12/13/2023 | Wieland Eschenburg: „Das Bewusstsein für die Freiheit wachhalten“

Zum Jahresende geht Wieland Eschenburg, Vorstand für Kommunikation und Programm bei der Stiftung Garnisonkirche Potsdam, in den Ruhestand. Seit September 2015 engagierte er sich für den Wiederaufbau und prägte die inhaltliche Konzeption des Projekts. Was treibt ihn an, was ist ihm wichtig? Ein Interview.

Wieland Eschenburg auf dem Turm der Garnisonkirche. Foto: Beatrix Fricke

Herr Eschenburg, Ihr Einsatz für das Kulturgut in Potsdam ist enorm. Der Wiederaufbau der Garnisonkirche ist ihr zweites großes Projekt – Sie haben auch maßgeblich dazu beigetragen, das vom Verfall bedrohte Ensemble auf dem Pfingstberg zu retten. Welches Anliegen verbinden Sie mit dem Wiederaufbau der Garnisonkirche?

Ganz einfach: Wo nichts ist, wird nichts gefragt. Und es ist auch schwer vorstellbar, was dort gefehlt hat. Jetzt aber, wo der Garnisonkirchturm wieder aufgebaut ist, erkennt man, dass davor in Potsdams Stadtbild eine Leerstelle war, weil an dieser Stelle versucht wurde, durch die DDR-Diktatur Geschichte auszulöschen. Das rückt jetzt, mit dem Gebäude, ins Bewusstsein. Das lädt ein, ins Gespräch zu kommen.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

In unserer Gesellschaft, in der man alles kaufen kann, alles sagen kann, fast überall hinreisen kann, ist es schwer, das Bewusstsein für die Freiheit, in der wir leben, wachzuhalten. Das finde ich nicht nur oberflächlich, sondern auch gefährlich für unsere Demokratie und den gesellschaftlichen Frieden. Mit dem wiederaufgebauten Turm erhält Potsdam einen Ort, der zum Diskutieren einlädt, an dem Menschen verschiedener Generationen und unterschiedlicher Auffassungen einander zuhören und sich austauschen können und keine Ideologiekappe übergestülpt bekommen. Ich wünsche mir, dass die Impulse aus dem Turm in die ganze Stadt hineinwirken und auch darüber hinaus.

Der Wiederaufbau der Garnisonkirche war umstritten, Gegner beobachten das Projekt weiterhin kritisch. Dass Sie den Gegenwind ausgehalten und immer wieder das Gespräch gesucht haben, hat bestimmt auch etwas mit Ihrer Prägung zu tun. Welche innere Motivation, welche Erfahrungen stehen hinter Ihrem Engagement?

Entscheidend ist, dass man sich selbst immer wieder hinterfragt, ob das, was man tut, Bestand hat und aus eigener Überzeugung geleistet wird. Alleingänge ermüden, und mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, ist auch nicht zielführend: Es schmerzt, gibt Beulen, und auch die Wand geht womöglich kaputt. Man ist gut beraten, Gleichgesinnte um sich zu scharen. Es motiviert und lässt auch Durststrecken leichter überwinden, wenn man gemeinschaftlich FÜR etwas ist und nicht GEGEN etwas. So findet man auch schneller Türen, die Wände durchlässig machen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ja! Mit der Arbeitsgemeinschaft Pfingstberg und mit der Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz und Stadtgestaltung haben wir vor 1989 erlebt, dass vieles möglich ist außerhalb der staatlichen Strukturen. Schritt für Schritt haben wir die Freiheit ausgetestet und festgestellt, dass der Rahmen größer ist, als wir gedacht hatten. Auch den Garnisonkirchturm haben wir Schritt für Schritt wieder aufbaut. Aber nicht als einen Hohlkörper zur Heilung des Stadtbildes, sondern mit einem guten inhaltlichen Programm.

Zu Ihren Aufgaben bei der Stiftung gehörte ja die inhaltliche Konzeption. Der Turm eröffnet 2024 mit einer Kapelle, einer Ausstellung und einem vielseitigen Kultur- und Bildungsangebot. Die Aussichtsplattform auf 57 Metern Höhe verspricht, ein neues touristisches Highlight in Potsdam zu werden. Welche Funktion ist Ihrer Ansicht nach besonders wichtig?

Ich kann nicht sagen, was besonders wichtig ist. Die Funktionen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Der Turm ist wie ein Haus, das man von verschiedenen Seiten betreten kann. Die Vielfältigkeit und Gleichwertigkeit ist das, was den Turm ausmacht. Einen zusätzlichen, reinen Gottesdienst-Ort braucht Potsdam nicht. Aber einen Ort mit so vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten, der möglichst schwellenlos funktioniert gerade auch für Menschen, die bislang wenig oder gar nichts mit Kirche zu tun haben: Das finde ich sinnvoll.

Mit Ihrem Eintritt in den Ruhestand verliert die Stiftung einen profilierten Netzwerker. Als jahrelanger Büroleiter des Potsdamer Oberbürgermeisters sind Sie stadtbekannt, Sie haben namhafte Großspender und unzählige Kleinspender für das Projekt gewonnen und die Ehrenamtlichen unterstützt. Gibt es eine Begegnung, die Sie besonders berührt hat?

