30.05.2015 | Gottesdienst am 30. Mai 2015 aus der Predigtreihe: Gott ist anders

Predigt: Prof. Dr. Klaus Haacker

Gottesdienst am 30.5. 2015 in der Nagelkreuzgemeinde Potsdam

 

Thema der Predigtreihe: Gott ist anders.

 

Musik

 

Begrüßung und Votum

 

Wie in jedem christlichen Gottesdienst feiern wir jetzt nicht etwas – ein Jubiläum, einen Geburtstag, einen Sieg, sondern wir feiern

Gott unseren Schöpfer und liebenden Vater

und Jesus, seinen geliebten Sohn, den er für uns gesandt hat,,

und den heiligen Geist, der Glauben weckt und das Leben verwandelt.

 

Psalm 139 nach EG 754 (gemeinsam gesprochen)

 

Eingangslied: 322,1-5: Nun danket all und bringet Ehre

 

Gebet

 

Großer Gott, wir danken dir für dein Geschenk an die ganze Welt, dass es den Zeittakt der Woche und damit ein Wochenende gibt.  Dass unser Leben im Siebentage-Rhythmus verläuft, damit auf Anspannung Entspannung folgt, auf Arbeitszeit Freizeit, Zeit, zu uns selber zu kommen, und Zeit für dich.

Wir danken dir für Zeichen deines Segens, die wir erlebt haben, und für deine Geduld mit unseren Schwächen.

Gib uns Lebensmut für das, was in der nächsten Woche auf uns wartet.

Und lass dein Wort Licht auf unser Leben und auf unsere Welt werfen. Amen.

 

Lesung :

Röm 11,33-36:

 

„O welch eine Tiefe des Reichtums der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!

Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!

Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt oder wer ist sein Ratgeber gewesen?

Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste?

Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.

Ihm sei Ehre in Ewigkeit . Amen“

 

 

 

Predigt

 

Liebe Gemeinde,

Die Gottesfrage ist „in“! Während vor Jahren Verlage mit Jesusbüchern Gewinne machen konnten, haben wir seit einiger Zeit ein großes Angebot von Büchern mit Gott im Titel. Wir verdanken das vor allem zwei neuen Faktoren: dem Erstarken eines offensiven Atheismus und der Herausforderung durch den Islam, seine Präsenz in Deutschland und sein Erscheinungsbild in den Medien. Beide Entwicklungen nötigen uns zum Nachdenken über Gott, zu der Frage: Wer oder was oder wie ist eigentlich Gott? Ausgerechnet Menschen, die nicht an Gott glauben, haben merkwürdiger Weise eine klare Vorstellung von Gott. Oder besser: Gott hat bei ihnen ein ganz bestimmtes Image. (Egal, ob es ihn gibt oder nicht.)

 

Sie kennen vielleicht das Berliner Stadtmagazin  Zitty, in dem man alle 14 Tage vom Kulturangebot der Bundeshauptstadt erschlagen wird. Vor vier Monaten hatte ein Heft eine plakative Titelseite mit dem Satz „Gott ist doof“ – womit gemeint war: Religion ist schädlich, weil sie zu Gewalttaten motiviert. Kein Wunder, wenn Terroristen bei ihren Taten „Gott ist groß!“ rufen. Aber darf man  ihnen das Feld überlassen in der Frage, wie Gott ist? Der Verfasser des betreffenden Artikels verbucht Religion unter der Überschrift „Ideologien“, die den Menschen einfache Antworten auf alle Fragen versprechen. Aber passt das zu dem Gott der Bibel? Der ist, wie Paulus festgestellt hat, eher schwer zu verstehen – beim Lesen der Bibel oder im Nachdenken über unser Leben, wenn wir ihm einen Einfluss darauf zuschreiben. 

 

Auch weniger aggressive Gottesgegner scheinen genau zu wissen, wie Gott ist. Im Vordergrund steht dabei meistens der Gedanke der Allmacht. Dieser Gedanke der Allmacht wird dann gern mit anderen Eigenschaften konfrontiert wie Gerechtigkeit oder Liebe. Aber warum gibt es dann so viel Leid und Ungerechtigkeit in der Welt? Kann Gott dem nicht abhelfen oder will er es nicht? Aus dieser Unvereinbarkeit von Allmacht auf der einen und Liebe und Gerechtigkeit auf der anderen Seite wird dann gefolgert, dass es diesen Gott nicht gibt.

