13.08.2016 | Gedenken zu 55 Jahre Mauerbau von Cornelia Radeke-Engst

Ich habe mir kein Steinchen aufgehoben.

Ich kann mir keine Filme über den Bau der Mauer ansehen.

Es schnürt mir immer noch die Kehle zu.

Meine Familie wurde damals getrennt.

Ich habe 28 Jahre eingemauert gelebt.

 

August 1961

Manche ahnt etwas.

Manche wissen etwas.

Walter Ulbricht antwortet am 15. Juni 1961 auf einer Pressekonferenz in Berlin (Ost)

"Ich verstehe Ihre Frage so: Dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja?

Eh, mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." 
Rund 2,7 Mio. Menschen hatten zwischen 1949 und 1961 die DDR und Ost-Berlin in Richtung Westen verlassen.

Darunter waren vor allem gut ausgebildete junge Arbeiter und Akademiker. Allein im Juli 1961 verließen 30.000 Menschen die DDR. 

 

Zu Viele sind es, die ungläubig lachen, Das schaffen die doch gar nicht,

eine Mauer zu bauen.

Dann aber im Schatten der Nacht vom 12. auf den 13. August -

im Einverständnis mit der Sowjetunion und mit Rückendeckung der sowjetischen Truppen in der DDR:

- wird aus den Grenzzäunen eine Mauer in Berlin.

Als die Sonne aufgeht, ist ein Großteil des Zauns vom Brandenburger Tor bis zum Potsdamer Platz fertig gestellt. Zwischen Sektorengrenze und Zaun patrouillieren DDR-Grenzer mit Maschinenpistolen.                                                   Bei den in Trümmern liegenden Ministergärten in Berlin zerschneiden Menschen den neuen Stacheldrahtzaun über 100 können noch fliehen. Ein Beispiel das für viele steht.                                                                                                Aber 4000 Menschen werden festgenommen an diesem Tag.

 

 

Eine Mauer.

Sie trägt für die eine Seite den Namen: "Friedensgrenze" und "Antifaschistischer Schutzwall",

zerschneidet Straßen, Gärten, Seen und Nahverkehrswege,

macht U- und S- Bhf. zu Geisterbahnhöfen,

lässt Wege vor einer Wand enden,

schneidet Berufs- und Lebenswege ab.

50.000 verlieren ihre Arbeitsplätze in Westberlin.

Zerteilt ein Land,

zertrennt Familien:

Schreiende Kinder,

schluchzende Mütter.

 

Schießbefehl.

1841 Menschen starben an der innerdeutschen Grenze.

486 Menschen wurden an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben:

-         beim Fluchtversuch durch Schusswaffen,

-         durch Unfälle (Stürze, Ertrinken, Herzversagen, Ersticken),

-         Menschen, die für Republikflüchtlinge gehalten wurden,

-         Angehörige der Grenztruppen.

-         Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen.

Nicht verfasst sind Selbstmorde aus Verzweiflung.

Unter den jetzt neu benannten Todesfällen ist der sechsjährige Steffen Anders.

Er soll 1983 bei einem Fluchtversuch seiner Eltern im tschechischen Fluss Vah ertrunken sein.

Die Toten werden heimlich verbrannt, die Asche in alle Winde zerstreut,

Für die Beisetzung oder Einäscherung der Mauertoten hatte das MfS konkrete Vorgaben zur „Bearbeitung von Leichenvorgängen“ wie es hieß.

Leute vom MfS überwachten die Einäscherung.

Aus Namen der Mauertoten wurde „Unbekannt“.

Wo die Urne beigesetzt oder die Asche verstreut wurde, lässt sich vielfach nicht nachvollziehen.

Größten Teils auf dem Aschenhain Zentralfriedhof Baumschulenweg.

Für viele Angehörige gibt es keinen Ort für die Trauer.

 

 

 

 

Fluchtwege:

Zu Fuß über die grüne Grenze, gegrabene Tunnel, über U-Bahnschächte,

im Kofferraum von Diplomaten, mit gefälschten Pässen,

Flucht über außerdeutsche Grenzen, wie Ungarn,

deutsche Botschaften,

Heißluftballon,

auf der Luftmatratze über die Ostsee

oder Menschen, die durch Fenster auf die andere Seite, in die Freiheit springen.

Sie springen aus dem Land heraus, dass Menschen einmauert,

mit Waffen bedroht,

damit sie erzogen und geformt werden können nach dem Bild der sozialistischen Persönlichkeit.

 

Als der Ring zugezogen war,

konnten sie ungehindert schalten und walten:

Enteignungen, Bodenreform,

Vertreibung,

Jungendwerkhöfe,

Kinder von Republikflüchtigen in Heimen,

Jugendliche auf der Flucht weggefangen,

Regimegegner sterben auf mysteriöse Weise,

Menschen mit schwacher sozialer Kompetenz weggesperrt in Gefängnisse.

