Deutsche Geschichte wie unter einem Brennglas

In der Hof- und Garnisonkirche Potsdam bildet sich deutsche Geschichte wie unter einem Brennglas verdichtet ab: Zar Alexander I. und Napoleon besuchten den Sarg Friedrichs II., die ersten frei gewählten Stadtverordneten Potsdams tagten hier, Lutheraner und Reformierte bildeten hier ihre Union, die Nationalsozialisten missbrauchten die Kirche am sogenannten Tag von Potsdam und viele Mitglieder des 20. Juli gehörten zu dieser Gemeinde.

Ausgehend von der Auseinandersetzung mit dieser geschichtlichen Basis, gilt es eine Brücke zu schlagen von unseren geschichtlichen Erkenntnissen zu den Erfordernissen der Moderne. Welcher Ort würde sich hierzu besser eignen als die Garnisonkirche mit ihrem Symbolcharakter, einem Ort, an dem der ‚genius loci’ das Bindeglied zwischen Geschichte, Gegenwart und Zukunft ist.


18. Jahrhundert

  • 1730 - 1735

    Bau der Hof- und Garnisonkirche

    Hans Klohß: Lustgarten des Potsdamer Stadtschlosses, Blick in die Breite Straße mit Garnisonkirche Bildquelle: Potsdam Museum

    Friedrich Wilhelm I. beauftragte den Architekten Philipp Gerlach mit dem Bau der Hof- und Garnisonkirche. In der relativ kurzen Bauzeit wurden insgesamt 2,5 Millionen Ziegelsteine verbaut. Die Kirche wurde als Simultankirche für eine vorwiegend lutherische Militär- und eine reformierte Hof- und Zivilgemeinde errichtet und genutzt.

  • 22.07.1740

    Beisetzung von Friedrich Wilhelm I. in der Gruft der Garnisonkirche

    Blick auf die Garnisonkirche, Bildquelle: Potsdam Museum

    In Abkehr von der Familientradition ließ sich Friedrich Wilhelm I. nicht in der Berliner Domkirche, sondern in der 1737 errichteten Gruft der Garnisonkirche beisetzen.

     

  • 08.05.1747

    Johann Sebastian Bach spielt auf der Wagner-Orgel in der Garnisonkirche

    Orgel der Garnisonkirche Potsdam, Bildquelle: Archiv der FWG

    Johann Sebastian Bach besuchte Potsdam und spielte in Anwesenheit von Friedrich II. auf der Orgel der Garnisonkirche, wobei er das Instrument als „ein gar prächtig Werk“ lobte. Ein Ergebnis der Bach’schen Potsdamreise ist das berühmte „Musikalische Opfer“.

  • 18.08.1786

    Beisetzung Friedrichs des Großen in der Garnisonkirche

    Gruft der Garnisonkirche Potsdam, Bildquelle: Archiv der FWG

    Friedrich der Große wollte nicht neben seinem Vater, sondern auf der Terrasse des Schlosses Sanssouci seine letzte Ruhe finden. Gegen seinen Willen wurde er doch in der Gruft der Garnisonkirche beigesetzt.

19. Jahrhundert

  • 05.11.1805

    Treffen von Friedrich Wilhelm III. und Luises mit Zar Alexander I.

    Friedrich Wilhelm Meyer nach F.L. Catel: Zar Alexander I., König Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise am Grabe Friedrich II., Bildquelle: Potsdam Museum

    Am Grab von Friedrich II. verbrüdern sich Friedrich Wilhelm III. und Luise mit Zar Alexander I. gegen Napoleon.

  • 25.10.1806

    Napoleon besucht den Sarg Friedrichs des Großen

    Napoleon mit seinen Generälen in der Gruft der Garnisonkirche, Bildquelle: Potsdam Museum

    Angeblich hat Napoleon beim Besuch des Grabes von Friedrich dem Großen den berühmten Satz ausgesprochen: „Wenn dieser noch lebte, stünde ich nicht hier!“

  • 03.08.1809

    Amtseinführung des ersten freigewählten Magistrats in der Garnisonkirche

  • 31.10.1817

    Erster gemeinsamer Gottesdienst von Reformierten und Lutheranern in der Garnisonkirche

    Kanzel der Garnisonkirche Potsdam, Bildquelle: Archiv der FWG

    Die Union von Reformierten und Lutheranern wurde mit einem gemeinsamen Abendmahl der königlichen Familie, des Hofes und der Militär- und Zivilgemeinde in der Garnisonkirche vollzogen. Mit der preußischen Union sollte kein Glaubensbekenntnis in das andere übergehen, sondern beide Kirchen waren zur Versöhnung aufgerufen, um im Geiste Christi eine neu belebte evangelische Kirche zu bilden.

