22.03.2013 | Zeitreise zum „Tag von Potsdam“ – 80. Jahrestag des 21. März 1933: Fundstücke aus Film-Archiven zeigen Euphorie – und Banalität des Bösen

POTSDAM – Du sollst dir ein Bild machen! Die gestrige Veranstaltung im Filmmuseum – exakt am 80. Jahrestag des Tags von Potsdam – zeigte, dass dieser Bibelspruch auch in besonderer

POTSDAM – Du sollst dir ein Bild machen! Die gestrige Veranstaltung im Filmmuseum – exakt am 80. Jahrestag des Tags von Potsdam – zeigte, dass dieser Bibelspruch auch in besonderer Weise auf das Geschichtsverständnis zutrifft.

Viel ist ja in den letzten Tagen über das unheilvolle Datum des 21. März 1933 gesprochen worden. Viel Erhellendes; viele auch kontroverse Ansichten. Gestern Abend im Filmmuseum an der Breiten Straße, als es um die Inszenierung des „Tages von Potsdam“ ging, wurde aus dem bislang Abstrakten aber plötzlich etwas Greifbares. Die Leinwand öffnete sich – und gab den Blick frei auf alte Filme, die am 21. März 1933 entstanden sind, und aus Archiv-Tiefen gehoben worden sind. Raritäten mit raren und beklemmenden Ansichten:

„Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn Ihr einig seid und treu.“ So weht ein Transparent über einer Potsdamer Straße. Die Kamera schwenkt über Barockhäuser; aus jedem Fenster hängt eine Hakenkreuzfahne. Aufschriften: „Wirtshaus zum Glockenspiel“. Dann der Lustgarten, das Stadtschloss, der massige Korpus der Garnisonkirche. Überall nur Menschen in der schicken Sonntagstracht. Lachende Gesichter. Aufregung. Das riesige Spalier an der Breiten Straße, die auf den alten Bildern nicht mehr wiederzuerkennen ist. Die ganze Stadt scheint nur aus defilierenden Uniformträgern zu bestehen. Es ist ein demonstratives Muskelspiel. Hitler lacht. Hindenburg, alt und wackelig, stützt sich auf einen Gehstock. Der Preußen-Kronprinz salutiert, nickt anerkennend.

Zwei der gezeigten Filme wurden von Privatleuten gedreht, erläuterte Martina Weyrauch, Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung, vor dem vollen Kinosaal.

Besonders berührte der letzte Film, eine Wochenschau vom März 1933, eingebettet in die anderen Ereignisse, die damals aktuell waren: Ein Fünfjähriger flitzt mit einem Mini-Auto durch eine Straße; eine Art Lügendetektor für Handschriften wird vorgestellt; eine Wildfütterung; die amerikanische Flotte vor Hawaii – und dann, bruch- und kommentarlos, die Ereignisse von Potsdam mit der Wucht der Marschierenden und den zahllosen Helmen. Die Banalität des Bösen, eingebettet im Alltag – eine betroffen machende Zeitreise, schon allein durch die Tatsache, dass sich der Jubelmarsch direkt vor dem heutigen Filmmuseum abspielte.

In seinem anschließenden Vortrag sprach Historiker Martin Sabrow vom Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) von der damals herrschenden „Messias-Sehnsucht der Deutschen“.

Wobei sich die Verehrung am „Tag von Potsdam“ eher auf Hindenburg als auf Hitler richtete. Hindenburg fuhr im umjubelten Autocorso bis zum Neuen Palais hinaus; ging in die Preußen-Gruft in der Garnisonkirche – Hitler blieb außen vor. Der neue Reichskanzler bezähmte sich, indem er in seiner Rede am 21. März 1933 weder antisemitische Züge zeigte noch über die Ziele der Nationalkonservativen hinaus ging, so Sabrow.

Fazit: Ein hochspannender Abend, der die trügerische Ruhe vor dem Nazi-Sturm nachfühlbar machte. (MAZ vom 22.03.2013, Von Ildiko Röd)

Empfanden Sie das Gedenken als angemessen?

Iris Abraham: Das Gedenken empfinde ich als angemessen. Erschreckend ist, dass es so etwas in Potsdam gab. Man hofft, dass es nie wieder so weit kommt. Deshalb ist es so wichtig, daran zu erinnern.

Ben Müller: Ich finde es nicht angemessen. Da wird so ein Kerzenlauf gemacht, damit es nie wieder passiert – das ist doch lächerlich. Man malt sich Demokratie auf die Laterne – bescheuert.

André Delock: Für mich ist das Jacke wie Hose. Dieses Gedenken ändert sowieso nichts mehr – das ist doch alles Geschichte. Ich finde, wir haben heutzutage genug eigene Probleme.

Christian Rüss: Ich kann nur die Veranstaltungen beurteilen, bei denen ich war. Der Gedenkspaziergang war sehr angemessen; die Aktion mit den als Nazis verkleideten Leuten extrem geschmacklos.

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