Der Gott der Bibel ist aber kein gut oder schlecht erfundener Begriff, sondern eine Person, und Personen lassen sich nicht auf Begriffe bringen. Personen lernt man erst nach und nach kennen, wenn man sich auf eine Geschichte mit ihnen einlässt. Davon  erzählt die Bibel.

Auch der Königsberger Philosoph Immanuel Kant meinte, Eines und  nur Eines über Gott zu wissen. Nämlich dass Gott absolut jenseitig ist. So transzendent, dass wir ihn gar nicht erkennen könnten, wenn er sich offenbaren würde.  Aber wenn das stimmt, dann kann Kant nicht einmal wissen, dass es einen transzendenten Gott gibt. Dann kann man über Gott nur schweigen.

„Transzendieren“ heißt aber „übersteigen“. Gott ist transzendent, weil er unser Denken übersteigt, nicht weil er unerkennbar wäre. Dafür haben zu viele Menschen Erfahrungen mit ihm gemacht.

 

Paulus schreibt:

„Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich sind seine Wege.“ 

 

Und im Psalm haben wir mitgesprochen:

„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.“

Gott ist nicht unerkennbar, aber ein Lernstoff, an dem wir immer wieder buchstabieren müssen: im Durchdenken unseres eigenen Lebens und im Blick auf den oft rätselhaften Lauf dieser Welt.

 

Auch Bibelleser und Bibelkundige  müssen immer wieder hinzulernen, dass Gott anders ist, als sie ihn sich bisher vogestellt haben. Die zitierten Sätze aus dem Römerbrief sind ein Fazit des Paulus aus einem lebenslangen Lernen! Zuerst meinte er, Gott damit dienen zu müssen, dass er die Jesusbewegung bekämpfte. Nach seiner eigenen Bekehrung hielt sich für einen idealen Bekehrer anderer Juden – und erlebte damit überwiegend  Schiffbruch. Da war er nahe daran, alle Hoffnungen für Israel zu begraben. Ihn quälte der Gedanke, dass Gott sein erwähltes Volk vielleicht verstoßen haben könnte. Aber schließlich erkannte er die Logik der Wege Gottes: Nur unter Zurückstellung Israels konnte das Evangelium zu allen Völkern gelangen. Aber auch Israels Geschichte wird schließlich ins Heil Gottes führen; denn das letzte Wort Gottes heißt: Barmherzigkeit! Hinter diesem Lernprozess des Paulus hinken viele Christen noch hinterher.

 

Es gibt Bibelworte, die - aus dem Zusammenhang gerissen und überbetont – ein einseitiges und geradezu bedrohliches Bild von Gott erzeugen können.

Dazu gehören auch die ersten Verse unseres heutigen Psalms:

                „Herr, du erforschst mich und kennst mich.

                Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;

                du verstehst meine Gedanken von ferne.

                Ich gehe oder liege, so bist du um mich

                und siehst alle meine Wege.

                Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,

                das du; Herr, nicht schon wüsstest.“

 

Aus dem Zusammenhang gerissen, ist das eine Horrorvision! NSA lässt grüßen! Big Father weiß noch viel mehr als Big Brother !

Nicht umsonst ruft der Beter danach aus:

                „Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,

                und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?“

Warum? Weil uns so Vieles in unserem Leben peinlich ist. Taten, die besser ungeschehen geblieben wären. Worte, die verletzt haben. Gedanken, deren wir uns schämen. Die Vorstellung, dass uns jemand auf all das ansprechen könnte, weil er genau Bescheid weiß, ist ein Albtraum. Und dass Gott  dieser Jemand sein soll, kann uns einen Schrecken einjagen. Es liegt nahe, diesen Gedanken lieber zu verdrängen.

 

Es gibt aber eine uralte Tradition, genau diesen Gedanken zu unterstreichen und besonders jungen Menschen geradezu einzuhämmern. Da wird die Angst vor Gott zum Instrument der Erziehung. Nicht als Anreiz zum Guten, sondern als emotionale Keule in der Hand der Erwachsenen.

Der Psychoanalytiker Tilmann Moser hat vor vielen Jahren ein Buch mit dem Titel

Gottesvergiftung“ publiziert Darin führt er krankhafte Störungen des Selbstgefühls auf religiöse Einflüsse zurück, auf eine betont kirchliche Erziehung. Diese arbeitet gern mit dem Hinweis auf Gott als den Überwacher des ganzen Lebens. Über dem hängt dann wie ein Damoklesschwert die ständige Frage: „Was würde Gott dazu sagen?“

 Gott als Krankheitserreger? Das darf doch eigentlich nicht wahr sein! Wo doch die Bibel an einer Stelle (Ex 15,26) Gott selbst sagen lässt: „Ich bin der HERR, dein Arzt“, und wo doch Jesus gerade auch psychische Krankheiten geheilt hat!