Ein Volk in Geißelhaft für die Idee des Sozialismus.

Mit Waffen bedroht,

um nach dem Bild der sozialistischen Persönlichkeit erzogen zu werden.

 

Die Diktatur.

Der Verrat.

Das Schweigen.

Das Sich-Anpassen

28 Jahre  16 Millionen Menschen in einem groß angelegten Experiment.

 

Jede Medaille hat zwei Seiten,

die Mauer auch.

Sie fördert in ihren Grenzen

nicht nur ein Biotop mit einer eigenen Binnenkultur:

Kreativität wächst, aus dem, was da ist, etwas gestalten.

Solidarität, der Eingesperrten,

der Mangel lässt zusammenrücken und teilen.

In den Nischen entsteht geistige Kultur:

Fast ein ganzes Volk las gemeinsam zur gleichen Zeit

nicht nur die Bücher von Christa Wolf,

sondern alles, was endlich gedruckt wurde:

Weltliteratur wurde zur gleichen Zeit gelesen und geteilt.

In dem Land, in dem die Uhren anders tickten,

gab es solide Grundausbildungen von Künstlern,

wie Malern, Schauspielern, Musikern,

auch wenn dann die Zensur ihre Fähigkeiten beschnitt.

Die Gesetzgebung zur Frauenförderung war der im Schwesterland BRD

um 10 Jahre voraus.

 

Eine Nische: die Kirche,

förderte ein geistliches Leben.

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“, war nicht nur, ein äußerst beliebter Taufspruch,

sondern in der Kirche sprang man/frau tatsächlich über Mauern.

Räume geistlicher Freiheit,

die beiden Kirchen in Ost und West blieben verbunden,

entwickelten eine entschiedene Friedenshaltung.

Zu den Visionen des „Konziliaren Prozesses“ kamen aus der DDR über 10.000 Vorschläge, aus der BRD unter 1000.

 

Ich habe mir kein Steinchen aufgehoben.

Meine Eltern waren aus dem Westsektor zurückgekommen,

meine Familie enteignet.

Nie vergessen ich die Tränen meines Vaters auf dem Weg an die Ostsee:

Die alte Fernverkehrsstraße war durchgeschnitten durch die Mauer,

die neue Straße führte kilometerweit durch Berlin entlang der Mauer.

 

Ein Volk in Geißelhaft 28 lange Jahre.

 

Aber mit unserem Gott sind wir über Mauern gesprungen.

Mein Vater durfte das noch erleben.

 

Gedenken zu 55 Jahre Mauerbau  - Cornelia Radeke-Engst

 

Ich habe mir kein Steinchen aufgehoben.

Ich kann mir keine Filme über den Bau der Mauer ansehen.

Es schnürt mir immer noch die Kehle zu.

Meine Familie wurde damals getrennt.

Ich habe 28 Jahre eingemauert gelebt.

 

August 1961

Manche ahnt etwas.

Manche wissen etwas.

Walter Ulbricht antwortet am 15. Juni 1961 auf einer Pressekonferenz in Berlin (Ost)

"Ich verstehe Ihre Frage so: Dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja?

Eh, mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." 
Rund 2,7 Mio. Menschen hatten zwischen 1949 und 1961 die DDR und Ost-Berlin in Richtung Westen verlassen.

Darunter waren vor allem gut ausgebildete junge Arbeiter und Akademiker. Allein im Juli 1961 verließen 30.000 Menschen die DDR. 

 

Zu Viele sind es, die ungläubig lachen, Das schaffen die doch gar nicht,

eine Mauer zu bauen.

Dann aber im Schatten der Nacht vom 12. auf den 13. August -

im Einverständnis mit der Sowjetunion und mit Rückendeckung der sowjetischen Truppen in der DDR:

- wird aus den Grenzzäunen eine Mauer in Berlin.

Als die Sonne aufgeht, ist ein Großteil des Zauns vom Brandenburger Tor bis zum Potsdamer Platz fertig gestellt. Zwischen Sektorengrenze und Zaun patrouillieren DDR-Grenzer mit Maschinenpistolen.                                                   Bei den in Trümmern liegenden Ministergärten in Berlin zerschneiden Menschen den neuen Stacheldrahtzaun über 100 können noch fliehen. Ein Beispiel das für viele steht.                                                                                                Aber 4000 Menschen werden festgenommen an diesem Tag.

 

 

Eine Mauer.

Sie trägt für die eine Seite den Namen: "Friedensgrenze" und "Antifaschistischer Schutzwall",

zerschneidet Straßen, Gärten, Seen und Nahverkehrswege,

macht U- und S- Bhf. zu Geisterbahnhöfen,

lässt Wege vor einer Wand enden,

schneidet Berufs- und Lebenswege ab.

50.000 verlieren ihre Arbeitsplätze in Westberlin.

Zerteilt ein Land,

zertrennt Familien:

Schreiende Kinder,

schluchzende Mütter.

 

Schießbefehl.

