14.04.2013 | Predigt beim Gottesdienst zum Wochenschluss am 13.4.2013 mit Gedenken an die Nacht von Potsdam am 14.4.1945

Predigt am 13.4.2013 Joh 20,19-29...

Predigt am 13.4.2013

Joh 20,19-29

 

Friede sei mit euch, von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.

 

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Ich sehe, ich weiß und ich glaube – aber wie und was und woran?

 

Ich kenne (und ich glaube) meine eigene Geschichte,

mein eigenes Leben, es begann 1979 …

Ich kenne (und ich glaube) meine eigene Geschichte,

weil ich sie gelebt habe.

 

Ich (rede und ) höre meine eigene Geschichte, mein Leben als Erzählung, als gemeinsame Erzählung – mit meiner Mutter, meiner Schwester, meinem Ehemann.

Ich sehe meine eigene Geschichte, mein Leben durch Fotos, durch Kleinigkeiten, die ich geschenkt bekam.

Nicht alles erinnere ich gerne, aber vieles, das Meiste (eigentlich).

Wenn ich mich erinnere, werde ich manchmal traurig, trauere ich um vergangene Zeiten und werde melancholisch, manchmal, wenn ich mich erinnere, muss ich auch grinsen, etwa wenn ich Fotos sehe, auf denen ich 15 bin.

 

Wir alle erinnern uns, ich bin sicher, jeder von Ihnen hat so seine eigene Art, zu erinnern:

Die Fotokiste, das Tagebuch, Ehe- und Geburtsurkunden, Tauf- und Konfirmationsbescheinigungen.

 

Ich weiß und ich kenne und ich glaube meine Erinnerungen an mein Leben,

an das, was ich erlebt habe.

Und ich weiß doch zugleich, dass nicht alles genau so war, wie ich es erinnere.

Aber ich war und bin gern selbst dabei, als Teil der Erinnerung und als Teil des Erlebens.

 

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Was sehe ich?, was weiß ich?, was kann ich glauben?

 

Ich sehe Thomas,

der Zwilling genannt wird, einer von den Zwölfen.

Ich weiß,

dass Thomas auch Frank oder Heinrich oder Beate heißen könnte.

Und ich glaube,

dass es mir ganz ähnlich gegangen wäre, wie Thomas.

„Ihr habt den Herrn gesehen, na klar!, ihr könnt mir viel erzählen!“

Im besten Fall hätte ich wohl gehofft, dass sie mich trösten wollen.

Im schlimmsten Fall hätte ich befürchtet, sie wollten mich kollektiv veräppeln,

würden gleich in schallendes Gelächter ausbrechen, allesamt.

So oder so, es tröstet nicht und es verletzt nicht, vielleicht ein wenig, weil nun gerade ich nicht dabei war. Was also soll ich anderes sagen, als:

„Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.“

 

Und dann muss ich noch eine Woche warten,

eine Woche, in der sie immer wieder erzählen, von seiner Erscheinung.

Und ich?, ich kann nicht, ich kann es einfach nicht glauben.

Ich habe anderes gesehen – ein Kreuz

ich weiß anderes – letzte Worte

jede weitere Hoffnung wäre eine Illusion auf Zeit und die Enttäuschung, das Ende der Selbsttäuschung wäre ein noch tieferer Absturz.

 

… acht Tage, seit acht Tagen sitzen wir hier drin, die Türen fest verschlossen, die Fenster verrammelt, die Luft ist stickig, die Stimmung gedrückt.

Einer sagt „Friede sei mit Euch!“ und ich denke, macht der Witze? Blicke zornig auf und sehe – Jesus, Jesus steht mitten im Raum – ich habe keine Tür gehört, kein Fenster wurde geöffnet, aber da steht er, steht und spricht:

Friede sei mit euch!

Danach spricht er zu mir: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!

Ich weiß nicht, was ich tun soll und strecke wie von selbst meinen Arme etwas vor ..

ich weiß nicht, was ich sagen soll und es antwortet wie von selbst: „Mein Herr und mein Gott!“

„Weil du mich gesehen hast,“ Spricht Jesus zu mir

„Weil du mich gesehen hast,Thomas, darum glaubst du.

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“

 

Ich weiß nicht, ob ich weinen oder lachen soll, ich freue mich und bin betroffen.

Ich hatte einfach alle Türen und Fenster zu gemacht, auch die Tür zu meinem Herzen und die Fenster aus meiner Seele,

ich habe die Trauer und Wut in mein Herz eingesperrt

ich habe die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit eingesperrt in meine Seele

damit wenigstens sie mich nie mehr verlassen.

