15.01.2014 | Gottesdienst zum Neujahrsempfang und zur Verabschiedung von Pfarrerin Juliane Rumpel

Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz OKR Martin Vogel Predigt vom 15. Januar 2014 zu Lukas 17,5...

Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

OKR Martin Vogel

Predigt vom 15. Januar 2014 zu Lukas 17,5

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

I.

Mitten im beginnenden Kriegstaumel kommen in den ersten Augusttagen des Jahres 1914 Christen aus verschiedenen Ländern in Konstanz zusammen und gründen den „Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen”. An ihrer Spitze steht Friedrich Sigmund-Schultze. Der junge Mann ist noch nicht einmal dreißig Jahre alt. Durch seinen Einsatz wird er gleichwohl zu einer Leitfigur des ökumenischen Einsatzes der Christen für den Frieden im Jahrhundert der Weltkriege. Der in die Konferenz hineinplatzende Kriegsausbruch zwingt die Versammelten zum überstürzten Aufbruch. Auf einer Zwischenstation der Rückreise befördern der englische Quäker Henry Hodgkin und der deutsche Pfarrer Friedrich Sigmund-Schultze gemeinsam in Köln eine Initiative, aus der die Gründung des Internationalen Versöhnungsbundes hervorgehen sollte. Die beiden Christen widersetzen sich der vorherrschenden Logik und veröffentlichten eine deutsch-englische Erklärung gegen den Krieg.

Was für ein Kontrast! Der europäische Kontinent steigert sich in einen Kriegstaumel und eine kleine Gruppe von Menschen nimmt sich der irrwitzig erscheinenden Aufgabe an, der ökumenischen Friedensarbeit die Bahn zu bereiten. Wie weitsichtig, wie vernünftig und wie glaubensstark!

Nur wenige wissen, dass der in Görlitz geborene Friedrich Sigmund-Schulze im Jahre 1910 zum Pfarrer an die Potsdamer Friedenskirche berufen wurde. In einem programmatischen Aufsatz schreibt der damalige Friedenskirchenpfarrer: „Das Christentum… kann den organisierten Massenmord nicht heiligsprechen, sondern muss erklären, dass Kriegführen gegen den Willen Jesu ist!” Sigmund-Schultze fordert die Kirchen zu klaren Worten auf – leider vergeblich.

Noch heute, knapp hundert Jahre nach den furchtbaren Kämpfen bei Verdun, zeigt sich die Natur als eine Art Mondlandschaft voller Krater, überzogen von einem Flaum aus Büschen, Bäumen und Sträuchern. Allein in den ersten acht Stunden der Schlacht hatten kaiserliche Kanoniere zwei Millionen Granaten verschossen.

II.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs bestand Europa aus militärisch geprägten Gesellschaften. Uniformen galten als schneidig und Matrosenanzüge waren modern. Ein Blick auf die Residenz- und Garnisonstadt Potsdam belegt diesen Befund eindeutig.

Von den Friedenszeiten künden die Schlösser und Parkanlagen. Die Spüren der früheren Dominanz und Allgegenwart des Militärs finden sich fast überall. Am Ufer vor der Heiligengeistkirche existierte eine Militärbadeanstalt. Die Staatskanzlei des Landes Brandenburg befindet sich in der ehemaligen Kadettenanstalt Potsdam. Dort, wo heute in der Berliner Straße ein Bio Markt für seine Produkte wirbt, waren die Leib-Garde-Husaren untergebracht. In Krampnitz befand sich die Heeres-, Reit- und Fahrschule und dort, wo heute im Klinikum Ernst von Bergmann Patienten mit Blinddarmreizung behandelt werden, lag die Kaserne der Garde-Jäger. Nur wenige wissen, dass die katholische Kirche St. Peter u. Paul am Bassinplatz ursprünglich als Garnisonkirche gebaut wurde. Die Sparkasse am Luisenplatz, der BUGA-Park, zahlreiche heutige Wohnungsquartiere oder das Justizzentrum sind in ehemals militärisch genutzten Gebäuden oder Flächen untergebracht.

