03.11.2020 | Wiederaufbau braucht Partnerschaft - Die Solidargemeinschaft Verbund Zerstörte Kirchen (VZK)

Am 17. Oktober 2020 trafen sich Vertreter des Verbundes Zerstörte Kirchen (VZK), der an die vom SED-Regime vernichteten Sakralbauten erinnern will, zu ihrer Herbsttagung in Potsdam. Es war das 15. Treffen seit seiner Gründung. Eigentlich schon das 16., aber wegen der Corona-Pandemie musste die diesjährige Frühjahrstagung ausfallen. Von Beginn an gehört die Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam (FWG) als Partner dazu und war seither eine Stimme von Gewicht.

Das beispiellose Wiederaufbauvorhaben der Garnisonkirche, deren Vollendung zunächst des Turms in wenigen Jahren zu feiern sein wird, ist ihren Partnern im Verbund großer Ansporn und verleiht ihnen zusätzliche Kraft. Die ähnlich Potsdam teilweise jahrzehntelangen Bemühungen in Bad Muskau, Berlin, Bremen, Dresden, Leipzig und Magdeburg erstrecken sich vom Wiederaufbau bis zu vielfältigen anderen Formen des Erinnerns und Mahnens. Die dabei gezeigten außerordentlichen Leistungen ehrenamtlichen Engagements haben allerdings auch unmittelbar auf die Arbeit von Fördergesellschaft und Stiftung der Garnisonkirche gewirkt. So ist etwa ein Vertreter des VZK (und Mitglied der FWG) in die Arbeit des Wissenschaftlichen Beirats der Garnisonkirche eingebunden. Die Erinnerung an die mutwillig zerstörten, teilweise bedeutenden Kirchen durch die SED-Machthaber eint die Verbundpartner im gemeinsamen Geist, in christlicher  Verbundenheit und dem Willen, die Kirchen der Vergessenheit zu entreißen. Überall steht der Dienst an Frieden, Freiheit und Versöhnung im Vordergrund.

 

In Bad Muskau wird an die Zerstörung der barocken Stadtkirche 1959 erinnert. Über Jahre hat ein Freundeskreis daran gearbeitet, das Gedenken an die eigenmächtig vom Rat des Kreises angeordnete Sprengung wachzuhalten. Nun stehen am ehemaligen Standort der Kirche in Form des Chors gepflanzte Bäume, eine erläuternde Gedenktafel und ein Bronzemodell.

In Berlin bemüht sich seit Jahren ein Arbeitskreis von Historikern und engagierten Bürger/innen um die Revitalisierung des Nikolaiviertels, einen Gedenkort an die 1968 zerstörte Klosterkirche und die Wiedererrichtung der Schinkelschen Bauakademie.

In Bremen versucht seit einigen Jahren ein Verein - seit geraumer Zeit ein „westlicher“ Kooperationspartner -, einen Teil der historischen Altstadt um die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigte, aber erst 1959 abgetragene Kirche St. Ansgarii wieder zu errichten und auch diese zumindest in Teilen wieder aufzubauen.

In Dresden konnte am 9. Oktober 2020 die Busmannkapelle der 1963 zerstörten, 750 Jahre alten Sophienkirche der Öffentlichkeit übergeben werden. Nun lädt der „DenkRaum Sophienkirche“ zu innerer Einkehr. Seit 1998 hat sich die dortige Fördergesellschaft mit unendlicher Mühe um eine würdige Gedenkstätte großartige Verdienste erworben. Die nunmehrige Vollendung ist der wunderbare Lohn! In moderner Formensprache ist ein beeindruckendes Bauwerk entstanden, das seit 2019 - wie auch schon die Kapelle bei der Garnisonkirche - zur Nagelkreuzgemeinschaft gehört.

In Leipzig strebt ein Förderverein seit 2007 einen Wiederaufbau des Turms der 1963 endgültig gesprengten einzigen barocken Kirche der Stadt, der Johanniskirche, an. Sie war einst eine bedeutende Bach-Stätte: In einer Gruft barg sie Johann Sebastian Bachs und Christian Fürchtegott Gellerts Grab. In Gesprächen mit Anrainern des Geländes - insbesondere dem angrenzenden Grassi-Museum - sowie Vertretern der Stadt werden Möglichkeiten einer künftigen Nutzung erörtert. An der Rasenfläche des Johannisplatzes ließ der Verein Johanniskirchturm Leipzig e.V. bronzene Gedenktafeln zur Geschichte von Kirche und Quartier anbringen. Für kurze Zeit konnte 2014 die noch bestens erhaltene Bach-Gellert-Gruft freigelegt werden.

Der Leipziger Paulinerverein ist bisher der einzige Verbundpartner, der zusammen mit der Stiftung Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig stolz auf einen abgeschlossenen Wiederaufbau der 1968 gesprengten ehemaligen Paulinerkirche blicken kann. Nach jahrelanger, von heftigen Auseinandersetzungen begleiteter mühsamer Überzeugungsarbeit und außerordentlichem ehrenamtlichen Einsatz steht nun am Leipziger Augustusplatz eine moderne Adaption des Kirche-/Aulabaus. Jetzt wird noch um den Einbau der Kanzel im Innenraum gerungen. Außerdem forschen Stiftung und Verein nach dem Verbleib der sterblichen Überreste von etwa 600 in der Kirche bestatteten Personen, die 1968 möglicherweise von den damaligen Machthabern beseitigt wurden.

In Magdeburg schließlich versucht das 2007 gegründete Kuratorium Ulrichskirche die Erinnerung an die älteste und bedeutendste Kirche der Stadt wachzuhalten. Trotz mehrerer erheblicher Rückschläge, insbesondere einem 2011 gescheiterten Bürgerentscheid zum Wiederaufbau der Ulrichskirche, arbeitet der Verein unermüdlich an einer angemessenen Form des Gedenkens und Mahnens an den 1956 gesprengten, nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg aber in der äußeren Gestalt weitgehend intakt gebliebenen Sakralbau. In der Magdeburger Wallonerkirche weist eine Ausstellung auf die Geschichte der Ulrichskirche hin, einige Modelle dienen zur Veranschaulichung. Derzeit wird in Zusammenarbeit mit städtischen Gremien erneut über eine Freilegung der Grundmauern sowie die Installation eines „historischen Fensters“ nachgedacht.

 

Allen diesen gerade auch in ihrer Unterschiedlichkeit beeindruckenden Projekten bietet der Verbund Zerstörte Kirchen (VZK) eine einigende Klammer, ist das Forum für fachlichen Diskurs, lotet Synergien aus, ermöglicht anregenden und ermutigenden Austausch. So wird der Verbund zum Ort gelebter Solidarität. In diesem Geiste war und ist der VZK auch Mut machender und  brüderlicher Mitstreiter beim Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam!

 

Rainer Manertz

Seminarschulrat a.D.

Sprecher des Verbundes Zerstörte Kirchen; Mitglied der FWG

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