17.11.2013 | Predigt am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres

Textgrundlagen: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!” (2. Kor 6,2b)...

Textgrundlagen:

„Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!” (2. Kor 6,2b)

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„Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann;

21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.22 Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen. 23 Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da! oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach! 24 Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein. 25 Zuvor aber muss er viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht. 26 Und wie es geschah zu den Zeiten Noahs, so wird’s auch geschehen in den Tagen des Menschensohns: 27 sie aßen, sie tranken, sie heirateten, sie ließen sich heiraten bis zu dem Tag, an dem Noah in die Arche ging und die Sintflut kam und brachte sie alle um. 28 Ebenso, wie es geschah zu den Zeiten Lots: Sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten; 29 an dem Tage aber, als Lot aus Sodom ging, da regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und brachte sie alle um. 30 Auf diese Weise wird’s auch gehen an dem Tage, wenn der Menschensohn wird offenbar werden.” (Lukas 17,20-30)

Friede sei mit Euch und Gnade, von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.

Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde:

Wann kommt das Reich Gottes?

Wann kommt die Zeit der Gnade?

Wann kommt der Tag des Heils?

Da antwortete sie mit einem Gleichnis und sprach:

Sie sitzt in ihrem Sessel und seufzt: „Ach, früher…”

Kerzenlicht erhellt ihr zerfurchtes Gesicht.

„Weißt du, früher…”, setzt sie wieder an und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.

Das warme Licht der Kerze vertreibt den Novembernebel, aus dem die Enkeltochter gekommen ist.

„Früher…”, sie lehnt sich im Sessel zurück und holt tief Luft, um zu erzählen.

Wie es früher war, als sie noch mitten im Leben stand, als ihre schmerzenden Glieder sie noch nicht an den Sessel gefesselt hielten. Als die Kinder noch klein, und die Enkel noch nicht auf der Welt waren.

Sie sitzen sich gegenüber: Woche für Woche sitzen sie sich so gegenüber, in ihren angestammten Sesseln…

„Oh, nein”, denkt die andere und: „Hoffentlich hat er Milch und Brot gekauft. Ich muss nachher unbedingt gleich anrufen, wenn ich hier fertig bin!”

Sie beginnt unwillkürlich das Wochenende zu planen, nun ist ja bald Weihnachten, oder zumindest steht der Advent vor der Tür – da wollen Plätzchen gebacken sein und welchen Kuchen soll sie nur backen, für das Adventskranzbinden mit den Freundinnen – eigentlich könnte ihr Mann dieses Jahr wenigstens mal die Zweige besorgen, wenn er sich schon sonst um nichts kümmert. Sie weiß noch gar nicht, wie sie das alles schaffen soll…

„Früher, weißt du”, die Stimme der alten Frau reißt die junge aus ihren Gedanken. „da haben wir am 11. November immer gesungen, wir hatten Laternen, und es gab Martinsgänse. – Geh doch mal in die Küche und hol uns ein paar!”

In der Küche der Großmutter findet sie ein Tablett: Gänseplätzchen, liebevoll ausgestochen und gebacken, zwei Sammeltassen, eine Thermoskanne mit Tee.

Eine Träne kullert ihr die Wange hinunter. Sie wischt sie ab, trägt das Tablett vorsichtig ins Wohnzimmer.

Das Reich Gottes kommt nicht, dass man´s beobachten kann. Siehe, hier ist es! oder: Da ist es!

Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Jetzt, hier & heute, mitten unter euch!

Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils.

Das Reich Gottes war nicht früher…

…als noch alles besser und vieles noch viel schlechter war.

Das Reich Gottes kommt nicht nachher oder morgen oder in einer Woche, wenn alles Geplante eintrifft oder auch nicht.

Es ist mitten unter Euch, es geschieht zwischen Euch, es ist, wie die Zeit der Gnade und der Tag des Heils genau in dieser kleinen Weile zwischen früher und morgen.

Da ist echte Zeit, Geschenk von Gott, jetzt und hier, in diesem Augenblick.

 

Und sie fragten ihn weiter und sie erzählte das Ende des Gleichnisses:

Zwei angestammte Sessel, Woche für Woche sitzen sich „Früher” und „Morgen” hier gegenüber, jede in ihrem angestammten Sessel…

Ein gemütlicher Nachmittag, mitten im November: „Schön, dass du hier bist!”

Sie lächeln sich über die Tassen hinweg an, sie kauen Gänsekekse, sie kichern.

Woche für Woche sitzen sich „Früher” und „Morgen” gegenüber, in ihren angestammten Sesseln…

Lange, lange schon, haben sie nicht mehr so gleichzeitig gelebt wie heute.

Und der Friede Gottes, der früher da war und morgen da sein wird, der Friede Gottes, der heute, jetzt und hier da ist, der bewahre unser aller Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

 

Juliane Rumpel, im November 2013

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