30.11.2013 | IX. jazz|gott|es|dienst am Vorabend des 1. Advent

Texte: Römer 13,8-12 & „Die Nacht ist vorgedrungen” (EG 16)   Friede und Gnade seien mit euch, von dem Gewesenen, dem Seienden und dem Kommenden. Amen.   part I Wir leben in lichtlosen Zeiten. Am Morgen steigen graue Nebelschleier aus den Rinnsalen der Straße, kriechen und winden sich herauf, schwer atmen wir sie ein, dumpf

Texte: Römer 13,8-12 & „Die Nacht ist vorgedrungen” (EG 16)

Friede und Gnade seien mit euch,

von dem Gewesenen, dem Seienden und dem Kommenden. Amen.

 

part I

Wir leben in lichtlosen Zeiten.

Am Morgen steigen graue Nebelschleier aus den Rinnsalen der Straße,

kriechen und winden sich herauf,

schwer atmen wir sie ein,

dumpf hören wir durch sie hindurch,

blass schauen wir aus ihnen heraus.

Am Tag bedecken sie als graue Wolken einen nassen Himmel,

über dessen untersten Rand sich kurz ein weiß-fahles Rund schleppt,

das uns spärlich Licht spendet.

Seh ich die Nacht im Westen sinken, scheint sie im Osten schon wieder zu steigen,

fast ist mir, als würde jemand die Welt in seine hohle Hand verschließen.

Der Kreislauf, sonst strahlendes Symbol der Ewigkeit,

der Wiederkehr,

er wird mir zum Rad des Leidens,

in lichtlosen Zeiten.

Die Welt dreht sich, aber sie kommt nicht vom Fleck,

jeder Silberstreif der Hoffnung

auf Besserung und auf Frieden,

auf Sättigung und auf Gerechtigkeit,

er ist nur ein Grauschleier zwischen zwei Finsternissen,

ein Luftholen für neue Angstschreie,

ein Auffüllen der Tränensäcke,

um noch eine Nacht zu weinen.

 

1. Die Nacht ist vorgedrungen,

der Tag ist nicht mehr fern.

So sei nun Lob gesungen

dem hellen Morgenstern.

Auch wer zur Nacht geweinet,

der stimme froh mit ein.

Der Morgenstern bescheinet

auch deine Angst und Pein.

 

part II

Kennen sie Herrn Zebaoth?

Herr Zebaoth ist stark, sehr stark.

Und er ist mächtig, sehr mächtig.

Er ist so stark und mächtig, dass ihm sogar Engel dienen

und zwar nicht nur ein paar – alle!

Alle Engel dienen Herrn Zebaoth,

weil er so stark und so mächtig ist.

Aber seine Macht und seine Stärke sind nicht das gleiche.

Seine Stärke beweist er im Streit.

Wer ihm etwas wegnimmt, oder wer etwas kaputt macht, was ihm gehört,

mit dem streitet Herr Zebaoth,

aber nicht lang, denn wo Herr Zebaoth hinlangt, da wächst kein Gras mehr,

oder besser, wen er belangt, über dem wächst bald das Gras,

denn mit ihm ist es aus.

Mit mir hat er auch noch eine Rechnung offen,

ich schulde ihm noch etwas und es gibt nichts,

nein, ich habe nichts, womit ich ihn auszahlen könnte,

um sie loszuwerden meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld.

Die Macht des Herrn Zebaoth liegt darin,

dass er auf seine Stärke verzichten kann.

Er ist so mächtig, dass er richtig schwach,

richtig klein werden kann, klein und schwach wie ein Kind.

Das ist doch kaum zu glauben, oder?

Glauben Sie es ruhig!

Denken Sie nur an die Augen, an die Augen von Kindern, wie sie leuchten auf den Weihnachtsmärkten hier in Potsdam -

oder wenn es zu Hause nach Plätzchen riecht.

Leuchtende Kinderaugen sind mächtig,

weil in ihnen der Glanz jenes Kindes steckt.

