Hintergrund

Im Sommer 2017 übernahm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Schirmherrschaft über den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam. Zur wissenschaftlichen Begleitung der Stiftung und des Projekts hat sich am 12. Oktober 2018 unter dem Vorsitz von Professor Dr. Paul Nolte der Wissenschaftliche Beirat der Stiftung Garnisonkirche Potsdam konstituiert. Die acht Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Politik beraten die Stiftung bei der Planung und Durchführung aller mit dem Wiederaufbau des Turms und seiner Füllung als Ort der Erinnerung und Versöhnung verbundenen Aktivitäten.

Der Wissenschaftliche Beirat bearbeitet die im Dreiklang der Stiftung „Geschichte erinnern – Verantwortung lernen – Versöhnung leben“ verbundenen Aspekte für sich genommen und in ihrer wechselseitigen Verschränkung. Er unterstützt die Reflexion des Projekts in interdisziplinärer und vergleichender Perspektive. Er berät die Stiftung, ist offen für ihre Fragen und zugleich in seinen Beratungen unabhängig. Der Wissenschaftliche Beirat tagt in der Regel zweimal jährlich und führt Veranstaltungen politischer Bildung für die Öffentlichkeit durch.


Die Mitglieder des wissenschaftlichen Beirates

Prof. Dr. Paul Nolte, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats, Professor für Neuere Geschichte mit Schwerpunkt Zeitgeschichte an der FU Berlin

Prof. Dr. Christiane Kuller, stellvertretende Vorsitzende, Professorin für Neuere und Zeitgeschichte an der Universität Erfurt

Prof. Dr. Eckart Conze, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Marburg

Dr. Axel Drecoll, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten

Prof. Dr. Rainer Eckert, Historiker und Politikwissenschaftler

Prof. Dr. Christine Gundermann, Junior-Professorin für Public History an der Universität zu Köln

Prof. Dr. Christian Polke, Professor für Systematische Theologie an der Universität Göttingen

PD Dr. Ines-Jacqueline Werkner, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V. in Heidelberg


Aktuelle Veranstaltungen des Wissenschaftlichen Beirates



Vergangene Veranstaltungen des Wissenschaftlichen Beirates

Bei allen Veranstaltungen des Wissenschaftlichen Beirats wird Geschichte nicht nur erinnert oder erzählt, sondern kontextualisiert und mit aktuellen gesellschaftlichen Debatten verbunden. Dabei sollen Interessierte, unter ihnen Befürworter*innen und Kritiker*innen des Wiederaufbauprojekts, miteinander in einen offenen Dialog treten. Die Veranstaltungen zur politischen Bildung sollen einen Beitrag zur Versachlichung der Debatten und zur Aufweichung der Fronten in der Potsdamer Gesellschaft und darüber hinaus leisten. Nach den Veranstaltungen bietet sich bei einem Abendimbiss die Gelegenheit, begonnene Gespräche in kleineren Gruppen und lockerer Atmosphäre weiterzuführen.

 

 


5.10.2020, Adam und Eva in Potsdam? Ein Stadtspaziergang mit dem Kunsthistoriker Dirk Schermer M.A. und der Geschäftsführerin des Wissenschaftlichen Beirates der Stiftung Garnisonkirche Potsdam Dr. Anke Silomon. Start: 16.30 Uhr, Zeppelinstraße (Hausgiebel) Ecke auf dem Kiewitt, bis 18 Uhr; Vertiefung und Abendimbiss bis 21 Uhr in der Nagelkreuzkapelle; 5 Teilnehmer*innen

Bei dem Stadtspaziergang wurden das Industriemosaik „Adam und Eva“ von Peter Rohn (1981) und das Glasmosaik „Der Mensch bezwingt den Kosmos“ von Fritz Eisel (1972) gegenübergestellt. Betrachtet wurden die Inhalte, Hintergründe, Raumwirkung und Symbiose von Kunst und Architektur, die Grundvoraussetzungen zur Umsetzung von Kunstwerken im öffentlichen Raum in der DDR sowie deren Vorbilder (Christliche Ikonografie, russische Avantgarde, Sozialistischer Realismus). Es wurde diskutiert, wie Albert Einsteins Relativitätstheorie und Karl Marx‘ Ökonomie der Zeit mit Adam und Eva, dem Ursprung des Lebens, in Einklang oder in einen Gegensatz zu bringen sind, welche Rolle die Deutungshoheit der Parteiführung und welche Rolle Kunst als Kommunikationsmittel gesellschaftlicher/religiöser Ideen zur Mobilisierung der Massen spielte. Nach dem Spaziergang ging es um die Frage des Umgangs mit dem kunsthistorischen Erbe in der heutigen Zeit: Haben die Wandbilder mit dem Systemwechsel an Relevanz verloren? Sollte man sie erhalten, einlagern oder neu installieren und durch Informationsstelen aufklären und kontextualisieren?


28.9.2020, Eine Frage des Gewissens? Zum Widerstand im Nationalsozialismus. Ein Podiumsgespräch mit dem Militärhistoriker Prof. Dr. Winfried Heinemann und dem Theologen Prof. Dr. Christoph Strohm, moderiert von der Journalistin Dr. Ursula Weidenfeld; Potsdam Museum, 18.00-21.00 Uhr; etwa 25 Teilnehmer*innen.