Die Bibelworte im Losungsbuch für den heutigen Tag erinnern daran.

 

Aber es gibt wirklich Vorstellungen von Gott, die krank machen können und die darum korrigiert werden müssen. Nicht in Eigenregie, sondern von den Quellen her, denen wir unsere Kenntnisse von Gott verdanken. Das ist ja der Kern dessen, was wir unter Reformation verstehen: Immer neue Justierung des Glaubens im Lichte der Bibel, um gefährliche Fehlentwicklungen zu erkennen und zu überwinden.

Darum lohnt es sich, einmal nachzufragen, worauf denn Gott als Zuschauer unseres Lebens achtet, worauf er etwa gezielt seinen Blick richtet:

Da heißt es zum Beispiel in Ps 33 (13.18.19):

 „Der Herr schaut vom Himmel und  sieht alle Menschenkinder. Sieh, des Herrn Auge achtet auf alle, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen, dass er sie errette vom Tode und sie am Leben erhalte…“

 

Die Herausführung der Israeliten aus der Zwangsarbeit in Ägypten beginnt mit dem Gotteswort:

„Ich habe das Elend meines Volkes gesehen und ihr Schreien über ihre Antreiber gehört.“

Gott registriert genau das Unrecht, das auf Erden geschieht; aber nicht als kleinlicher Buchhalter unserer Verfehlungen, sondern im Interesse der Leidtragenden.

 

Ein selbstkritisches Gewissen ist eine gute Sache, aber die Angst vor dem Überwachungsgott ist dafür kein guter Lehrmeister. Sie verdirbt nämlich das Verhältnis zu Gott und legt ihn auf eine Rolle fest, die er notgedrungen auch übernehmen muss. Gottes Grundverhältnis zu uns ist aber ein anderes. Es findet seinen schönsten Ausdruck im Gleichnis Jesu von dem Vater, dem ein Sohn verloren gegangen war. Ausgewandert und im Ausland verschollen, vom Vater schmerzlich vermisst. Der zu Hause gebliebene Bruder hat ihn längst abgeschrieben: ein Versager, sonst hätte er sich ja mal gemeldet.

 

Aber der Vater hält täglich Ausschau nach ihm. Und eines Tages sieht er ihn schon von weitem auf das Elternhaus zugehen, sichtlich entkräftet, in Lumpen gekleidet und abgemagert. Da zerschmilzt das Vaterherz, und der Alte rennt ihm entgegen, umarmt ihn und küsst ihn ab. Der so lange Vermisste, schon tot Geglaubte lebt und ist wieder da! Das muss gefeiert werden.

 

So ist Gott! Mit solchen Augen sieht er uns an, auch wenn wir ihm nicht mit der besten Betragensnote und einem gelungenen Leben unter die Augen kommen.

Aber damit endet das Gleichnis noch nicht. Der ältere Sohn kann sich nicht mitfreuen und will von seinem Bruder nichts wissen. Der ist doch an seinem Unglück selber schuld! Dabei weiß er doch gar nichts über dessen Leben in der Zwischenzeit. Er malt sich nur aus, mit welchen Lastern der Jüngere wohl sein Erbteil verprasst hat. Der Vater dagegen will das gar nicht genauer wissen. Die Beichte, mit der der Heimkehrer sich selbst die Schuld an seinem Elend gibt, interessiert ihn gar nicht.

 

So ist Gott!

Dass Gott uns immer und überall sieht, stimmt. Aber das Wichtigste ist nicht, was er sieht und weiß, sondern wichtig ist vor allem, wie er uns ansieht.

Er sieht in uns seine geliebten Kinder, die nie aufhören, seine Kinder zu sein, egal, wie weit wir uns von ihm entfernt haben.

 

Ja, Gott ist anders.

 Gott ist besser als unsere Ängste.

 Gott ist einfach gut!

Amen.

 

 

 

 

 

Lied Lebenspsalm“ (Melodie wie Oh Danny Boy, the pipes, the pipes are calling oder Would God I were the tender apple blossom). Bei meinem vorliegenden Text endet die 3. Strophe schon auf der Hälfte der Melodie.

 

Von allen Seiten, Gott, von dir umschlossen,

behütet wie ein Kind im Mutterschoß,

von deiner Liebe warm und gut umflossen,

vertrau ich deiner Treue grenzenlos.

