08.05.2015 | Ökumenischer Gottesdienst am 8. Mai 2015 mit Generalsuperintendentin Heilgard Asmus und Propst Klaus-Günter Müller

Predigt zu Micha 4, 1-4

im ökumenischen Gottesdienst in der Nagelkreuzkapelle Potsdam an der ehemaligen Garnisonkirche

Man sagt, es sei ein warmer Sonnentag gewesen, der 8. Mai damals. Als eine Nachgeborene an diesem Tag zu predigen, ist für mich nicht leicht. Ich kenne die Schrecken des Krieges nicht und danke Gott dafür. Ich habe die Kapitulation Deutschlands nicht erlebt und Befreier nicht kennen gelernt und danke Gott, dass Befreiung möglich wurde. So wie mir geht es vielen Menschen. Wir lesen, hören und versuchen zu begreifen, wie Menschen 12 Jahre dieses menschenverachtende, mörderische System Nationalsozialismus ertragen konnten, ja auch begeistert aufrechterhalten wollten, 6 Jahre davon im Krieg. Der wurde ein totaler, das ganze Leben bestimmender Vernichtungsfeldzug. Ich würde gern verstehen, doch merke ich, mein Verständnis hat ist begrenzt. Wer kann über 60 Millionen Kriegstote begreifen? Wer versteht die planmäßige, industrielle Vernichtung von Juden wirklich? Bilder von ausgerotteten Dörfern, brennenden Kirchen voller Menschen, ausgemergelten Befreiten der Konzentrationslager – das alles übersteigt mein Verständnis. Wir nachfolgenden Generationen können nicht für die von Deutschen begangenen Verbrechen verantwortlich gemacht werden, das wird heute oft gesagt. Ich bin erleichtert. Doch es hilft nicht wirklich zum Verstehen, was Großväter und –mütter, Väter oder Onkel taten oder erbeten. Gut, dass sich an diesem Tage heute viele Menschen erinnern wollen und gedenken und danken.

Wir erinnern uns, damit wir uns der Verantwortung bewusst werden. Wir erinnern uns, damit die Schrecken der 2.WK und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nicht vergessen oder nachträglich noch verharmlost werden. Die mahnende Kraft der Erinnerung treibt uns zur Frage, wie Frieden wird. Wir denken daran, dass die Befreiung kein Akt an einem Tag war, sondern Dorf für Dorf, Städte und Regionen wurden mühsam freigekämpft. Befreiung war ein Prozess mit toten, mit Verunsicherungen und Angst. Die Fähigkeit der Menschen zu unmenschlichen Taten, Verführbarkeit und Kadavergehorsam war ja nicht einfach beendet. Viel Zeit musste vergehen, bis der Freiheit getraut und Befreiung gelebt werden konnte.

Ich will gern glauben, dass wir nun befreit sind zu einem Umgang mit unserer Geschichte und mit ihren Nachwirkungen in Opfern und Tätern, in Siegern und Verlierern, in Vertriebenen und Flüchtenden. Wir erinnern uns in aller möglichen Freiheit an die Schuld- und Unheilsgeschichte, gerade an diesem Ort hier. So bleiben wir nicht Gefesselte dieser Geschichte, wir begreifen sie als einen Teil unserer nationalen Identität. Dass wir dabei um Wahrhaftigkeit ringen und streiten, gerade an diesem Ort mit der geschichtlichen Bedeutung und der zukünftigen Ausrichtung, das gehört wohl mit zur  Erinnerungsarbeit. Doch unser Glauben an Gottes befreiendes Wirken macht uns frei, sich den auch den dunklen Seiten der eigenen Biographie und der Schuldgeschichte des eigenen Volkes zu stellen.

 

So wie Befreiung kein einzelner Akt war, so ist auch Frieden ein Prozess. Die Unterschriften damals, am 8. Mai, sicherten vertraglich Frieden, doch sie schafften nicht automatisch Frieden zwischen Menschen. Im Blick auf die Welt, auf europäische Nachbarn bleibt die Freiheits- und Friedensfrage eine beunruhigende.

