13.08.2016 | Predigt von Paul Oestreicher am 55. Jahrestag des Mauerbaus

Am 55. Jahrestag des Mauerbaus wurde in der Nagelkreuzkapelle ein besonderer Gottesdienst gefeiert. Der ehemalige Domkapitular und Leiter des Versöhnungszentrums der Kathedrale von Coventry in England, Paul Oestreicher, predigte u.a. zu Psalm 18 "Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen".

Am 55. Jahrestag des Mauerbaus wurde in der Nagelkreuzkapelle ein besonderer Gottesdienst gefeiert. Der ehemalige Domkapitular und Leiter des Versöhnungszentrums der Kathedrale von Coventry in England, Paul Oestreicher, predigte u.a. zu Psalm 18 „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“.

 

Dies ist die Mitschrift der Predigt:

Predigttext:

Epheser 2, 13-17:

13 Jetzt aber seid ihr, die ihr einst in der Ferne wart, durch Christus Jesus, nämlich durch sein Blut, in die Nähe gekommen. 14 Denn er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder. 15 Er hob das Gesetz samt seinen Geboten und Forderungen auf, um die zwei in seiner Person zu dem einen neuen Menschen zu machen. Er stiftete Frieden 16 und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet. 17 Er kam und verkündete den Frieden: euch, den Fernen, und uns, den Nahen.

Heiliger Geist, gib mir an diesem Tag die richtigen Worte.

Wir müssen lernen mit Widersprüchen zu leben – die meisten Widersprüche sind in uns selbst. Ich zitiere: „Diese Mauer ist meine Tragödie. Jeder Schuss an dieser Mauer ist ein Schuss auf mich. Ich bin der Gehasste, der damit leben muss.“ Zitat Walter Ulbricht.

Ich hatte das Privileg und die Möglichkeit, drei Stunden lang zwei Jahre nach dem Mauerbau mit Walter Ulbricht zu sprechen, in Anwesenheit seiner getreuesten Kollegen. Ich bin gekommen mit dem Leiter der Friedenbewegung in Großbritannien. Der Besuch war streng geheim. Wir durften nicht reden in der Öffentlichkeit über dieses Gespräch. Anlass des Gespräches war im Namen von Amnesty International bei Walter Ulbricht dafür zu plädieren seinen aus seiner Sicht wichtigsten politischen Gefangenen zu entlassen. Er hieß Heinz Brandt, war lange Jahre Kommunist, ein Leiter der DDR-Gewerkschaft. Er ist zur inneren Überzeugung gekommen, „ich kann nicht mehr diesem System dienen“ und hat sich lang vor dem Mauerbau in den Westen abgesetzt und wurde Herausgeber der Zeitschrift der IG Metall in Frankfurt am Main. Er blieb seinen sozialistischen Prinzipien treu. Aus seiner Sicht hatte die DDR diese Prinzipien verlassen. Er wurde gekidnappt auf einem Berlinbesuch, und in Ostberlin in einem Geheimprozess zu einer langen Haftstrafe verurteilt wegen Verrat. Das war der Anlass des Gespräches mit Walter Ulbricht, dem dieser sich gestellt hat. Aber Walter Ulbricht wollte darüber nicht sprechen – er wollte sich politisch rechtfertigen. Und in diesen drei Stunden hat er dann gesprochen, sehr lang gesprochen und hat uns glaubwürdig - ich sage das ganz bewusst - glaubwürdig die Berliner Mauer gerechtfertigt und sich als Opfer dieser Mauer gesehen. Dieses Opfer sagte er, „muss ich bringen, um der Zukunft willen. Und ich muss den Hass auf mich nehmen. Ich musste verhindern, dass mein Volk dieses Land verlässt. Mein Staat wäre sonst zusammengebrochen.“ Das genaue Gegenteil von der Propaganda des Neuen Deutschland. Klare Sicht der Dinge. Natürlich haben wir ihm widersprochen. Hätte er nicht eine bessere Politik machen können, um die Massenauswanderung zu verhindern? „Meine Herren“ sagte er, „ich sitze im Schützengraben des Sozialismus. Im Schützengraben zündet kein Soldat eine Zigarette an – er kommt dabei um. Ich konnte nichts riskieren. Ich kann nichts riskieren.“ Natürlich haben wir widersprochen. Wir hatten uns geweigert an der Grenze, denn sie wollten, dass wir als Briten das Gästebuch am Brandenburger Tor unterschreiben, der Kommandeur der Grenztruppen hat uns darum gebeten. Wir haben unsere Unterschrift verweigert. Aber dann waren wir konfrontiert mit dem Menschen Walter Ulbricht. Unsere Aufgabe, mein Kollege war auch Pfarrer, war diesem Menschen erstmal zuzuhören, ihn zu verstehen als Mensch. Seine Geschichte zu kennen. Ihn als Menschen zu achten. Das taten wir. Und als Politloge fiel es mir sehr schwer, ihm zu widersprechen.

