19.04.2011 | Zweite Chance für Potsdams Garnisonkirche – Ein Wiederaufbau des preussischen Gotteshauses wird nach einem Abriss im Stadtzentrum wahrscheinlicher

Nach langem Zwist sieht es nun so aus, als könnte der Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche in naher Zukunft beginnen. Damit würde ein weiteres von der DDR zerstörtes Gotteshaus wieder einer neuen Bestimmung übergeben werden. Axel Vogel Der Abrissbagger in der Potsdamer Innenstadt wirkt wie eine späte Revanche am untergegangenen DDR-Regime. Wenn an der Breiten Strasse

Nach langem Zwist sieht es nun so aus, als könnte der Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche in naher Zukunft beginnen. Damit würde ein weiteres von der DDR zerstörtes Gotteshaus wieder einer neuen Bestimmung übergeben werden.

Axel Vogel

Der Abrissbagger in der Potsdamer Innenstadt wirkt wie eine späte Revanche am untergegangenen DDR-Regime. Wenn an der Breiten Strasse die Mauern des ehemaligen Rechenzentrums Stein für Stein abgetragen werden, entsteht Platz für den Wiederaufbau eines geschichtsträchtigen Bauwerks. Nachdem die Ruinen der Potsdamer Garnisonkirche das Missfallen des damaligen SED-Chefs Walter Ulbricht erregt hatten, machten 1968 zwei Sprengungen die Reste der 1735 vollendeten «Hof- und Garnisonkirche» dem Erdboden gleich, eines Bauwerks, das für Preussens Glanz und Gloria ebenso gestanden hatte wie für dessen dunkelste Stunden.

Aufbruchstimmung

Damit teilte die geschichtsträchtige Ruine des barocken Gotteshauses mit seinem über 80 Meter hohen Glockenturm das Schicksal der ebenfalls 1968 gesprengten Paulinerkirche in Leipzig. So als wolle man den Genossen den Kulturfrevel von einst heimzahlen, herrscht bei der Fördergesellschaft zum Wiederaufbau der Garnisonkirche (FWG) Aufbruchsstimmung. Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass zur Jahreswende die Bagger ans Rechenzentrum rollten. Damit scheint nun Bewegung in ein Projekt zu kommen, das bereits lange vor der Wende geboren war, doch wegen lähmender Querelen über den Umgang mit schwieriger Geschichte, Nutzungskonzepten und Spendengeldern nach dem Mauerfall zu scheitern drohte. Der symbolträchtige Akt Ende vergangenen Jahres bereitete Johann-Peter Bauer sichtlich Freude. Unter dem Jubel zahlreicher Schaulustiger war der 71-jährige FWG-Vorsitzende auf den Fahrersitz des Baggers geklettert. Bauers Weg bis zur «fröhlichen Abrissfeier» war weit gewesen, hatte ihm viel Geduld und diplomatisches Geschick abverlangt. Als der ehemalige Offizier und Ministerialdirigent ausser Dienst vor fünf Jahren den Vorsitz übernommen hatte, befand sich das Wiederaufbauprojekt in einer Sackgasse. Dies hatte viel mit dem Wirken jenes Max Klaar zu tun, dem es gelungen war, westdeutsche Spender überhaupt für das Schicksal des von alliierten Bomben zerstörten und von den SED-Machthabern gesprengten Gotteshauses zu sensibilisieren. 1984, fünf Jahre vor der Wende, hatte der ehemalige Bundeswehroffizier in Iserlohn die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel (TPG) gegründet. Klaar sammelte für die Rekonstruktion eines Miniaturmodells jener 40 Glocken, die einst im Turm der Garnisonkirche gespielt hatten. Für den christlich-wertkonservativen Sohn einer Berliner Soldatenfamilie war die Kirche, in der er selbst noch gesessen hatte, Sinnbild eines alle Bürger umsorgenden preussischen Staatsverständnisses, getreu der Maxime König Friedrich-Wilhelms I. Der Erbauer der Garnisonkirche hatte sich als «Amtmann Gottes auf Erden» gefühlt.

