21.12.2013 | Predigt am Vorabend des 4. Advent

Textgrundlage: Jesaja 52,7-10 – es gilt das gesprochene Wort –   Friede sei mit euch und Gnade von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen. Er hatte es ihr ja gesagt. Und sie hatte es besser gewusst. Wie immer. Sie lässt sich so ungern etwas von ihm sagen. Sie

Textgrundlage: Jesaja 52,7-10

- es gilt das gesprochene Wort -

 

Friede sei mit euch und Gnade von dem, der da war und der da ist und der da kommt.

Amen.

Er hatte es ihr ja gesagt.

Und sie hatte es besser gewusst.

Wie immer. Sie lässt sich so ungern etwas von ihm sagen.

Sie ist schließlich schon selber groß und da trifft man seine eigenen Entscheidungen.

Sie hat keine Lust mehr, immer zu tun, was er ihr vorscheibt, auf seine Regeln und seine Vorschläge.

Ja, ja, sie weiß, er will nur ihr Bestes.

Es ist gar nicht so leicht, denkt sie, Tochter zu sein.

Am Ende kann sie sich eben doch nicht von ihm lösen, er ist und bleibt ihr Vater.

Und das größte Problem dabei ist, tatsächlich hat er meistens Recht.

Und seine Regeln haben irgendwie tatsächlich alle einen Sinn.

Das ärgert sie besonders. Ob sich das jemals ändern wird?

Auch dieses Mal also. Auch dieses Mal hatte er es ihr gesagt.

Sie hatte sich fest vorgenommen: Ich mache das alleine, ich entscheide das alleine und ich trage alle Konsequenzen.

Doch nun wusste sie nicht mehr ein noch aus.

Sie hatte das Gefühl, dass ihr Leben in Trümmern lag.

Freudlos alles um sie herum. Sie war gescheitert, ausweglos hatte sie sich verrannt.

Ein Zurück gab es nicht, dachte sie, dachte sie und eine Träne rann ihr dabei die Wangen hinunter, eine zweite folgte, noch eine, noch eine, ein nicht enden wollender Strom brach sich Bahn…

Er hatte es ihr ja gesagt.

Und seine Tochter hatte es besser gewusst.

Wie immer, denkt er, sie lässt sich eben so ungern etwas von mir sagen.

Doch ich kann nicht aus meiner Haut.

Ich will sie bewahren, beschützen vor allem Übel.

Ich will sie bewahren davor, dass sie ins Unheil rennt, ins Bodenlose sinkt.

Und ich weiß doch, dass ich das gar nicht kann.

Ich habe sie gezeugt, ich habe sie erzogen und ich weiß ganz genau, wie sie tickt.

Manchmal, ganz heimlich, da freut es mich auch, dass sie so ist, wie sie ist.

Dass sie ihren eigenen Kopf hat, Entscheidungen trifft und dafür gerade steht.

Das ist schön zu sehen und zugleich schmerzt es mich.

Denn wir haben eigentlich klare Regeln, haben Verabredungen, was unser Zusammenleben betrifft und da kann sie nicht so einfach raus.

Zumindest nicht ohne Konsequenzen.

Ich will hart sein, hart gegen meine Tochter, ich glaube, sonst begreift sie gar nicht, wie sehr ich mich um sie sorge, wie sehr ich sie liebe, meine Tochter.

Und das tue ich, o ja, das tue ich so sehr, dass es mich manchmal schmerzt.

So sehr liebe ich mein Kind.

Und jetzt hat sie sich verrannt, ich ahne es mehr, als es zu wissen, doch ich ahne es so deutlich und klar, dass ich glaube, ihren Schmerz zu spüren, so sehr, dass ich glaube, ich höre sie weinen…

Es ist alte Geschichte.

Die Geschichte der Väter und die Geschichte der Töchter.

Es ist eine alte Geschichte.

Die Geschichte von Vätern und ihren Töchtern.

Sie ist alt und doch ist sie alle Tage wieder neu, alle Tage aktuell, auch ich bin Tochter, auch unter Ihnen sitzen Väter.

Auch die Geschichte der Mütter und der Söhne ist eine ähnlich alte doch hier und heute geht es um eine Tochter.

Eine ganz besondere Tochter, eine Tochter im Streit mit ihrem Vater, eigentlich gar nicht so richtig im Streit und doch haben sie sich entzweit.

Sie hat sich entfernt von ihm, ist ihren eigenen Weg gegangen, einen Weg, der am Ende kein Ende hat und doch ein schreckliches Ende, denn ihre Welt liegt in Trümmern, ist freudlos, alles scheint ausweglos, die Tochter weint und trauert, trauert und weint auch um ihn, ihren Vater.

Die Tochter ist Zion, ist Jerusalem, ist Gottes Tochter, ist Fleisch von seinem Fleisch, das ihn hintergangen hat und bezahlen musste für eigenes Entscheiden.

Jerusalem, die Tochter Zion, eingenommen von fremden Mächten.

Ihre Einwohner ins Exil gejagt, kein Ausweg mehr, Hoffnungslosigkeit.

Tochter Zion seufzt und eine Träne rinn ihr dabei die Wangen hinunter, eine zweite folgt, noch eine, noch eine, ein nicht enden wollender Strom bricht sich Bahn…

Und Gott? Er spürt ihren Schmerz, er hört sie weinen und es erbarmt ihn, ja, wir wollen sagen, es zerreißt ihm das Herz – und können es doch so gar nicht sagen, denn Gott ist Vater aber kein Mensch. Ich suche nach Bildern, die seine Verzweiflung zeigen und finde doch nur meine armen menschlichen Worte.

Ich suche nach Bildern für diese alte Geschichte zwischen Vater und Tochter, zwischen Zion und Gott.

Ich suche – und ich finde: Jesaja!

Einer, der Gott so nah war, dass er seine Worte überbringen kann, solchen wie mir, die diese Worte brauchen, solchen wie Tochter Zion, die weinend und schluchzend über ihr Unglück trauern, wohl wissend, dass sie nicht unschuldig sind an dem, wie es ist.

Jesaja lässt mich zuhören.

Jesaja lässt mich Gott schauen.

Jesaja lässt mich hoffen, denn er hat Hoffnungsworte für Töchter wie mich und für Töchter wie Zion:

7Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König! 8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt. 9 Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. 10 Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

Ich lese Jesaja und eine Träne rinn mir dabei die Wangen hinunter, eine zweite folgt, noch eine, noch eine, ein nicht enden wollender Strom bricht sich Bahn…

Freuet euch, ihr Töchter: Freudenboten auf flinken Füßen sind unterwegs.

Freuet euch ihr Söhne: Traurige Trümmer dürfen vom Frieden träumen.

Freuet euch ihr Kinder: Ja, es gibt ein Zurück, denn er wird euch trösten,

egal wann und von wo und nach wie langer Zeit ich zurückkehre.

Darum:

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!

Und der Friede Gottes, der uns nie verlässt, egal wo wir sind, der bewahre auch an diesem Abend unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

 

Pfarrerin Juliane Rumpel, im Dezember 2013

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