 

Einige Wochen später habe ich, um ein Programm über die Stimmung in Westberlin zu machen, für den britischen Rundfunk ein Gespräch geführt mit dem stellvertretenden Militärkommandanten des Britischen Sektors von Westberlin. Er sagte zu mir: „Ich erzähle ihnen nun zwei Versionen über unsere Position als Westalliierte zur  Berliner Mauer. Die eine Version ist für das Publikum, für das Programm, was Sie machen; die andere - tut mir leid - können Sie nicht öffentlich verwenden." Die eine Version war eindeutig, Bruch der Menschenrechte einsperren einer Bevölkerung, Bruch des Berlin-Abkommens, schlicht ein Verbrechen vordergründig der Sowjetunion. Das war die Publizistik der Westmächte nach dem Bau der Mauer. Dann sagte er: „aber die Wirklichkeit ist anders“, und dann hat er die Mauer gerechtfertigt, mit genau denselben Argumenten wie Walter Ulbricht. Die Mauer war nötig, um den Frieden und die Stabilität Europas zu sichern. Die Todesfälle waren eine Tragödie vordergründig Ulbrichts Tragödie. Aber viel besser als ein Weltkrieg, der den Zusammenbruch der DDR hätte auslösen können. Mit andern Worten die Westalliierten haben den Sowjets versichert: Baut die Mauer, von uns gibt es keinen Einwand. Das war die Realität damals. Daraus habe ich natürlich sehr viel lernen müssen. Dass die Realitäten unserer tragischen Welt nicht genau dem entsprechen, was wir gefühlsmäßig empfinden, das ist ein Bild.

 

Aber das ist nicht das ganze Bild und in diesem Sinne ist die Berliner Mauer überhaupt keine Ausnahme in der menschlichen Geschichte. Mauern sind das, was unsere, ja sündhafte Menschheit kennzeichnet. Wir bauen ständig Mauern. Ich brauche Euch über die Berliner Mauer nichts mehr zu sagen, denn Ihr habt sie erlebt, denn ich denke, diese Gemeinde heute besteht aus Menschen, die über 50 Jahre alt sind. Die junge Generation muss vielleicht noch einiges dazulernen. Aber ihr braucht das nicht. Also über die Berliner Mauer will ich keine Predigt halten, das ist nicht nötig, aber über Mauern sehr wohl. Die Welt ist nach wie vor voll von Mauern, aber im Vordergrund die Mauern in uns selbst, die wir ständig aufbauen, weil wir es nicht ertragen mit anderen - mit den Anderen, und es gibt immer die Anderen, zu leben.

 

Was sagt nun Jesus dazu, oder besser gesagt, Paulus, der seinen Jesus verstanden hat nach einer Weile. „Er, dieser Jesus“, schreibt Paulus, „ist unser Friede.“ Ihr ward ferne und seid jetzt nah gekommen, Ihr ward die Fremden und seid jetzt nicht mehr die Fremden durch das Blut Christi. Er ist unser Friede. Und hat aus den beiden, und wir waren damals die beiden, die getrennt waren - die Juden und die Heiden - eine strenge Trennungslinie - Jesus hat sie durchbrochen. Er hat einfach erkannt, dass, was seine Mitjuden für selbstverständlich hielten, alles andere war und hat die Heiden - also schlechthin, die, die angeblich Gott nicht geliebt haben - sagt nun dieser Jesus, die liebt er ganz genauso und schafft daraus, ich zitiere wieder Paulus: „eine neue Menschheit“, eine neue Menschheit. Er bricht durch die Grenzen der Religion, die Grenzen des Volkstums, die Grenzen der Bräuche und Sitten, aber letztlich die Grenze des Gesetzes selbst. Wir müssen die Gesetze als Diener der Menschheit sehen und nicht den Menschen als Diener der Gesetze, und Jesus hat sie gebrochen und hat das tatsächlich mit seinem Blut bezahlen müssen. Alles drin in seiner ganzen Haltung zu seinen Mitmenschen.