Wie wird Frieden? Immanuel Kant hat vom ewigen Frieden nicht nur geträumt, sondern in seiner gleichnamigen Schrift einen Weg gezeigt. Weltfrieden kann gelingen aus der Vernunft jedes Menschen und durch einen rechtlich gesetzmäßigen Zustand, den Staaten garantieren können. So schrieb er. Nur ein aktiver Beschluss von Personen kann den Friedenszustand möglich machen. Blicken wir auf Staaten im Kriegszustand, können uns auch Zweifel kommen. Menschen sind durch ihre Vernunft geleitet? Sind Terror, Gewalt und Vertreibungen vernünftige Staatsangelegenheiten? Wenn Immanuel Kant recht hat, dann sind Sie und ich grundsätzlich vernünftige Friedensstifter und sie und ich sollen etwas wollen, was grundsätzlich vernünftig ist: Frieden. Ja, Frieden ist auch eine Ordnung des Rechts unter Menschen. So also könnte Frieden ewig sein? Alles menschlich?

Ach, ich kenne mich und weiß, dass meine Vernunft allein eine begrenzte Reichweite hat. Wir wären wie der Übermensch von Nietzsche, wenn das Maß des Menschlichen nur in der eigenen Vernunft begründet wäre. Wir würden ja nur in eigenen, durchaus vernünftigen oder ganz unvernünftigen Gedanken kreisen. Die Logik des Herzens fehlte, die Hoffnung auf Weiteres, außerhalb von mir würde fehlen.

 

In der Heiligen Schrift wird weiter gehofft. Frieden ist auch eine Ordnung Gottes. Der Prophet Micha hat ein Bild davon in Worte gesetzt, ausgerufen in einer Situation des Krieges. Und Flucht und Vertreibung waren auch erlebt.

Frieden ist eine Ordnung Gottes, weil Gott einzige Macht über Leben und Tod sein soll. Deswegen ist es uns geboten, nicht zu töten, nicht Unrecht an anderen zu tun. Gottes Frieden für alle Völker, für Sie und mich beginnt – merkwürdiger Weise- mit einem Ende. Ende der bisherigen Kulte und Machtstrategien. Ende der Waffen, weil sie in Ackergeräte umgewandelt werden, um Nahrung für alle zu schaffen. Gottes Frieden beginnt mit dem Verzicht auf Unterwerfungen, mit Abkehr von Kriege üben und Gewaltandrohung. Gottes Friede ist möglich im Menschenfrieden durch radikale Neuorientierung auf miteinander Leben ohne Herrschaftsallüren oder Überhöhung eines Menschen.  Weil Gott allein Schöpfer und Erhalter des Lebens ist, gibt es realistische Friedenshoffnung dort, wo Menschen sich den selbst verursachten Katastrophen stellen und sich selbst nicht mehr in den Mittelpunkt stellen.

 

Wegen der Friedenshoffnung für alle  erinnern wir uns, verantworten die Erinnerung an Unheil und Schreckensherrschaft, als ein Beweis, wie Frieden gerade nicht gelingen kann.   Kommt, lasst uns losgehen zum Einzigen, aufbrechen und Frieden schaffen durch umschmieden, umdenken, umlernen. Die Schärfe der Pflugschar oder des Winzermesser wird weiter gebraucht. Kantige Werkzeuge sind weiter nötig. Das Energiepotential der ehemaligen Waffen soll nicht verlorengehen, denn widerstandsfähiges Material wird gebraucht zum Umpflügen, um den Boden zu bearbeiten auf dem Frieden wachsen kann. Dazu sind wir Befreite und dazu haben wir von Gott die Hoffnung auf Frieden eingepflanzt erhalten. Die Logik der Vernunft und die Logik des Herzens kommen zusammen unterm Weinstock. Und sie sitzen unterm Feigenbaum und tauschen sich nachbarschaftlich aus. Dazu sind wir nach der prophetischen Verheißung befreit:

Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des Herrn, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln. Das gilt auch heute für uns. Es folgen Verheißungen für die Welt: Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben und sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Und dann? Liebe Gemeinde was kommt dann? Die Friedensvision geht weiter: Ein jeder wird unter seinem Weinstock sitzen und sie werden unterm Feigenbaum miteinander reden und niemand wird sie schrecken.

Das also hat Gott mit uns vor. So werde es. Amen.

  

Es gilt das gesprochene Wort.

  

Heilgard Asmus

Generalsuperintendentin

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