Es gibt sehr viele Begegnungen, die mich geprägt und berührt haben. Die Initialzündung für weitere Spenden war natürlich die große Gabe von Günther Jauch in Höhe von 1,5 Millionen Euro für die Aussichtsplattform. Doch kam diese nur durch den Teppich der Sympathie zustande, den unzählige Unterstützerinnen und Unterstützer mit ihren kleinen Spenden ausgerollt hatten.

Bitte erzählen Sie von diesen Menschen...

Da war etwa Rosemarie Oback, eine großherzige, inzwischen verstorbene Spenderin. Jeden Monat kam sie in die Nagelkreuzkapelle, nachdem sie ihre spärliche Rente erhalten hatte, und warf fünf Euro in die Spendenbox. Einmal kam sie mit einem 20-Euro-Schein und sagte: „Nun war ich drei Monate krank. Aber die Garnisonkirche habe ich nicht vergessen.“ Das ist das Geheimnis solcher Projekte: wenn sich jeder mit seinen Gaben und Möglichkeiten beteiligt. Ob große Spende, kleine Spende oder das Geschenk von Zeit: All das ist gleichermaßen wertvoll.

Weihnachten steht vor der Tür. Wir sind neugierig auf Ihren Wunschzettel für die Garnisonkirche Potsdam. Drei Wünsche haben Sie frei. Was soll bleiben? Was soll kommen? Was wollen Sie unbedingt weitergeben?

Ich wünsche mir, dass alle, die dem Turm mit Vorbehalten begegnen, sich einmal persönlich mit dem Inhalt unseres Tuns vertraut machen. Der Rückbau der Gerüste hat die Schönheit des wiedererstandenen Bauwerks gezeigt. Den Inhalt zu erkennen wird nach der Eröffnung für jedermann möglich sein. Ich freue mich auf den Moment, wo das, was derzeit nur punktuell in der Nagelkreuzkapelle angeboten wird, sichtbar und erlebbar im Turm wird. Ich hoffe, dass sich viele Menschen für das Angebot begeistern und die Kooperationen mit anderen Kultur- und Bildungsträgern intensiviert werden.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage. Wer Sie in der alltäglichen Arbeit erlebt hat, kennt Ihr immenses Arbeitspensum, Ihre Zielstrebigkeit und Ihren Ideenreichtum. Verraten Sie uns, wie Sie Kraft schöpfen und sich Ihre bemerkenswerte Fröhlichkeit erhalten?

Mir haben im Leben ein paar eher unbewusst gelebte, banal klingende Maximen geholfen. Ganz wichtig: Ruhig bleiben, nicht bange machen lassen! Und: Auch sehr kleine Schritte führen voran und zum Ziel. Die Erfolge der kleinen Schritte aber sollen wir immer feiern, denn feiern lässt deutlich werden, was geschafft wurde. Es schafft einen Moment der Ruhe, schenkt Zuversicht auf das Kommende und gibt Kraft für die nächsten Etappen.

Herr Eschenburg, vielen Dank für das Gespräch und die inspirierenden Antworten!

Interview: Beatrix Fricke

 

 

Vita Wieland Eschenburg

 

  • Wieland Eschenburg wurde 1959 in Rostock geboren. Nach Facharbeiterausbildungen zum Möbeltischler und zum Orgelbauer arbeitete er von 1980 bis 1990 als Orgelbauer im VEB Schuke-Orgelbau Potsdam und absolvierte parallel ein Fernstudium der Musikinstrumentenrestaurierung.
  • Von 1990 bis 1994 war er als Kulturdezernent der Landeshauptstadt Potsdam tätig, von 1995 bis 1998 als Persönlicher Referent des Ministers für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung des Landes Brandenburg. Von 1998 bis 2005 leitete er das Büro des Oberbürgermeisters der Stadt Potsdam.
  • 2005 ging er als Vorstandssprecher der Brandenburgischen Kulturstiftung nach Cottbus und wechselte 2006 in die Leitung des Büros des Oberbürgermeisters der Stadt Cottbus.
  • 2015 kam er als Vorstandsmitglied der Stiftung Garnisonkirche nach Potsdam zurück. Von September 2015 bis Dezember 2023 war Eschenburg als Vorstand für Kommunikation und Programm der Stiftung Garnisonkirche Potsdam tätig.
  • 2003 wurde Eschenburg mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik ausgezeichnet für sein ehrenamtliches Engagement um den Wiederaufbau des Belvedere auf dem Pfingstberg in Potsdam. 2009 wurde er mit einem Eintrag in das Goldene Buch der Landeshauptstadt Potsdam gewürdigt als Anerkennung der Verdienste um die friedliche Wende 1989 in Potsdam. Wieland Eschenburg ist seit 1998 Mitglied der SPD.

Die Pressemitteilung zum Abschied von Wieland Eschenburg finden Sie hier.

 

 

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