20.07.2012 | Predigt beim Gedenkgottesdienst zum Hitler-Attentat am 20. Juli 1944

Predigt zu 2. Kor 4,9 Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Am 20. Juli 2012, von Pfarrerin Juliane Rumpel Friede sei mit euch und Gnade von dem, der da war und der da ist und der da kommt – Amen. Wir sind zusammen gekommen, an

Predigt zu 2. Kor 4,9

Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.

Am 20. Juli 2012, von Pfarrerin Juliane Rumpel

Friede sei mit euch und Gnade von dem, der da war und der da ist und der da kommt – Amen.

Wir sind zusammen gekommen,

an diesem 20. Juli, einem Freitag, um…

Schon stocke ich, schon wieder, wie im letzten Jahr …

Wir sind zusammen gekommen,

an diesem 20. Juli, um…

schon wieder, es fällt mir schwer, diesen Satz zu beenden.

 

puhh

Wir sind hier!

Soviel steht fest.

Wir werden weder verfolgt noch unterdrückt!

Soviel steht auch fest.

Wir sind hier, um uns zu erinnern,

und da tun wir gut daran, erst einmal zuzuhören, den alten Geschichten, den Erinnerungen zu lauschen.

Denn am Anfang unserer großen Geschichte stehen viele kleine Geschichten

 

Das ist doch ein guter Anfang:

Wir sind zusammen gekommen,

an diesem 20. Juli, um unserer großen Geschichte zu gedenken.

Unsere große Geschichte? Das ist vielleicht zu viel Pathos

Meine Geschichte und ihre Geschichte – das würde für den Anfang reichen.

 

Wann beginnt eigentlich meine Geschichte?

1979?, mit meiner Geburt?

Oder mit ersten eigenen Erinnerungen – frühe 80er?

Oder mit ersten eigenen Entscheidungen – Mitte der 90er Jahre?

Ich glaube, meine Geschichte beginnt mit meinen Eltern,

das war eine Geschichte mit meinen Eltern, denn deren Eltern, also meine Großeltern, …

ach so, meine Großeltern gehören auf jeden Fall auch zu meiner Geschichte,

na und deren Eltern – ohne deren Geschichte wäre das ja, .., also,

naja, so gesehen ist meine Geschichte doch viel größer als ich und ich bin doch ein Teil unserer großen Geschichte…

 

Also noch einmal:

Wir sind hier!

Soviel steht fest.

Wir werden weder verfolgt noch unterdrückt!

Aber wir erinnern uns: unsere Geschichte ist eine Geschichte der Verfolgung!

Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.

Das schreibt Paulus.

Hier die Heiden, die dem alten anhingen, den alten Göttern,

Da die Christen, die sich zum neuen bekennen, zu dem einen Gott.

Alt und neu, Schwarz und weiß, Saulus und Paulus – halt!

hier verschwimmen die Grenzen, spätestens seit Paulus, der auch Saulus war… und er war nicht der Einzige.

Verfolger und Verfolgte, Gut und Böse,

das wär schön, wenn es hier klare Unterschiede gäbe – aber so, seit Saulus.

 

Noch einmal:

Wir sind hier!

Soviel steht fest.

Wir erinnern uns: unsere Geschichte ist eine Geschichte der Verfolgung!

Als sie die anderen verfolgten und abholten, habe ich geschwiegen, ich war keiner von den anderen. Als sie mich dann verfolgten und abholten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte!

Das schrieb – Sie wissen es – (so ähnlich) ein Pfarrer, zur Zeit meiner Großeltern:

Hier die Verteidiger von Gott, Führer und Vaterland, die dem neuen Glauben anhingen, da die Juden und Kommunisten, die Sozialdemokraten und Homosexuellen.

Neu und alt, Braun und weiß, Loyalität und Verrat – halt!

hier verschwimmen die Grenzen, allerspätestens am 20. Juli 1944 … und ganz sicher nicht erst da.

Verfolger und Verfolgte, Gut und Böse, es wäre schön, wenn es hier klare Unterschiede gäbe – aber so, seit dem 20. Juli 44

 

Wir erinnern uns: unsere Geschichte ist eine Geschichte der Verfolgung!

