Prediger aus Nazareth als den wahren Messias anzuerkennen. Der Messias, den er erwartete, sollte wohl wie die Makkabäer die Sünder ausrotten – und nicht wie Jesus Nachsicht mit ihnen haben. Diese Tateinheit von Glaubenseifer und Gewalt musste Saulus-Paulus in seiner „Buße“ bereuen und hinter sich lassen. Der innere Kampf darum war vielleicht das Thema seiner Gebete. Er hat sich von da an lieber verfolgen lassen, als zu verfolgen.

 

Im Prinzip haben auch die Reformatoren die Verquickung von Glaube und Gewalt verurteilt, obwohl sie für ihre Person den Schutz durch evangelische Fürsten in Anspruch nahmen. Im Augsburger Bekenntnis von 1530 haben sie klargestellt, dass die Kirche nicht in den Staat hineinregieren darf – und dass sie ihre eigenen Anliegen nur mit der Kraft des Wortes zu vertreten hat. Die Durchführung der Reformation und ihre Verteidigung gegen das Bündnis von Kaiser und Papst gelang dann jedoch nur mit Hilfe evangelischer Fürsten.

Dieses evangelische Bündnis zwischen „Thron und Altar“ wurde in Deutschland durch das Versagen der Kirche im Ersten Weltkrieg diskreditiert. Erst die Weimarer Verfassung brachte dann eine grundsätzliche Trennung: Aus Staatskirchen wurden Volkskirchen.

 

Was wir Christen heute im Verhältnis zwischen Kirche und Gesellschaft lernen müssen, ist der Verzicht auf alles Schulmeisterliche, auf das mahnende Wort zu allen möglichen Entwicklungen, die uns  bedenklich erscheinen. Christliche Überzeugungen, die ihre Wurzeln in der Bibel haben, können nicht mehr mit erhobenem Zeigefinger beschworen werden. Sie müssen von Fall zu Fall plausibel begründet werden. Wenn sie sich als „menschenlebensfreundlich“ erweisen,-  was die Bibel von Gottes Geboten behauptet - dann sind sie eine Werbung für diese biblische Tradition, für den Gott der Bibel.

Der heutige kulturelle und auch religiöse Pluralismus kann uns Christen helfen, alle Machtansprüche fallen zu lassen. Wir dürfen und sollen wie der Apostel Paulus unsere Mitmenschen in aller Demut zur Versöhnung mit Gott einladen. Gott ist ganz gewiss kein bequemer Partner, sondern anspruchsvoll. Aber seine Menschenfreundlichkeit überstrahlt alles Rätselhafte an seinen Wesenszügen. Wenn man uns Christen diese Menschenfreundlichkeit Gottes anmerken kann, dann werden Leute, die der Kirche fern stehen, zu ihm Vertrauen fassen und es wagen, von ihm zu sprechen, oder besser noch: auch mit ihm zu sprechen, also zu beten, - ohne sich dessen zu schämen. Amen.

 

Ein Gebet im Rahmen der Fürbitten:

Großer Gott, wir bekennen dir stellvertretend für Generationen von Gläubigen,

dass wir der Welt den Blick auf dich durch Bündnisse mit Machthabern verstellt haben

Dass wir versucht haben, zum rechten Glauben zu zwingen.

Wir haben deinem Wort und deinem Geist zu wenig zugetraut.

Wir haben Menschen, die ihr eigenes Denken nicht opfern wollten, aus der Kirche vertrieben.

Vergib deiner Kirche die Mitschuld an ihrer Distanz zu dir

und lass diese Menschen neu dein wahres Gesicht erkennen.

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