20.03.2013 | Zehntausende Schaulustige hofften auf eine bessere Zukunft – Tag von Potsdam: Fahnen knattern wie Gewehrfeuer

POTSDAM – Es ist ein kalter Frühlingsmorgen. Der Sturm fegt in der Nacht zum 21. März 1933 über die Innenstadt von Potsdam, immer wieder reißen die Wolken auf. Die Fahnen an der Kaiser-Wilhelm-Brücke

POTSDAM – Es ist ein kalter Frühlingsmorgen. Der Sturm fegt in der Nacht zum 21. März 1933 über die Innenstadt von Potsdam, immer wieder reißen die Wolken auf. Die Fahnen an der Kaiser-Wilhelm-Brücke (heute: Lange Brücke) über die Havel, so erinnert sich ein Augenzeuge, „knatterten wie Gewehrfeuer“. Wie Gewehrfeuer! Als ob er im Geräusch des Windes bereits den kommenden Weltkrieg gehört hätte.
Vorbereitungen
Schon Tage zuvor hat die Reichswehr Tribünen gebaut. Pflasterer sind vor der Garnisonkirche zugange, Sand wird gestreut. Überall winden sich geheimnisvolle Kabel für Feuerwehr, Polizei, Rundfunk, Film, Post und Beleuchtung. Der Postkartenverkäufer wird vertrieben und zieht seinen Karren anderswohin.
Agnes Schmitz war 14 Jahre alt und schlenderte mit ihren Brüdern an der Kirche vorbei. „Da öffnete sich die Tür und heraus trat ein Mann ohne jegliche Begleitung“, berichtet sie später. „Einer meiner Brüder rief: Mensch, das war doch Goebbels! Tatsächlich. Er drehte sich um, wir drehten uns um und wir sahen uns alle einen Augenblick wie gebannt an. Das war das einzige Mal, dass ich Goebbels leibhaftig vor mir sah.“
Das große Gedränge
Morgens um sechs Uhr sind die Straßenbahnen schon überfüllt. Im Lustgarten stecken die Musiker im frischen Wind ihre Hände unter die Achseln, um sie zu wärmen. Dann hebt der Obermusikmeister den Taktstock und das Platzkonzert beginnt.
Auch auf dem Alten Markt drängen sich Schaulustige, um gute Plätze zu sichern. Die Polizei bildet Absperrketten. Alle Potsdamer Schulen marschieren auf, Krieger- und Militärvereine, nationalsozialistische Organisationen wie SA, SS und Hitlerjugend, aber auch Pfadfinder und Altersheime. Dann verbirgt sich die Sonne und es beginnt zu schneien.
Agnes Schmitz: „An meiner Schule, der Charlottenschule, begann der Tag mit einer Feierstunde. Ich war auserwählt worden, ein Gedicht aufzusagen. Doch daraus wurde nichts. Die Begründung lautete wohl: Du bist ja nicht Mitglied des Bundes Deutscher Mädel! Danach zogen alle Schüler in die festlich geschmückte Breite Straße. Wie bildeten Spalier und warteten voller Spannung auf Hitler und auf Hindenburg.“
Um 10 Uhr läuten die Glocken von St. Nikolai. Autos fahren vor. „Dann fängt das große Rätselraten an, wer ist dies, wer ist das“, schreibt der Potsdamer Autor Hans Hupfold. „Viele Gesichter erkennt man nach den Abbildungen, bei unbekannten ist doch immer ein Eingeweihter, der sagen kann, wer es ist.“ Der Druck der Menge wächst. „Man müsste Schuhnummer 50 haben, um fest stehen zu können“, klagt ein Polizist.
Dann kommt das Auto von Reichspräsident Hindenburg. Die Jubelrufe nehmen kein Ende. Die Tochter von Pfarrer Friedrich Lahr überreicht einen Maiglöckchenstrauß.
Gottesdienst in St. Nikolai