Leuchtende Kinderaugen sind unschuldig

und die Augen eines Kindes können uns alle Schuld nehmen,

wenn wir uns von ihm ansehen lassen.

Glauben Sie es!

2. Dem alle Engel dienen,

wird nun ein Kind und Knecht.

Gott selber ist erschienen

zur Sühne für sein Recht.

Wer schuldig ist auf Erden,

verhüll nicht mehr sein Haupt.

Er soll errettet werden,

wenn er dem Kinde glaubt.

 

part III

Wir leben in lichtlosen Zeiten,

aber wir wandeln nicht im Dunkeln.

Mit klarem Blick sehen wir die Welt,

sehen ich meine Welt und wir unsere Stadt.

Nicht Gottes Welt,

vielleicht hat er sie einst geschaffen, aber wir gestalten sie, gestalten sie um,

verunstalten sie …

und unseren Kinder und Kindeskinder müssen wir erzählen, wie schön sie einst war.

Müssen es erzählen, denn sie werden es nicht mehr sehen können.

Potsdam ist nicht Gottes Stadt,

ist nicht das neue Jerusalem,

in dem alle zu essen haben,

in dem die Kinder der Heiligen wie Engel sind,

reich beschenkt.

Reich beschenken können sich hier nicht alle,

nicht einmal die meisten.

Und doch ist jetzt wieder die Zeit: Das Weihnachtsspiel beginnt…

Geschenke kaufen, Plätzchen backen, Familie einladen,

heile Welt! So will es das Gesetz der Stunde, die jetzt da ist.

Und wer keine Geschenke hat,

womit zeigt der seine Liebe?

Und welche keine Familie hat,

wem zeigt die ihre Liebe?

Und wenn wir keine heile Welt haben, war dann all unser Lieben nur ein Traum?

Ein Albtraum, aufgestiegen aus der Dunkelheit in uns,

voller Zynismus, weil diese Welt nicht zu retten ist,

weil wir uns nicht retten können?

Die Stunde ist jetzt da, aufzuwachen aus Albträumen

und aufzustehen vom Schlaf,

denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit,

da wir gläubig wurden.

Unsere Welt können wir nicht retten, brauchen wir nicht retten, denn sie ist es schon, ich bin es schon – gerettet:

Auch wenn es dunkel ist und immer wieder dunkel wird,

auch wenn meine Nacht fürchterlich ist und mich fürchten macht,

auch wenn in den letzten Tagen das memento mori größer war als alle Lebenslust,

auch wenn…

…auch dann brennt eine Kerze,

auch dann brennt diese erste Kerze,

als ein Zeichen, ein Zeichen unserer brennenden Geduld hin auf den Morgen und seinen Stern, brennende Geduld hin auf die Krippe und unseren Herrn.

Meine brennende Geduld, genährt von Hoffnung meist und getrübt von Zweifel auch, flackert sie und lodert auf, entzündete andere Kerzen, Woche für Woche, entzündet sie andere Menschen, meine brennende Geduld: Entzündet mich und lässt mich brennen für das und für die, das und die ich liebe.

Sie ist meines Lichtes Waffe, sie lege ich an, sie leuchtet für mich und für dich und lässt mich tun, was ich tun soll, um sein Gesetz zu erfüllen – sie lässt mich lieben.

4. Noch manche Nacht wird fallen

auf Menschenleid und -schuld.

Doch wandert nun mit allen

der Stern der Gotteshuld.

Beglänzt von seinem Lichte,

hält euch kein Dunkel mehr.

Von Gottes Angesichte

kam euch die Rettung her.

5. Gott will im Dunkel wohnen

und hat es doch erhellt.

Als wollte er belohnen,

so richtet er die Welt.

Der sich den Erdkreis baute,

der lässt den Sünder nicht.

Wer hier dem Sohn vertraute,

kommt dort aus dem Gericht.

Und der Friede Gottes der heller ist als all unsere Dunkelheiten, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

 

Juliane Rumpel & Thomas Thieme im November 2013

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