 

Die Geschichte des guten Samariters, die wird meistens falsch verstanden. Als ob es in dieser Geschichte darum geht, Menschen, die Böses erlebt haben, Gutes zu  tun. Tatsächlich kommt das in dieser Geschichte vor, aber die Frage an Jesus war: „Wer ist mein Nächster?“ und Jesu hat es mit dieser Geschichte beantwortet. Da lag einer im Graben, der angegriffen war und ein Pfarrer ging vorbei und hatte Wichtigeres im Sinn, und dann kam noch ein Professor der Ethik und hatte wichtige Vorlesungen zu halten und ist vorbeigegangen. Und in unsere Zeit versetzt kam ein Offizier der Staatssicherheit, des letzten Regimes, aber es könnte das vorletzte sein, es hätte die Gestapo sein können, egal, ein Feind, denn die Samariter waren die verhassten Feine der Juden. Da kam der Samariter und tat das Nötige. Also sagt Jesus: „Wer war der Nächste?“ Der Samariter, der Stasioffizier, der Gestapomann, die wir hassen mit gutem Grund, aber ganz fähig zum Guten, wie zum Schlechten, wie wir alle. Ständig dieses Brechen der Grenzen und er bezahlte es mit seinem Blut. Im Neuen Testament ist nur einmal eine Predigt von Jeus berichtet. Und es war nicht die Bergpredigt, das war nicht eine Predigt sondern eine Sammlung der Weisheit Jesus, aber eine wirkliche Predigt in seiner Heimatsynagoge. Er nimmt einen Text aus dem Propheten Jesaja über die Gerechtigkeit, über die Notwendigkeit, die Gefangenen zu befreien, die Geschändeten zu ehren. Ein klassischer Text über die Menschlichkeit, und dann hat er darüber gepredigt, und wie! Dann erzählt er wieder Geschichten, das hat Jesus immer getan. Eine Geschichte, wie in Israel viele Menschen nicht geheilt wurden. Aber Nahon, der Syrer, der Ausländer, den hat Gott geheilt, aber nicht die Mitmenschen der Gemeinde, nicht die Nachbarn, nicht die Juden und hat andere Beispiele noch gegeben in seiner Predigt. Und wie hat die Gemeinde auf diesen Jesus reagiert? Sie waren wütend, waren erzogen solch eine Frechheit nicht hinzunehmen, dass Jesus die anderen mehr liebt als das Volk Israels, und sie jagten ihn aus der Synagoge und wollten ihn lynchen. Diesmal ist er noch davon gekommen, aber nicht lang, es dauerte nicht lang, bis das Volk schrie und er starb. Das Durchbrechen der Grenzen ist die Grundlage des christlichen Glaubens, aber man würde es nicht vermuten, angesichts der Geschichte des Christentums, denn wir haben ständig neue Grenzen aufgebaut. Wir haben einander als Ketzer verbrannt, die Katholiken die Protestanten und umgekehrt, geschweige andere Religionen, die man einfach als nicht ganz würdige Menschen sah. Ketzer und ein Ketzer verdient nicht  zu leben. Mit anderen Worten, die Kirchen haben Jesus überhaupt nicht verstanden. Das fing schon an im Neuen Testament. Die Jünger selbst haben oft Jesus garnicht verstanden. Aber eigentlich war seine Botschaft sein Leben, seine Botschaft war sein Leben. Er musste nicht so sehr viel sagen, er konnte es auch sagen und hat´s auch getan. Heute, wo sind die Mauern? Am ersten kommt mir als Kind jüdischer Eltern die Mauer in Jerusalem vor. Das ist die Mauer von heute. Besser wir kümmern uns über die Mauer von heute und machen uns weniger Gedanken über die Mauer von gestern. Die Mauer in Jerusalem ist Zeichen bitteren Hasses zwischen dem jüdischen Volk in Israel und den Palästinenser Nachbarn. Bitterer Hass. Auch diese Mauer, wie die Berliner, hat aus israelischer Sicht ihren guten Sinn, verhindert Selbstmordanschläge auf Israelis, da muss man eben eine Mauer bauen. Genauso sinnvoll, wie die Berliner Mauer aus anderen Gründen. Aber nicht unbegründet. Natürlich, der eigentliche Grund liegt in dem gegenseitigen Hass.

 

Ich habe als Kirchendiplomat die Aufgabe gehabt, durch die Jahre des kalten Krieges die Grenzen des Eisernen Vorhangs ständig zu durchqueren. Ich habe keine Opfer bringen müssen, um das zu tun. Andere Menschen mussten große Opfer bringen. Ich konnte als freier Christ handeln, mit allen Menschen handeln, ja eben mit Walter Ulbricht. Das Gespräch hatte seinen Sinn, denn angesichts dieses Gespräches und noch mehr politischem Druck hat Heinz Brandt nur ein Drittels seiner Strafe verbüßen müssen. Der Druck war nötig und nach einer Weile hat Ulbricht nachgegeben, d.h. Realpolitik. Wir sind heute in einer Welt der Realpolitik. Ich sah in diesen Jahren immer nur einen Feind, den ich zu bekämpfen hatte und das war der Kalte Krieg selbst, die Verteufelung des Anderen. Wir haben Recht, die haben Unrecht und so ist es eben in der Welt. Ich konnte innerlich und äußerlich das nicht mitmachen. Wie gesagt, ich habe keine großen Opfer gebracht, andere haben es getan.