20. Jahrhundert

  • 31.05.1910

    Berufung Prof. Otto Beckers an die Garnisonkirche

    Otto Becker am Spieltisch der Garnisonkirche Potsdam, Bildquelle: Familienarchiv Spielhagen, Berlin (privat)

    Vor allem Professor Otto Becker trug dazu bei, dass ab 1910 die Garnisonkirche zu einem wichtigen Ort der Kirchenmusik wurde. Während seiner Zeit als Organist der Garnisonkirche erklangen über 2000 Glockenkonzerte, dazu fanden Orgelkonzerte, geistliche Konzerte sowie Kammermusiken statt. Otto Becker spielte auch die Orgel der Potsdamer Synagoge.

  • 24.11.1919

    Weimarer Republik

    Aufmarsch der bündischen und nationalistischen Jugendverbände vor der Garnisonkirche ca. 1930, Quelle: Bundesarchiv

    Aufmarsch der bündischen und nationalistischen Jugendverbände vor der Garnisonkirche ca. 1930, Quelle: Bundesarchiv

    In der Phase der Weimarer Republik lässt sich in der ehemaligen Residenzstadt Potsdam besonders stark wahrnehmen, wie groß die Skepsis und Ablehnung der Deutschen gegenüber der Demokratie war. Der Phantomschmerz im Blick auf das verlorene Kaiserreich erscheint übermächtig. Zahlreiche Veranstaltungen in und vor der Garnisonkirche belegen einen mit erschreckenden Ressentiments aufgeladenen Nationalismus. Hierfür ein Beispiel: 24. November 1919. Die Deutsch-Nationale Volkspartei lud zu einer Totenfeier zu Ehren der Gefallenen des Ersten Weltkriegs in die Garnisonkirche ein. Im Rahmen der Veranstaltung hielt Erich Ludendorff eine agitatorische Rede gegen die Weimarer Republik. Als er endete, sprang unter den Zuhörern ein „Feldgrauer“ auf und rief: "Wenn die Stunde kommt, dann folgen wir Ihnen wieder, General Ludendorff.“ Daraufhin habe sich die versammelte Gemeinde erhoben und „Deutschland, Deutschland, über alles“ gesungen. (Quelle: Anke Silomon, Pflugscharen zu Schwertern Schwerter zu Pflugscharen. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, Berlin 2014, S. 38f.)

  • 21.03.1933

    Eröffnungsfeier des Reichstages in der Garnisonkirche

    Der Tag von Potsdam, Bildquelle: Archiv der FWG

    Am 21. März 1933 fand in der Garnisonkirche der Staatsakt zur konstituierenden Sitzung des Reichstages statt. Bei der Verabschiedung kam es zum Handschlag Adolf Hitlers mit Reichspräsident Paul von Hindenburg. Das Foto dieser Verabschiedungsszene erfuhr eine starke Verbreitung und wurde als Symbol und Beleg für die Verbindung des national-konservativen, evangelischen Preußen mit der Partei der neuen nationalsozialistischen Regierung interpretiert.

  • 20.07.1944

    Attentat auf Hitler durch Angehörige des IR9

    Die Garnisonkirche war das Gotteshaus des in der Nachbarschaft stationierten Infanterieregimentes 9. Einige Offiziere dieses Regimentes beteiligten sich unter Einsatz ihres Lebens an dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944.

  • 14.04.1945

    Brand der Garnisonkirche nach Luftangriff auf Potsdam

    Ruine der Garnisonkirche Potsdam, Bildquelle: Archiv der FWG

    Beim Luftangriff auf Potsdam, der „Nacht von Potsdam“ am 14. April 1945, brannte das Innere des Kirchenschiffs aus, der Turm mit dem Glockenspiel stürzte teilweise in sich zusammen.

