24.06.2012 | Predigt am Vorabend des Johannisfestes am 23. Juni 2012, Tag der Sprengung der Garnisonkirche

1 Predigt am Vorabend des Johannisfestes 23. Juni 2012, Tag der Sprengung der Garnisonkirche – Textgrundlage: Lukas 1,57-67 – Es gilt das gesprochene Wort Friede sei mit euch, vom dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen. Die Sprache verschlagen… … was für ein Ende. Das Haupt umrahmt von silbern-strahlendem

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Predigt am Vorabend des Johannisfestes
23. Juni 2012, Tag der Sprengung der Garnisonkirche
- Textgrundlage: Lukas 1,57-67 -
Es gilt das gesprochene Wort

Friede sei mit euch, vom dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.

Die Sprache verschlagen…
… was für ein Ende.

Das Haupt umrahmt von silbern-strahlendem Rund, der weite offne Hals verstummt
Am Ende, sein Kopf, auf einem silbernen Tablett, geköpft als Preis für einen schönen Tanz.
Oh schöne Salome, die du das Herz Herodes’ in deiner rechten Hand hältst und den Kopf von Johannes in deiner linken.
Ein besonderes Ende, besonders grauenhaft, der Anfang, auch besonders, besonders wunderbar.
Da hatte es ihm die Sprache verschlagen…
Er wollte es nicht glauben, konnte es nicht glauben, dem Engel, der da vor ihm stand: zu alt sei er und seine Frau erst recht, zu alt, um Vater zu werden oder Mutter.
Ja, seine Schwägerin, die Maria , die sei ein junges Weib, doch für ihn sei es zu spät. Ein Zeichen wollte er, um zu glauben, ein Zeichen… Da hat es ihm die Sprache verschlagen…
… Stumm blieb der alte Mann selbst bei der Geburt, ein stiller erster Geburtstag…
Die Sprache verschlagen…
… ihr Schlangenbrut, ihr Otterngezücht!
Wer hat euch gewiss gemacht?
Entrinnen werdet ihr nicht! Nicht dem Zorn!
Da ist die Axt, angelegt, an die Wurzel,
die Wurzel der Bäume!
Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen! …
Die Sprache verschlagen…
… hat es ihm nicht!
Aber ihnen?! … ihnen, die ihm lauschten,
damals, dem Mann, dem seltsam gekleideten Mann:
ein Gewand aus Kamelhaaren,
ein lederner Gürtel um seine Lenden.
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Er aß, wie alle, aber er aß Heuschrecken, wilden Honig… komisch!
Die Sprache verschlagen…
… hat es mir. sein Glaube macht mich stumm:
Der aber nach mir kommt, ist stärker als ich!
Seine Demut lässt mich schweigen:
Ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen,
dem, der nach mir kommt, dem, der vor mir war, dem, der mitten unter euch ist, den ihr nicht seht.
Stille… … …
Verstummen… … …
Die Sprache verschlagen…
… hat es seither immer wieder den Menschen.
Auch hier, in Potsdam, auch hier in der Breiten Str., auch hier …
Stille herrschte (..) und stummes Entsetzen, den Potsdamern Christen verschlug es die Sprache, und nicht nur ihnen und nicht nur einmal, vermute ich, aber hier einmal zum letzten Mal.
An einem Sonntag, an einem Sonntag Vormittag mitten im Sommer, am Tag vor dem Johannisfest, zur Gottesdienstzeit war auf einmal alles still und die Heilig-Kreuz-Kapelle war zerstört, sie war vernichtet und dem Erdboden gleich gemacht, an einem Sonntagvormittag vor 44 Jahren.
Kein Wort passt, zu nüchtern, zu schwach…
Eine Kirche … kein Haus, wie jedes andere…
Eine Kirche … keine Ruine, Schmuckstück der Vergänglichkeit …
Es war ein Haus Gottes…, das hier stand, (…) hier stand und nicht hier stehen durfte.
Es war eine Ruine, die sagte, was nicht gesagt werden durfte, was niemand hören sollte,