III.

Der Lehrtext aus den Herrnhuter Losungen für den heutigen Tag stammt aus dem 17. Kapitel des Lukasevangeliums. Die Passage lautet folgendermaßen:

Jesus sprach aber zu seinen Jüngern: Es ist unmöglich, dass keine Verführungen kommen; aber weh dem, durch den sie kommen! Es wäre besser für ihn, dass man einen Mühlstein an seinen Hals hängte und würfe ihn ins Meer, als dass er einen dieser Kleinen zum Abfall verführt. Hütet euch! Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht; und wenn er es bereut, vergib ihm. Und wenn er siebenmal am Tag an dir sündigen würde und siebenmal wieder zu dir käme und spräche: Es reut mich!, so sollst du ihm vergeben. Und die Apostel sprachen zu dem Herrn:

Stärke uns den Glauben!

IV.

Drei Dinge möchte ich aus dem Dialog zwischen Jesus und seinen Jüngern herausgreifen. Jesu Hinweis auf die zum Leben dazu gehören diabolischen Versuchungen. Den Aufruf zur Vergebung und die Bitte der Apostel um die Stärkung ihres Glaubens.

Für uns wird in der aufgearbeiteten Rückschau aus dem Abstand von hundert Jahren deutlich, dass Europa 1914 in einen vermeidbaren und sinnlosen Krieg hineingeschlittert ist. Dieser Krieg hätte verhindert werden können. Doch augenscheinlich bargen die vorhandenen militärischen Optionen ein ausgesprochen verführerisches Potential in sich. Offensichtlich versagten weite Teile der politischen Eliten Europas. Und erst als es längst zu spät war, stellte sich der Weg in den Waffengang als Weg in die Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß heraus.

Doch wie hören wir heute Jesu Warnung für unsere Gegenwart, deren Teil wird sind – ohne Übersicht und Abstand. Es ist unrealistisch, auf ein Leben zu hoffen, in dem wir von Auseinandersetzungen mit diabolischen Versprechen verschont bleiben. Wo liegen die Mühlsteine bereit und für wessen Häupter sind sie gedacht? Was ist der rechte Weg? Wer schützt uns vor dem Abfall vom Glauben und leitet unsere Umkehr ein?

Jesus artikuliert die bedrohliche Warnung klar und unmissverständlich: Für einen diabolischen Durcheinanderwerfer wäre es besser, mit einem Mühlstein um den Hals im Wasser zu versinken als auch nur einen Menschen zum Abfall von der Treue zu Gott zu verführen. Vielleicht müssten vor der wieder gewonnenen ehemaligen Garnisonkirche symbolisch einige Mühlsteine liegen als steinerne Mahnung für uns alle, die zukünftig in diesem Gotteshaus ein und ausgehen werden.

Auf Jesu Warnung folgt sein dringender Rat:

Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht; und wenn er es bereut, vergib ihm. Der Mantel der Nächstenliebe mag schützen, überdecken und wärmen. Das ist häufig lebensrettend. Vor allem sind diese wärmenden Mäntel Mangelware. Ebenso nötig ist nach Jesu Rat an seine Jünger das kritische Wort zur rechten Zeit: Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht. Das Streitgespräch gehört ebenso zum Ethos einer christlichen Gemeinde. Ja, brauchen wir mehr Streit, mehr Freimut zum offenen Wort, mehr Debatten und eine größere Fehlerfreundlichkeit für einander.