In der Kirche St. Nikolai predigt der evangelische Generalsuperintendent Otto Dibelius. Damals hat die Verfolgung von Kommunisten und Sozialdemokraten bereits begonnen. Dibelius sagte: „Wenn es um Leben und um Sterben der Nation geht, dann muss die staatliche Macht kraftvoll und durchgreifend eingesetzt werden, es sei nach außen oder nach innen.“ Und weiter: „Wir wollen wieder Deutsche sein!“
Später schließt sich Dibelius der Bekennenden Kirche an. Nach dem Krieg ist er Mitverfasser des sogenannten Stuttgarter Schuldbekenntnisses: „Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Länder und Völker gebracht worden. Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“
Parallel zum Gottesdienst in St. Nikolai findet eine katholische Feier in der St. Peter und Pauls-Kirche statt.
Reichspräsident Hindenburg besichtigt Sanssouci
Zwischen den beiden Kirchen stehen die Menschen wie eine Mauer. Ältere Damen haben sich Klappstühle mitgebracht, andere klettern auf Bäume. Endlich bricht die Sonne durch. Hindenburg erscheint und besichtigt vom Auto aus Park Sanssouci. Voraus ein Motorradfahrer mit weißer Standarte, dahinter der Wagen des Polizeipräsidenten. Aber wann kommt der Reichskanzler? Agnes Schmitz: „Als sie endlich kamen, erkannte ich Hitler in seinem schwarzen Gehrock. Die Stimmung war überwältigend, schienen doch alle Potsdamer überzeugt, dass sich nun alles zum Besseren wenden würde.“ Wilhelm Stintzing war damals 19 Jahre alt und hatte am Tag zuvor seine Reifeprüfung abgelegt. Angesichts der drückend hohen Arbeitslosigkeit und des Parteiengezänks in der Weimarer Republik, sagt er heute, war es „für die meisten Potsdamer ein Tag der Freude“.
Festakt in der Garnisonkirche
Hindenburg hält in der Garnisonkirche eine klare, sachliche Rede. „Auf innen- und außenpolitischem Gebiete, in der eigenen Volkswirtschaft wie in der Welt sind schwere Fragen zu lösen und bedeutsame Entschließungen zu fassen“, sagt er.
Es folgt der neue Reichskanzler. Hitler lässt an diesem Tag seine aggressiven Tiraden aus „Mein Kampf“ zuhause und versucht, konsensfähig zu erscheinen. Er spricht viel, aber diffus von der „Nationalen Erhebung“, der „Vermählung von alter Größe und junger Kraft“, von „innerer Stärke“ und „Erneuerung“. Am Ende würdigt er Hindenburg: „In unserer Mitte befindet sich heute ein greises Haupt. Wir erheben uns vor Ihnen!“ Der alte Reichspräsident ist merklich gerührt und gibt Hitler die Hand. Danach legt er Kränze in der Gruft der preußischen Könige nieder.
Große Parade
An den Tribünen mit Reichsregierung, Mitgliedern des Diplomatischen Corps und des Reichstags marschieren Potsdamer Einheiten der Reichswehr vorbei. Es folgen Polizei, SA, der Wehrverband Stahlhelm, Kriegervereine.
Feuerwerk und Fackelzug
Am Abend kommen am Potsdamer Luftschiffhafen erneut 30 000 Menschen zusammen. Oberbürgermeister Arno Rauscher triumphiert: „Wir Potsdamer haben an der Wiege des neuen Deutschland Pate gestanden“ – ein Satz, der noch über Jahrzehnte wie eine schwere Last auf der Stadt liegen soll. Anschließend gibt es ein prächtiges Feuerwerk. 3000 Fackelträger marschieren über Zeppelin- und Brandenburger Straße zum Bassinplatz.
Dann ist der Tag von Potsdam vorbei. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. (Von Jens Längert und Klaus Stark
Mit Unterstützung von: Hans Hupfeld (Hrsg.): Reichstags-Eröffnungsfeier in Potsdam; Kurt Baller, Marlies Reinholz: Potsdam zwischen 1933 und 1939, Band 1 – 1933.
 