… die Zeit der Verfolgung, unter der die Ehefrauen und -männer, die Söhne und Töchter der Widerständler und Attentäter litten. Eine Zeit, in der Verfolgte und Verfolger klar zu unterscheiden waren. Eine Zeit von der uns nur noch wenige erzählen können. Heute Abend erleben wir eine von ihnen, Gott sei´s gedankt, eine, die überlebte, Verfolgung und Unterdrückung und uns erzählen kann.

 

Wir sind hier!

Soviel steht fest.

Wir werden weder verfolgt noch unterdrückt!

Soviel steht auch fest.

Wir erinnern uns unserer Geschichte, um unserer Mut zu stärken, um unsere Hoffnung zu erbauen,

indem wir auf die hören, die vor uns waren:

„Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.“

Das schrieb Paulus.

Und ja, ich möchte, dass Paulus ein Teil meiner Geschichte ist, dieser Paulus, mit diesem unerschütterlichen Vertrauen. Er hatte es immer, dieser Paulus, selbst als Saulus hatte er dieses unerschütterliche Vertrauen in sich und seine Überzeugungen, denen Niemand entkam. Er sorgte dafür, dass sich die Christen verlassen vorkamen, ja dafür, dass sie umkamen.

Ich möchte, dass er Teil meiner Geschichte ist, dieser Saulus, mit seiner Kehrtwende. Was ihm die Augen öffnete, dem Saulus-Paulus, bleibt unverständlich denen, die nicht glauben.

 

Wir sind hier, weil wir glauben.

Und weil dieser Glaube, der Anfang unserer Geschichte wird, werden auch die Geschichten meiner Vorfahren zu meiner Geschichte,

dann wird wahr, was dort an dem Banner geschrieben steht:

„Geschichte ist nicht nur Geschehenes,

sondern Geschichtetes – also der Boden, auf dem wir stehen und bauen“

Geschichte, der Boden zum Bauen,

der Handlauf zum Festhalten,

Brille, durch die ich die Welt betrachte?

Und was ist, wenn sie einen Bruch hat, die Brille? Wie sehe ich dann klar?

Wenn der Boden Risse und Spalten hat? Wie baue ich dann fest?

Stürze ich nicht, wenn der Handlauf Lücken hat?

Solange ich nicht darum weiß, ist die Geschichte das, was ich sehe…

aber ich bin zerbrochen, zerrissen, gefallen.

Wir sind zerbrochen, zerrissen, gefallen.

Wir sind zerrissen, aber wir werden nicht verlassen. Wir sind gefallen, aber wir kommen nicht um.

Risse und Wunden, die Narben machen einen Menschen, machen Geschichte menschlich.

 

Jede Generation hat ihre eigene Brille, jede Generation entdeckt andere Sprünge in der Geschichte, mal mehr und mal weniger. Und auch innerhalb einer Generation sind die Sprünge nicht immer dieselben.

Am Widerstand ist das vielleicht besonders deutlich zu sehen – auch und gerade weil wir hier wieder durch die jeweilige Brille unserer Geschichten blicken…

Sie alle wissen besser um ihre Brillen als ich es tue, wissen um deren Sprünge und Unschärfen. Ich kenne nur meine, die der Enkelgeneration, die sich und uns fragt:

Warum soll ich trauern? Wen sollen die Toten mahnen?…

 

Menschen fragten und fragen noch.

Menschen versagten und werden wieder versagen

Doch Menschen vertrauten auch, vertrauen noch, auf sich, auf Gott, auf ihre Nächsten.

Wir sehen sie, wir sehen Paulus und die junge Christenschar. Wir sehen sie, die Kommunisten und Sozialdemokraten, die Juden und Christen, die mutigen Verfolgten des Nazi-Regimes, die nicht aufgaben, die Männer und Frauen des 20. Juli.

Wir sehen erst Saulus, dann Paulus. Nicht alle wachten zu dem Zeitpunkt auf von dem wir heute sagen würden, er wäre der richtige gewesen, aber sie wachten auf.

 

Und wir sehen, wie sie einen kleinen Augenblick im Leben nicht durch die eigene, sondern durch die Brille Gottes schauen durften und sie sahen sich, nicht verlassen und nicht verloren, sondern geborgen in Gottes Hand.

 

Und der Friede Gottes, der größer ist, als wir uns das vorstellen können, der bewahre unser Suchen und Fragen, unser Gedenken und Erinnern in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

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