Probleme mit der Kirche

Klaars Mission gewann durch Spenden in Millionenhöhe und die plötzliche deutsche Einheit so viel Dynamik, dass bald nicht mehr nur von einem Glockenspiel, sondern von einem Wiederaufbau der Kirche die Rede war. Allerdings geriet der ehemalige Soldat, der in Bonn lebt, in schier unauflösliche Gegensätze mit der Evangelischen Kirche Potsdam. Diese fürchtete mit Blick auf die unheilvolle Rolle, welche die Garnisonkirche während des Dritten Reiches gespielt hatte, «alte Geister zu wecken». Gemeint war der «Tag von Potsdam», an dem sich die preussische Staatsmacht mit Hitler arrangiert hatte. Die Kirchenoberen bauten Gegenpositionen auf, etwa indem ein Nutzungskonzept die Einrichtung eines Internationalen Versöhnungszentrums (IVZ) vorsah. Dies war unvereinbar mit den traditionsorientierten Vorstellungen der TPG, die eine Zweckentfremdung des Baus witterte. Nach vielen Diskussionen zog sich die TPG 2005 zurück – und überführte die Spenden in die neue Stiftung Preussisches Kulturerbe mit Sitz in Bonn. Die Stiftung besitzt laut ihrem Rundbrief vom November 2010 rund 6,3 Millionen Euro. Zweck der Stiftung ist die Förderung kirchlicher Zwecke und der religiösen Anschauung im Sinne der christlichen Ökumene. Nun fehlen Mittel für die Garnisonkirche, deren Wiederaufbau ohnehin immense Kosten verursachen dürfte. Schätzungen gehen von 80 Millionen Euro aus. In einer vergifteten Atmosphäre um die ambivalente  preussische Geschichte und Spendenmillionen versuchte Bauer 2006 als Vorsitzender der FWG, die sich ein Jahr zuvor als eine Art Potsdamer Gegenbewegung zu Klaars TPG gegründet hatte, die Scherben zusammenzukehren. Über symbolische Akte war das Wiederaufbauprojekt zu dem Zeitpunkt nicht hinausgekommen. Wie Klaar entstammt auch Johann-Peter Bauer einer Soldatenfamilie mit einem zutiefst christlich-religiös verankerten Weltbild. Doch anders als der forsche ehemalige Fallschirmjäger-Offizier setzte der besonnene Marinekapitän, der sich in seiner Laufbahn auch als Ministerialbeamter in der Regierung Stolpe Meriten verdient hatte, mehr auf eine identitätsstiftende Zusammenarbeit.