Und damit wenigstens wir uns nicht mehr verlassen, damit keiner weiter verloren geht, haben wir die Türen und Fenster des Hauses fest verschlossen – keiner kam rein und keiner sollte raus.

 

Und er?, steht mitten im Raum

kommt mir ins Herz und erscheint mitten in meiner Seele

verschlossene Türen? die kennt er nicht

verrammelte Fenster? gibt es für ihn nicht

Er kommt einfach hinein, denn er weiß, er wird gebraucht.

Er ist einfach da, denn er weiß, Trost ist nötig.

Er erscheint indem einfach einer sagt: Friede sei mit Euch!

 

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Ich sehe, ich weiß und ich glaube – aber wie und was und woran?

Das, was ich sehe, das, was ich erlebe.

 

Aber Erinnerung ist mehr,

Geschichte ist mehr, als was ich (selbst) erlebte.

Thomas, der Zwilling und der Zweifler, mein Zwilling und mein Zweifel, der sehen musste, um zu glauben,

er ist Teil meiner Geschichte,

er ist Teil unserer Geschichte, die wir uns Christen nennen.

 

Es ist eine traurige Geschichte von geschlossenen Türen.

Es ist eine schöne Geschichte vom Frieden, der mit mir, mit Thomas, mit uns sein wird.

Thomas, ein Teil meiner Geschichte.

 

Und so geht es durch die Zeit, durch die Jahrhunderte,

Zeugnisse der Zeugen zeugen von den Ereignissen und werden,

wenn ich sie lerne, lese, höre zu einem Teil meiner Geschichte.

Menschen wie Sie und ich bergen eine Geschichte,

aber auch Orte, Städte, Länder und Nationen.

 

Und wie bei meinem eigenen Erleben, auch hier:

Das, was ich gern und mit einem Lächeln erinnere,

das, was mich wütend macht, wenn ich daran denke,

und das, was Traurigkeit schürt, wenn es sich jährt.

 

Trauer: mehr als 1600 Menschen starben vor fast genau 68 Jahren hier in dieser Stadt.

Wut: soviel Zerstörung wo doch schon fast alles vorbei war.

Zweifel: wie viel Schuld liegt bei wem?

Betroffenheit: das Nagelkreuz zeugt von der Zerstörung des englischen Coventry durch deutsche Bomben im Jahr 1940.

Freude: seit über 60 Jahren leben wir in Frieden in diesem Land.

Angst: Krieg und sinnlose Zerstörung ist keine Anekdote der Vergangenheit, sie sind brutales Geschehen in der Welt, jetzt gerade und wir Deutschen sind beteiligt …

 

Nichts in der Welt ist einfach,

selten können wir glauben, bloß weil wir etwas sehen.

schwarz und weiß gibt es nur bei verschlossenen Türen und verrammelten Fenstern,

auch beim Erinnern und Gedenken.

 

Es ist so leicht, zu zumachen, wie die Jünger damals.

Die Türen zu Seele, Herz und Sinn,

die Wut hegen und den Schmerz, die Betroffenheit einhegen und die Scham,

den Blick senken, um nichts neues zu sehen, den Mund verschließen, um nicht das alte zu sagen

Einer ganzen Generation haben die Ereignisse der Kriegs- und Nachkriegsjahre buchstäblich die Sprache verschlagen, die Türen sind geschlossen.

Ich höre nur Halbsätze, wenn ich mit Ihnen rede: „Als wir nach den Bombenangriffen wieder in die Innenstadt kamen, da…“ Ein leerer Blick, ein Tränenschleier, keine Worte mehr.

 

Auch hier, hinter den verschlossenen Türen viele verschiedene Gefühle, Trauer, Wut, Scham…

 

Und damals, bei Thomas, und damals, als meine Großmutter so alt war wie ich, und heute immer noch ist da diese große Sehnsucht, dass einer kommt, für den die geschlossenen Türen meiner Seele kein Hindernis darstellen, dass einer kommt in die Mitte unserer Erinnerungen tritt und spricht: Friede sei mit Euch!

 

Diese Hoffnung auf ihn und auf seinen Frieden ist Teil meiner Geschichte, meiner Gegenwart und meiner Zukunft, denn wir wissen: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

 

Und eben jener Friede Gottes, der da ist, auch wenn wir ich nicht immer sehen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

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