das ruinierte Heilige Kreuz schrie: Ihr Otterngezücht, ihr Schlangenbrut…
Es war ein Haus Gottes, das hier stand und nicht hier stehen durfte.
Eine Kapelle in Ruinen, die fragte: Wer hat euch gewiss gemacht?
Das ruinierte Haus Gottes sagte sich und uns: Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen!
Dann…
… die Sprache verschlagen.
Ein stummer Geburtstag des Täufers im Jahre 1968.
Keine Kirchenglocken, kein Gebet, keine Lieder… kein Ort – an diesem Ort.
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[…]
Das Ende war Verstörung, war Sprachlosigkeit, war Kopflosigkeit…
das Ende war am Anfang… auch
die Suche nach neuer Sprache, nach Klang, nach Gebet und Gesang.
Noch einmal: Die Sprache verschlagen…
… am Ende des Lebens, seines Lebens, der Anfang des Lebens seines Sohnes,
verstörter Zacharias, verstummter Zacharias, sprachlos.
Seine Suche nach einer Sprache lässt ihn wild gestikulieren,
er zappelt und zuckt und versucht, sich verständlich machen,
irritiert glotzen die Umstehenden – verstehen nicht.
Seine Hände wissen nicht, mit wem sie reden sollen, es ist niemand da, der mit ihm spricht…
Doch dann, das Zeichen, ein Name, vorhergesagt, der Name eines Kindes, seines, des sprachlosen Zacharias Kind.
Das Kind, das einst alles andere als sprachlos sein wird. Die Mutter nennt ihn, den Namen – nie hatten Mutter und Vater darüber gesprochen, wie auch?!
Er schreibt ihn, sie spricht ihn und beide sagen das Gleiche: Johannes! …
Kein Halten mehr, die Sprache zurück,
zuerst als brabbeln und stammeln,
doch das reicht noch nicht, nein da ist mehr, viel mehr, da ist Jauchzen und Jubel brandet auf, der alte Mann stimmt Lobgesänge an:
Zacharias hört das Zeichen, hört es und bricht – in Jubel aus! Da ist der Knabe schon acht Tage alt… niemals ein schöneres Geburtstagslied gehört:
Du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es denen erscheine, die in Finsternis und Schatten des Todes sitzen und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. (Lk 1,69)
Geburtstagsjubel, sechs Monate vor Weihnachten, Rettung aus Finsternis und Tod – das ist Christentum in einem Satz! Um nichts anderes geht es, Finsternis und Tod und Licht aus der Höhe, Zacharias muss davon singen und kann nicht stumm bleiben.
Und wir? Die Rettung können wir nur annehmen, denn auch wir feiern heute Geburtstag
Und wir? Auf den Weg des Friedens müssen wir unsere Füße richten,
sprachlos, oder wortgewandt, kopflos oder wohl überlegt, stammelnd oder jauchzend, verstummt oder voll Lob – ganz egal, denn nur wo Friede herrscht, nur da, wo wir wollen, dass er herrschen soll, nur da, kann man sagen:
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Geburtstage sollte man feiern, wie sie fallen: Jubelnd, und sprachlos vor Glück zugleich.
Und so stehen wir heute hier, gedenken des Geschehenen, gedenken und feiern die Geburt des Täufers.
Und wir jubeln angesichts des 1. Geburtstages eines neuen kleinen Gotteshauses an diesem Ort. Die temporäre Kapelle wird ein Jahr alt!
Lassen Sie uns singen! Dem Täufer, der Kapelle und all jenen, denen sie in diesem Jahr ans Herz gewachsen ist.
Lassen Sie uns singen mit Blick auf das kommenden Jahr:
Viel Glück und viel Segen auf all unsren Wegen, Gesundheit und Frieden, das schenke uns Gott!
(singen lassen)
Und der Friede Gottes, der größer ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.
Juliane Rumpel, Potsdam im Juni 2012

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