 

Aber diese Situationen sind der Normalfall heute in unserer Welt. Nach wie vor kleine Mauern in den Straßen von Belfast, wo Katholiken und Protestanten jetzt erst langsam lernen nebeneinander zu leben und sich nicht umzubringen. Das ist Europa heute! Trennung zwischen Türken und Griechen, in der kleinen Insel im Mittelmeer, Zypern, die immer noch nicht einander besuchen dürfen. Eine Situation sehr ähnlich zur damaligen Ost-West-Situation in Deutschland. Und ich könnte weiterreden und die Mauern, die politischen Mauern aufzeichnen. Aber jede dieser politischen Mauern hat die menschliche Unfähigkeit mit dem Anderen zu leben zu Grunde. Und wir Christen können anderen keine Vorträge halten, denn wir haben es nicht gelebt. Ghandi hat manchmal gesagt: „Ich wäre so gerne ein Christ, wenn die Christen nur Christen wären.“ Und Buße, ja Buße muss es geben, aber Buße ist nicht eine emotionale Frage sondern eine Frage der Umkehr, dass wir es anders machen und dass wir den Politikern helfen, es anders zu machen, und einfach nicht einstimmen in die Hassparolen, die leider wieder in unserem Europa alltäglich sind, die Angst vor den Anderen, die im Moment zumeist Muslime sind. Nicht unbegründet – Angst ist immer begründet, aber lähmt und tötet die Seele. Das ist die Wirklichkeit, machen wir uns doch nichts vor. In dem Sinne war die Berliner Mauer sogar sinnvoll. Schrecklich wie das klingt. Aber Leiden gehört eben zur Realität unserer sündigen Welt. Und wenn zwei Seiten beteiligt sind, sind sie fast immer beide dran schuld. Der Westen war im kalten Krieg nicht die Freiheit, das war eine der vielen Lügen. Und der Osten war nicht das Friedenslager, das war die andere Lüge. Das an so einem Jubiläum wie heute, an so einem Gedenktag nicht zu vergessen, ist die eigentliche Aufgabe, aber bei Gestern zu bleiben ist manchmal zu leicht.

 

Die Aufarbeitung der Vergangenheit hat ihren Sinn, aber wir können uns damit verzetteln und vergessen, dass der Kampf des Geistes um die Zukunft geht, um die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder. Lernen wir aus der Vergangenheit? Ja. Ob wir es tun ist eine andere Frage. Aber lassen wir die Vergangenheit ruhen im Wissen, dass wir einen vergebenden Gott haben. Einen Allen vergebenden Gott, nicht nur denen, mit denen wir können. Wir brauchen uns um diese Vergangenheit keine Sorgen mehr machen, sondern um die Menschen, die heute voller Hass sich selbst zerstören an so vielen Teilen der Welt, und viele von denen leben unter uns.

 

Straßenschlachten sind in Deutschland nicht an der Tagesordnung. Morgen könnten sie es wieder sein. Die Zukunft sieht nicht rosig aus, aber die Zukunft sind wir und unsere Kinder. Die Liebe ist das Gebot, was alle anderen Gebote außer Kraft setzt. Aber diese Liebe kennt keine Grenzen. Die gilt allen, verdient ist sie von fast keinem. Aber wenn wir diese Liebe wirklich verankern in unseren Herzen und umsetzen in unsere Politik, denn das Wort Politik ist ja schlicht ein Wort was beschreibt, wie wir gut, oder wie wir schlecht miteinander auskommen. Deswegen ein nichtpolitischer Mensch zu sein ist kein ganzer Mensch zu sein. Denn es geht eben um die Liebe, wichtiger als alle anderen Gebote, so Jesus. Und ich glaube, wenn es ein Einmaliges gibt am christlichen Glauben, und ich halte ihn jetzt mit meinen fast 85 Jahren nicht für die einzige Wahrheit, aber wenn eine tiefe Wahrheit in unserem christlichen Glauben steckt, dann ist es diese teure schwere Aufgabe unsere Feinde zu lieben.

 

Amen

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