Sieben Mal am Tag sollen die Jünger vergeben, wenn es dem Nächsten ernst ist mit seiner Umkehr. Mag sein, dass es mir in diesem Jahr gelingt, den eigenen Groll über diesen unmöglichen Anderen mit Gottes Hilfe zu bearbeiten. Eine lohnende Aufgabe. Mehr Freimut zur Debatte, mehr Barmherzigkeit und mehr Vergebung. Nelson Mandela hat nach langen Jahren im Gefängnis die Kraft zur Versöhnung mit seinen Peinigern aufgebracht und seinem Land dadurch Zukunftsräume eröffnet. Mit Gottes Hilfe können auch wir erste Schritte gehen und Hände ausstrecken.

Am Ende reagieren die Jünger Jesu auf sympathische Weise. Sie bitten ihren Heiland:

Stärke unseren Glauben! Denn ohne das Vertrauen auf Gottes Güte kann es nicht gelingen.

Sie, liebe Juliane Rumpel, haben seit dem März 2011 die Bestrebungen zur Wiedergewinnung der Garnisonkirche begleitet. Als junge Pfarrerin im Entsendungsdienst verschlug es Sie weder in die Prignitz noch in die Lausitz, sondern nach Potsdam an einen Ort, an dem früher einmal eine Kirche stand. Die Temporäre Kapelle, in der Sie seit Juni 2011 regelmäßig Gottesdienste gehalten haben, befand sich gerade erst im Bau. Anders als bei vielen Ihrer Kollegen fehlten viele Selbstverständlichkeiten: Es gab kein Pfarrhaus, kein Siegel, keine Kirchengemeinde im klassischen Sinne. Dafür wurde sehr schnell klar, wie nötig es war, diejenigen Menschen seelsorgerlich zu begleiten, die sich für den Wideraufbau einsetzen. Zugleich musste der Dialog mit denjenigen geführt werden, die das Projekt missdeuteten, doch an einem Austausch interessiert waren. Nicht zu vergessen diejenigen, die alles grundsätzlich ablehnten. Eine kommunikativ höchst anspruchsvolle Aufgabe. Bei allem, was Sie taten, wurde nach und nach ein roter Faden erkennbar: Sie haben sich als Pfarrerin verstanden, deren Aufgabe es ist, die rettende Kraft des Evangeliums weiterzugeben. Sie haben den Glauben der Weggefährten gestärkt. Damit haben Sie das getan, was nötiger war, als alles andere.

Nach und nach – mit nicht zu verschweigenden Durststrecken – entwickelte sich eine Gottesdienstgemeinde, die Samstags um 18.00 Uhr in die Kapelle an der Garnisonkirche kam. Neue Wege wurden begehbar, Brücken in den Kirchenkreis wuchsen bei Gesprächen und Spaziergängen. Die Verbindungen zur deutschen Nagelkreuzgemeinschaft, aber auch nach Coventry wurden gepflegt und verbessert. Gegenseitige Besuche gaben Anregungen und Impulse.

Nun aber haben Sie mit Beginn des Jahres ihren Dienst in der Kirchengemeinde Langerwisch aufgenommen. Ihre neue Gemeinde darf sich auf eine Pfarrerin freuen, die weiß, wie wichtig es ist, dass wir uns gegenseitig in unserem Glauben stärken.

Für uns bleibt die beschwingte Erinnerung an wunderbare Jazzgottesdienste in der Kapelle, der dankbare Blick zurück über die bisherige Weggemeinschaft, das Wissen darum, dass Langerwisch nicht allzu weit weg ist und die Bitte um Gottes Segen für Sie, Ihre Eltern und Ihren Mann.

Zehn Jahre nach dem Ruf aus Potsdam und beinahe hundert Jahre nach dem Beginn des I. Weltkriegs – so kann man dankbar feststellen, ist der Konversionsgedanke beeindruckend weit vorangeschritten. Wer hätte das 1914 gedacht! Von der Temporären Kapelle an Garnisonkirche, ist ein Demokratiebus gestartet, der Wiederaufbau kommt voran, es werden Jazzgottesdienste gefeiert und all das wurde von einer Pfarrerin verantwortet. Gott stärke unseren und Ihren Glauben, Amen.

 

 

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