Du hast mein Leben wunderbar bereitet,

als ich noch stumm und ohne Namen war;

dann hast du mich geboren und geleitet

durch Höhen und durch tiefe Tiefen Jahr um Jahr.

 

Und wollte ich mich weit von dir entfernen,

so ließest du mich meine Wege gehn,

um meines Lebens Lehren selbst zu lernen,

und bliebst doch wartend an der Türe stehn.

Ich konnte deinen Augen nicht entkommen,

warf ich auch selber keinen Blick zurück.

Dann hast du mich Verarmten aufgenommen,

mich endlich wiederfinden war dein schönstes Glück.

 

Von allen Seiten, Gott, von dir umschlossen,

behütet wie ein Kind im Mutterschoß,

von deiner Liebe warm und gut umflossen,

wird meine Seele alles Schwere los.

 

Abkündigungen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vaterunserlied (Text K.Haacker, Melodie U. Laepple)

 

1. Unser Vater in der Höhe,  dessen Güte ewig währt,

sieh, wir suchen deine Nähe, wie dein Sohn es uns gelehrt,

wie dein Sohn es uns gelehrt.

 

2. Du allein bist Gott zu nennen:  Alles, was du tust, ist gut.

Deinen Namen zu bekennen, gib uns Worte, Lust und Mut,

gib uns Worte, Lust und Mut.

 

3. Deine Herrschaft hier auf Erden  ist die Hoffnung dieser Welt.

Laß doch ganz zunichte werden,  was sich dir entgegenstellt,

was sich dir entgegenstellt.

 

4. Deinem Willen folgen gerne,  die sich deiner Nähe freun.

Gib, dass alle Welt noch lerne,  froh dein Eigentum zu sein,

froh dein Eigentum zu sein.

 

5.  Gib uns Brot für heut und morgen;  schütz der Erde Fruchtbarkeit;

wehre allem falschen Sorgen  um Besitz und Sicherheit,

um Besitz und Sicherheit.

 

6. Und was wir dir schuldig blieben,  klage nicht mit Härte ein,

wie auch wir uns darin üben,  selbst dem Feinde Freund zu sein,

selbst dem Feinde Freund zu sein.

 

7. Laß uns dir die Treue halten,  wenn Verführung uns bedroht,

und entreiß uns den Gewalten  der Zerstörung, Angst und Not,

der Zerstörung, Angst und Not.

 

8. Alle Herrschaft, die wir kennen,  kommt und geht zu ihrer Zeit.

Du allein bist Herr zu nennen heute und in Ewigkeit,

heute und in Ewigkeit.

 

 

Fürbitten:

Paulus ermuntert zum Gebet mit den Worten:

„Lasst in allen Lagen eure Bitten durch Gebet und Fürbitte mit Danksagung vor Gott laut werden. Dann wird der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, eure Herzen und Gedanken in Christus Jesus behüten.“

Wir beten:

 

Gott, unser Vater, wir bringen unsere Sorgen vor dich.

- Manche von uns machen sich Sorgen um ihr eigenes Leben:

um Gesundheit, um ihr Einkommen, um berufliche Ziele und Aufgaben.

Wir danken dir dafür, dass du weißt, was uns umtreibt.

 

- Manche von uns machen sich Sorgen um liebe Mitmenschen,

im Gedanken an Krankheitsnöte, Beziehungskrisen, anstehende Entscheidungen.

Wir danken dir, dass du sie kennst und ihr Leben auch dir am Herzen liegt.

 

- Manche von uns haben Ziele, für die sie sich einsetzen, und erleben Widerstände.

Du kannst ihnen Kraft geben, um durchzuhalten, und die Offenheit für Winke von dir, die das Ziel oder den Weg dahin neu bestimmen könnten.

 

- Viele von uns sind besorgt über großräumige Entwicklungen in der Welt:

über das Elend, das viele Menschen aus ihrer Heimat vertreibt,

über den Einfluss von Profitsucht und Machtgier auf das Leben der Völker,

über den Missbrauch von Religion zur Legitimierung von Gewalt.

Wir vertrauen dir, dass du nicht alles auf Erden duldest, sondern Gegenkräfte wecken kannst.

 

Du wirst dein herrlich Werk vollenden, der du der Welten Heil und Richter bist;

du wirst der Menschheit Jammer wenden, so dunkel jetzt dein Weg, o Heilger, ist.

Drum hört der Glaub nie auf, zu dir zu fleh; du tust doch über Bitten und Verstehn. Amen

 

Lied 322,6-9

 

Segen

 

Musik

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