1841 Menschen starben an der innerdeutschen Grenze.

486 Menschen wurden an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben:

-         beim Fluchtversuch durch Schusswaffen,

-         durch Unfälle (Stürze, Ertrinken, Herzversagen, Ersticken),

-         Menschen, die für Republikflüchtlinge gehalten wurden,

-         Angehörige der Grenztruppen.

-         Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen.

Nicht verfasst sind Selbstmorde aus Verzweiflung.

Unter den jetzt neu benannten Todesfällen ist der sechsjährige Steffen Anders.

Er soll 1983 bei einem Fluchtversuch seiner Eltern im tschechischen Fluss Vah ertrunken sein.

Die Toten werden heimlich verbrannt, die Asche in alle Winde zerstreut,

Für die Beisetzung oder Einäscherung der Mauertoten hatte das MfS konkrete Vorgaben zur „Bearbeitung von Leichenvorgängen“ wie es hieß.

Leute vom MfS überwachten die Einäscherung.

Aus Namen der Mauertoten wurde „Unbekannt“.

Wo die Urne beigesetzt oder die Asche verstreut wurde, lässt sich vielfach nicht nachvollziehen.

Größten Teils auf dem Aschenhain Zentralfriedhof Baumschulenweg.

Für viele Angehörige gibt es keinen Ort für die Trauer.

 

 

 

 

Fluchtwege:

Zu Fuß über die grüne Grenze, gegrabene Tunnel, über U-Bahnschächte,

im Kofferraum von Diplomaten, mit gefälschten Pässen,

Flucht über außerdeutsche Grenzen, wie Ungarn,

deutsche Botschaften,

Heißluftballon,

auf der Luftmatratze über die Ostsee

oder Menschen, die durch Fenster auf die andere Seite, in die Freiheit springen.

Sie springen aus dem Land heraus, dass Menschen einmauert,

mit Waffen bedroht,

damit sie erzogen und geformt werden können nach dem Bild der sozialistischen Persönlichkeit.

 

Als der Ring zugezogen war,

konnten sie ungehindert schalten und walten:

Enteignungen, Bodenreform,

Vertreibung,

Jungendwerkhöfe,

Kinder von Republikflüchtigen in Heimen,

Jugendliche auf der Flucht weggefangen,

Regimegegner sterben auf mysteriöse Weise,

Menschen mit schwacher sozialer Kompetenz weggesperrt in Gefängnisse.

Ein Volk in Geißelhaft für die Idee des Sozialismus.

Mit Waffen bedroht,

um nach dem Bild der sozialistischen Persönlichkeit erzogen zu werden.

 

Die Diktatur.

Der Verrat.

Das Schweigen.

Das Sich-Anpassen

28 Jahre  16 Millionen Menschen in einem groß angelegten Experiment.

 

Jede Medaille hat zwei Seiten,

die Mauer auch.

Sie fördert in ihren Grenzen

nicht nur ein Biotop mit einer eigenen Binnenkultur:

Kreativität wächst, aus dem, was da ist, etwas gestalten.

Solidarität, der Eingesperrten,

der Mangel lässt zusammenrücken und teilen.

In den Nischen entsteht geistige Kultur:

Fast ein ganzes Volk las gemeinsam zur gleichen Zeit

nicht nur die Bücher von Christa Wolf,

sondern alles, was endlich gedruckt wurde:

Weltliteratur wurde zur gleichen Zeit gelesen und geteilt.

In dem Land, in dem die Uhren anders tickten,

gab es solide Grundausbildungen von Künstlern,

wie Malern, Schauspielern, Musikern,

auch wenn dann die Zensur ihre Fähigkeiten beschnitt.

Die Gesetzgebung zur Frauenförderung war der im Schwesterland BRD

um 10 Jahre voraus.

 

Eine Nische: die Kirche,

förderte ein geistliches Leben.

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“, war nicht nur, ein äußerst beliebter Taufspruch,

sondern in der Kirche sprang man/frau tatsächlich über Mauern.

Räume geistlicher Freiheit,

die beiden Kirchen in Ost und West blieben verbunden,

entwickelten eine entschiedene Friedenshaltung.

Zu den Visionen des „Konziliaren Prozesses“ kamen aus der DDR über 10.000 Vorschläge, aus der BRD unter 1000.

 

Ich habe mir kein Steinchen aufgehoben.

Meine Eltern waren aus dem Westsektor zurückgekommen,

meine Familie enteignet.

Nie vergessen ich die Tränen meines Vaters auf dem Weg an die Ostsee:

Die alte Fernverkehrsstraße war durchgeschnitten durch die Mauer,

die neue Straße führte kilometerweit durch Berlin entlang der Mauer.

 

Ein Volk in Geißelhaft 28 lange Jahre.

 

Aber mit unserem Gott sind wir über Mauern gesprungen.

Mein Vater durfte das noch erleben.

 

Zurück


zum Seitenanfang