  • 25.07.1949

    Umbenennung in „Heilig-Kreuz-Kirche“

    Heilig-Kreuz-Kirche, Bildquelle: Archiv der FWG

    Auf Beschluss des Gemeindekirchenrates nannte sich die ehemalige Zivilgemeinde der Garnisonkirche ab dem 25.07.1949 „Heilig-Kreuz-Gemeinde“.  Die zerstörte Garnisonkirche erhielt den Namen „Heilig-Kreuz-Kirche“.

  • 18.06.1950

    Einweihung der Heilig-Kreuz-Kapelle

    Kapelle der Heilig-Kreuz-Gemeinde, Bildquelle: Archiv der FWG

    Mit der Einweihung der Heilig-Kreuz-Kapelle im Turm war die Ruine der ehemaligen Garnisonkirche wieder Gotteshaus der Gemeinde.

  • 23.06.1968

    Endgültige Sprengung des Turms

    Sprengung des Turmes, Bildquelle: Lutz Hannemann

    Nach einem misslungen Sprengversuch wurde der Turm an einem Sonntag zur Gottesdienstzeit auf Geheiß von Walter Ulbricht gesprengt. Zuvor hatten Stadt und Kirche ein Konzept zur Sicherung der Kirche vorgelegt, was keine Berücksichtigung fand. Wie viele andere kriegsbeschädigte, aber intakte Sakralbauten Ostdeutschlands fiel die Ruine der Garnisonkirche dem ideologisch motivierten „sozialistischen Städtebau“ zum Opfer.

  • 14.04.1991

    Übergabe des Glockenspiels an die Stadt Potsdam

    Die 1984 in Iserlohn gegründete Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel e.V. (TPG) ließ bereits 1987 das Geläut des Glockenspiels wiederherstellen und übergab es am 14. April 1991 der Stadt Potsdam. Es steht heute auf der Plantage hinter dem Standort der Garnisonkirche.

21. Jahrhundert

  • 15.01.2004

    „Ruf aus Potsdam“

    Ruf aus Potsdam, Bildquelle: Archiv der FWG

    Mehr als 100 Persönlichkeiten aus Berlin und Brandenburg unterzeichneten den „Ruf aus Potsdam“, der zum vollständigen Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam aufruft. Schirmherren der Wiederaufbauinitiative sind  Bischof Prof. Wolfgang Huber, Ministerpräsident Matthias Platzeck und Innenminister Jörg Schönbohm.

  • 28.01.2004

    Gründung der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche e.V.

    Potsdamer und Berliner Bürger gründeten auf Initiative des Industrieclubs Potsdam e.V. mit Unterstützung der evangelischen Landeskirche und der Landeshauptstadt Potsdam die Fördergesellschaft. Die FWG ist ein Zusammenschluss von Personen, die den Wiederaufbau der Garnisonkirche und die spätere inhaltliche Arbeit in ihr befürworten und unterstützen.

  • 14.04.2005

    Grundsteinlegung für den Wiederaufbau

    Grundsteinlegung, Bildquelle: Archiv der FWG

    Aus Anlass des 60. Gedenktages des Bombenangriffs auf Potsdam fand unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit am Standort der Garnisonkirche ein liturgisch gestalteter Festakt mit der Grundsteinlegung statt.

  • 23.06.2008

    Unterzeichnung der Gründungsurkunde der Stiftung Garnisonkirche Potsdam

    Gottesdienst anlässlich der Gründung der Stiftung Garnisonkirche Potsdam, Bildquelle: Archiv der FWG

    Die Gründung der Stiftung Garnisonkirche Potsdam wurde im Anschluss an einen Gottesdienst mit Bischof Prof. Wolfgang Huber vollzogen. Zweck und Ziel der Stiftung ist der Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam als Citykirche, Lernort des Gewissens und Friedenskunstschule.