Dass es immer eine Frage des Gewissens ist, Widerstand zu leisten, stand bei der Veranstaltung des Wissenschaftlichen Beirates der Stiftung Garnisonkirche Potsdam außer Frage! Aber worauf sich die Gewissheit des einzelnen Menschen gründet, zu entscheiden, was richtig oder falsch, was gut oder böse ist, wurde lebhaft debattiert. Das für die Gründung der Bundesrepublik Deutschland so wichtige Narrativ „20. Juli 1944“ hebt sich deshalb von anderen Formen des Widerstands ab, weil es sich gleichermaßen um einen Attentats- und wie um einen Umsturzversuch handelte. Die daran Beteiligten hatten unterschiedliche Motive: Ethische, moralische, religiöse, militärische... Letztlich hatten sie aber alle dasselbe Ziel. Sie wollten monströse Gewaltverbrechen, Verstöße gegen das Recht und einen aberwitzigen Krieg beenden. Dass es notwendig ist, sich in die so unterschiedlichen Prägungen und Motivlagen einzufühlen, um das Handeln oder auch Schweigen von Menschen unter den Bedingungen des Nationalsozialismus zu verstehen und zu bewerten, war kein überraschender Befund. 

Aber es kam die schwierige Frage auf, ob ein christlich geprägter Mensch die militärische Logik eines Wehrmachtsangehörigen mitvollziehen kann, ein aus dem Arbeitermilieu Stammender die moralischen Motive eines preußischen Adligen oder ein heute Jugendlicher die Gefühlslage seines in Kriegszeiten aufgewachsenen Opas.

Auch wenn es dazu keine eindeutigen Antworten gab und gibt, bleibt als wichtiger Befund festzuhalten: Sich mit Geschichte auseinanderzusetzen heißt, zu kontextualisieren. Kein Schwarz, kein Weiß, Mut zu den Graustufen!


12.3.2020, Stirbt die Wahrheit? Umkämpfte Deutungen in der Erinnerungspolitik. Ein Podiumsgespräch mit dem Politikwissenschaftler Dr. Michael Kohlstruck und dem Geschichtsdidaktiker Prof. Dr. Martin Lücke, moderiert von Prof. Dr. Christine Gundermann (Public History); Potsdam Museum, 18.00-20.30 Uhr; etwa 15 Teilnehmer*innen.

Diese Veranstaltung war die letzte in Potsdam, bevor am Folgetag verschärfte Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus verhängt wurden. Debattiert wurde über die Entstehung unseres von Politik und Gesellschaft, von Wissenschaft und Medien geprägtes Geschichtsbild. Anhand verschiedener Beispiele, wie etwa dem Hambacher Fest, der Hohenzollernentscheidung und der AfD, wurde der Entstehungsprozess von „Wahrheiten“ offengelegt, die instrumentalisiert werden können, um in erinnerungspolitischen Diskursen Deutungshoheit zu erlangen. Die Teilnehmer*innen diskutierten auch die Frage, ob die „Meistererzählung Demokratieentwicklung“ sich als Identifikationsobjekt einer Nation eigne. Nach der Öffnung des Podiums rückte im Zuge einer sachlich geführten Debatte der Wiederaufbau der Garnisonkirche in den Fokus.

20.11.2019, Dreißig Jahre Friedliche Revolution: Lebensentwürfe im Übergang. Ein Gespräch mit Marianne Birthler und Ulrike Poppe, moderiert von Prof. Dr. Paul Nolte; Potsdam, Nagelkreuzkapelle, 19.30-21.30 Uhr; ca. 40-50 Teilnehmer*innen.

Bei dieser Veranstaltung anlässlich des 30. Jahrestages der Friedlichen Revolution wurde am Beispiel der Lebenswege dieser beiden unterschiedlichen Frauen, die auch Berührungspunkte aufweisen, über die Vielfalt von Möglichkeiten nachgedacht, sich in verschiedenen Gesellschaftssystemen zu bewegen. Der Austausch konkurrierender Argumente und Sichtweisen nach der Öffnung des Podiums und beim Abendimbiss war sehr persönlich und respektvoll. Marianne Birthler und Ulrike Poppe nahmen sich viel Zeit für Einzelgespräche mit Teilnehmer*innen.

 

4.11.2019, Warum Rekonstruktion? Architektur im Spannungsfeld von Ästhetik, Nostalgie und kritischer Erinnerung. Ein Streitgespräch mit Thomas Albrecht und Prof. Dr. Michael Mönninger, moderiert von Prof. Dr. Paul Nolte (Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates); Potsdam, Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, 18-20.30 Uhr; etwa 40-50 Teilnehmer*innen.

Ausgehend von der Frage, ob es sich bei der Rekonstruktion von Gebäuden um ein typisch deutsches Phänomen handele, ausgelöst durch die massiven Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg, diskutierten die Podiumsteilnehmer, welche Schwerpunkte dabei gesetzt wurden und wie diese sich im Laufe der Jahre bis heute verändert haben, welche Rolle die Frage der Ästhetik spielt, welche Ziele mit Rekonstruktionen verfolgt werden und welche Kriterien bei Rekonstruktionen eingehalten werden sollten. Sie dachten darüber nach, ob Rekonstruktionen nur mit Brechungen durchführbar sei, ob Gebäude existierten, die zum Wallfahrtsort würden, und was dazu beiträgt, dass ein Gebäude „geliebt“ wird. Der Öffnung des Podiums folgte eine lebhafte Debatte, in deren Verlauf der Wiederaufbau der Garnisonkirche thematisiert wurde, und Befürworter*innen und Gegner*innen Argumente austauschten und in einen sachlichen Dialog miteinander eintraten.






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