Janusköpfige Geschichte

Aber auch für Bauer ist der Wiederaufbau der Garnisonkirche eine Herzensangelegenheit. Sie bleibt für ihn markantes Synonym für Preussens janusköpfige Geschichte. Im Laufe der rund 200-jährigen Geschichte der Kirche haben  plichterfüllte Soldaten und obrigkeitstreue Beamte hier ebenso Gottesdienste gefeiert wie aus Frankreich vertriebene Hugenotten. Unleugbar bildete die Kirche die Kulisse für jenen symbolträchtigen Handschlag zwischen Hindenburg und Hitler, so wie in der Kirche aber auch führende Widerstandskämpfer wie Henning von Tresckow Andacht hielten. Gegenwart und Zukunft Was kaum möglich schien: Bauer stellte die Initiative für den Wiederaufbau schrittweise auf neue Fundamente. Im Mai 2008 beschloss der Potsdamer Stadtrat, der zu gründenden Stiftung Garnisonkirche Potsdam (SGP) beizutreten, die als Bauherrin, Nutzerin und Eigentümerin auftreten soll. Der Clou an der Sache war, dass die Stadt das Grundstück mit in die Stiftung einbrachte, auf dem die Garnisonkirche wiedererstehen soll. Weitere Durchschlagskraft verlieh dem Projekt, dass Bauer im Juni 2009 renommierte Namen für die Besetzung des   Stiftungskuratoriums gewann. So übernahm der ehemalige Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland Wolfgang Huber den Vorsitz. Huber dürfte vor allem die evangelische Kirchengemeinde gewogen gestimmt haben. Mit Brandenburgs ehemaligem Ministerpräsidenten Manfred Stolpe und dessen Nachfolger Matthias Platzeck engagieren sich weitere Persönlichkeiten von Rang im Vorstand. Bauer legt Wert darauf, dass das umstrittene  Versöhnungszentrum nicht mehr Bestandteil der Stiftungssatzung ist. Aber er betont auch in Richtung von Max Klaar: «Wenn es nicht eine Vision mit einem Zukunftsbezug für die Kirche gibt, ergibt ein Wiederaufbau keinen Sinn.» Daher schwebt den Stiftungsverantwortlichen eine Nutzung der Garnisonkirche vor, die einerseits ihrer in der Vergangenheit begründeten Symbolbedeutung gerecht werden soll, anderseits aber auch den sich daraus ergebenden Verpflichtungen für Gegenwart und Zukunft. An Nutzungsinhalte, die eine «bewusste Verfremdung oder Umkehrung der  Symbolbedeutung der Garnisonkirche» bedeuten würden, ist ausdrücklich nicht gedacht, wohl aber an Gottesdienste und symbolische Themen wie öffentliches Handeln aus christlicher Verantwortung oder den Tag von Potsdam und den Widerstand gegen das Hitler-Regime. Auch um die Investitionsplanungen nicht mit schier unerreichbaren Summen zu überfrachten, teilt man das Projekt in zwei Bauabschnitte: Zunächst soll der Turm entstehen, dessen Kosten die FWG auf rund 37 Millionen Euro schätzt. In einem zweiten Schritt will man das Kirchenschiff angehen. Der Zeitplan klingt ambitioniert. 2017 soll der Turm stehen. Das Datum hängt wieder mit einem Stück preussischer Geschichte zusammen. Es jährt sich dann zum 200. Mal der Zusammenschluss der reformiert-calvinistischen und der  lutherischen Christen zur Kirche der Preussischen Union, der in der Garnisonkirche vollzogen wurde.

Tiefe Differenzen

2017 – Zweckoptimismus oder ein realistisches Ziel? Bauer ist vorsichtig optimistisch. Schliesslich zeigten zahlreiche   Spendenaktivitäten erste Erfolge. Rund 3 Millionen Euro liegen auf dem Konto der FWG. Bauer hofft noch, Max Klaar und dessen Stiftung mit ins Boot zu holen. Doch die Kontaktaufnahme «von Soldat zu Soldat» gestalte sich schwierig, gesteht er. Klaar sagte, dass seine Meinung gegenüber dem Wiederaufbauprojekt seit 27 Jahren unverändert sei. Er verweist auf den bereits erwähnten Rundbrief seiner Stiftung. Das Misstrauen bleibt gross, dass aus dem Wiederaufbauprojekt eine «christlich verkleidete polithistorische Propagandaund Bussstätte der ach so grauslichen, auf zwölf Jahre verkürzten 1000-jährigen deutschen Geschichte» werden könnte, wie es in dem Brief heisst. «Spenden kommen nur von den ‹Liebhabern› Preussens, nicht von solchen, die es ‹neu interpretieren› wollen», so lässt sich ein Mitstreiter der Stiftung auf der Homepage zitieren. Bauer setzt darauf, dass an der Breiten Strasse bald die Originalfundamente der Garnisonkirche freigelegt sein werden. Die dann wieder sichtbare Geschichte dürfte, so hofft man bei der FWG, die Spendenbereitschaft steigern. Auch theologisch ist dem Wiederaufbau der Weg bereitet; Mitte März nahm eine Pfarrerin ihr Amt als Predigerin an der Garnisonkirche auf. (Axel Vogel, NZZ vom 19.04.2011)

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