Stimmen zum Tag von Potsdam
Ministerpräsident Matthias Platzeck:
„Das Ganze war eine Farce, denn die kommunistischen Abgeordneten waren davongejagt oder schon eingesperrt, die Sozialdemokraten boykottierten das makabre Schauspiel. So wie wir in diesen Tagen – 80 Jahre später – mit diesem historischen Datum umgehen, zeigen wir: In unserer Landeshauptstadt steht heute eine wache Bürgergesellschaft für Toleranz und eine wehrhafte Demokratie.“
Markus Dröge, Landesbischof:
„Die Evangelische Kirche hat sich beim Tag von Potsdam zu sehr von der Nazipropaganda vereinnahmen lassen. Erst in der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 grenzte sich die Bekennende Kirche kritisch vom nationalsozialistischen Staat ab. Heute gehen von der temporären Kapelle an der Garnisonkirche starke Impulse für die Demokratie aus: So nimmt von dort ein Demokratiebus seine Fahrt durch die Stadt auf.“
Alexander Gauland, ehemaliger Verleger der MAZ:
„Alte Eliten, die sich mit dem Machtverlust nicht abfinden konnten, wollten damals mit Hilfe eines Verbrechers wieder an die Macht kommen. Das wurde bitterlich bestraft. Viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens haben damals sehr versagt. Aber Potsdam ist 1000 Jahre alt und hat eine große, preußische Tradition. Das ist nicht so leicht zu beschmutzen.“
 Lutz Boede, Geschäftsführer der Potsdamer Fraktion “Die Andere”:
„Die Garnisonkirche ist ein Symbol für die preußische Militärmonarchie. Ich bin gegen ihren Wiederaufbau. Es ist das falsche Symbol am falschen Platz. Wir haben in Potsdam heute weder eine Garnison noch ein Kaiserreich und die Kirchen sind leer. Noch heute übt die Garnisonkirche auf Soldatenverbände und Rechtsextreme große Faszination aus.“
Gedenken in Potsdam und Oranienburg
Mittwoch, 20. März: Stadthaus Potsdam, Vorstellung der Broschüre „Viele trauen sich nicht, die Dinge anzusprechen. Alltagsrassismus in Potsdam“.
19 Uhr: Demokratiespaziergang unter dem Motto: „Demokratie bewegt“; Treffpunkt Katholische Probsteikirche St. Peter und Paul, Am Bassinplatz; Ansprache von Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD).
Donnerstag, 21. März: 9 Uhr, 10 Uhr und 11 Uhr: Filmmuseum Potsdam: Lesung aus „Pünktchen und Anton“ von Erich Kästner.
16.45 Uhr: Filmmuseum Potsdam: Vorstellung des Buches „Der Tag von Potsdam“, herausgegeben von Christoph Kopke und Werner Tress.
18 Uhr:  Filmmuseum Potsdam: „Der Tag von Potsdam“ – eine Inszenierung und ihre Bedeutung; Landtagspräsident Gunter Fritsch und der Historiker Martin Sabrow diskutieren über den 21. März 1933 – mit historischem Filmmaterial.
20.30 Uhr: Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte: Rabbiner Prof. Walter Homolka und Historiker Thomas Wernicke sprechen über das Potsdamer Toleranzedikt und den Tag von Potsdam.
20.30 Uhr: Filmmuseum Potsdam: „Emil und die Detektive“.
In Oranienburg lädt das „Forum gegen Rassismus und rechte Gewalt“ morgen, am 21. März, 17 Uhr in der Berliner Straße 19/20 (zwischen Lidl-Markt und Polizei) zum Gedenken an die Inbetriebnahme des Konzentrationslagers ein.
18.30 Uhr Gedenkstätte Sachsenhausen: „1933 – früher Terror in Brandenburg. Oranienburg, das erste Konzentrationslager in Preußen“.

Zurück


zum Seitenanfang