  • 25.06.2011

    Einweihung der temporären Kapelle an der Garnisonkirche

    Einweihung der Kapelle an der Garnisonkirche, Bildquelle: Archiv der FWG

    Mit einem feierlichen Gottesdienst hat die temporäre Kapelle an der Garnisonkirche, die auch eine Ausstellung zur Geschichte und Zukunft der Garnisonkirche beherbergt, ihren Dienst aufgenommen. Seit März 2011 gibt es eine Pfarrstelle am Ort, so dass wöchentlich Gottesdienste in ihr gefeiert werden. Daneben gibt es auch zahlreiche andere Veranstaltungen.

  • 31.07.2013

    Erteilung der Baugenehmigung

    Pressekonferenz nach Erteilung der Baugenehmigung, Bildquelle: Stiftung Garnisonkirche Potsdam

    Die Stadt Potsdam hat der Stiftung Garnisonkirche die Baugenehmigung für den ersten Bauabschnitt, den Turm der Garnisonkirche, erteilt.

  • 10.05.2014

    Einweihung der Wetterfahne

    Einweihung der Wetterfahne, Bildquelle: Charlotte 25, Potsdam

    Als eines der größten Einzelbauteile wurde die originalrekonstruierte Wetterfahne im Beisein des Ehrenkurators der Stiftung, Bundespräsident a. D. Dr. Richard von Weizsäcker, am Baufeld aufgestellt. Dort wird sie stehen bis der Turm fertig ist und dann auf den rund 90 Meter hohen Turm gehoben werden. An ihrem jetzigen Standort wird dann das Nagelkreuz auf die Verbindung der Garnisonkirche mit der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft hinweisen.

  • 20.07.2014

    Namensgebung der Kapelle

    Benennung der Nagelkreuzkapelle in Potsdam am 20. Juli 2014, Foto: FWG

    Benennung der Nagelkreuzkapelle in Potsdam am 20. Juli 2014, Foto: FWG

    Der Ratsvorsitzende der EKD, Dr. Nikolaus Schneider, gibt der temporären Kapelle an der Garnisonkirche am 20. Juli 2014, dem 70. Jahrestages des Widerstands und dem zehnten Jahrestag der Verleihung des Nagelkreuzes, den Namen „Nagelkreuzkapelle“.
    In der Nagelkreuzkapelle ist eine Profilgemeinde zu Hause, die vom Dreiklang „Geschichte erinnern, Verantwortung lernen, Versöhnung leben“ geleitet ist. Samstags und an kirchlichen Festtagen finden um 18 Uhr Gottesdienste in unterschiedlicher Form in der Nagelkreuzkapelle statt. Mittwochs um 18 Uhr gibt es ein Friedensgebet.

     

     

  • 29.10.2017

    Gottesdienst zum Baustart: "Eine Kultur des Friedens bauen"

    Baustart-Gottesdienst 29.10.2017, Foto Monika Schulz-Fieguth

    Baustart-Gottesdienst 29.10.2017, Foto Monika Schulz-Fieguth

    Am 29. Oktober 2017 gab es einen großen Gottesdienst zum Baustart. Rund 700 Unterstützerinnen und Unterstützer, Sponsorinnen und Sponsoren, Ehrenamtliche, Mitarbeitende und weitere Gäste feierten mit.  Während des Gottesdienstes haben Kritikerinnen und Kritiker Plakate hochgehalten. Einiger verhielten sich nicht rechtskonform, so dass der gesamte Gottesdienst sich unter Polizeipräsenz und lauten Störungen ereignete. Die Predigt hielt der Kuratoriumsvorsitzende Prof. Dr. Wolfgang Huber. "Der Turm soll wieder werden, was er für Jahrhunderte war: ein architektonisches Zeichen in der Stadtlandschaft", sagte der langjährige Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. "Und er soll werden, was er noch nie war: ein Zentrum für Frieden und Versöhnung." Danach war bei einem kleinen Straßenfest die Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen.



Weiterführende Informationen

Rede Henning von Tresckow anlässlich der Konfirmation seiner beiden Söhne in der Garnisonkirche am 11. April 1943

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Martin Sabrow: Der „Tag von Potsdam“ – Zur Geschichte einer fortwährenden Mythenbildung

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Garnisonkirche (Potsdam) auf Wikipedia

wikipedia.org/wiki/Garnisonkirche_Potsdam



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