05.07.2013 | “Wer war Hindenburg?”

Donnerstagmorgen, temporäre Kapelle an der Garnisonkirche. Vom Himmel tröpfelt es. Schüler aus Israel kramen nach den für sie ungewohnten Münzen, noch bevor sie in der Kapelle sind. Für den Wiederaufbau-Ziegelstein.

Donnerstagmorgen, temporäre Kapelle an der Garnisonkirche. Vom Himmel tröpfelt es. Schüler aus Israel kramen nach den für sie ungewohnten Münzen, noch bevor sie in der Kapelle sind. Für den Wiederaufbau-Ziegelstein. Gleich werden sie durch die Geschichte des ehemals höchsten Potsdamer Gebäudes geführt. Aber erst einmal müssen einige zur Toilette.

13 Schüler aus Even Yehuda, gelegen zwischen Haifa und Tel Aviv, wohnen bis Montag bei Belziger Gymnasiasten; von denen sind neun mit nach Potsdam gekommen. Seit neun Jahren gibt es diesen Schüleraustausch, stark gefördert vom Bund. Zum ersten Mal geht es zu jenem Ort, an dem die Kirche vorher stand. Einen konkreten Grund, das wegen ihrer Geschichte umstrittene Wiederaufbauprojekt zu besuchen, gibt es nicht. Es sind eher persönliche Beziehungen.

Lange hören die 14- bis 16-Jährigen zu, als sie auf Deutsch und Hebräisch von den Friedrichs, Wilhelms, den Friedrich Wilhelms und von Preußen hören. Dass Napoleon nur diese Kirche respektierte und die anderen als Pferdeställe nutzte. Warum die alte Wetterfahne nicht wieder auf den angestrebten Neubau darf. Und über den Tag von Potsdam, die Konstituierung des Reichstags am 21. März 1933, mit dem Handschlag von Adolf Hitlers mit Paul von Hindenburg. Dies sei nur deshalb in Potsdam passiert, weil der Reichtstag wegen des Brandes nicht genutzt werden konnte – und die Garnisonkirche Platz für 3000 Menschen bot. Burkhart Franck, Vorsitzender der Fördergesellschaft zum Aufbau der Kirche, ist in seinem Element. Lehrerin Anat Alon hat viel zu übersetzen.

Gefragt und diskutiert wird viel, mehr auf Hebräisch als auf Deutsch. Wie lange Hitler in Potsdam war? Nur einen Tag. Wer Hindenburg war? Der Reichspräsident. Und wie lange Napoleon in Potsdam war? Eine Woche. Interessiert, aber unbefangen wirkt der Umgang mit der Geschichte. In einer Pause verzieren einige Israelis ihren Stein mit hebräischen Schriftzeichen. Ihr Anteil am 100 Millionen Euro teuren Projekt. Erst am 31. Oktober 2017 soll der Kirchturm wiederaufgebaut sein. Großes Staunen.

Deutschland sei schön und anders als Israel, sagt Tom. Dort sei es viel weiter von Stadt zu Stadt, es gebe viele Felder. Die Menschen seien freundlich. Auch Johanna, Eike, Antonia und Charlotte, die Mitte Juni in Israel zu Gast waren, sind begeistert. Sie waren ebenfalls bei Familien untergebracht, feierten Sabbat mit ihnen, wurden zu Partys mitgenommen. Jetzt geht das Programm weiter: auf nach Sanssouci und zur Freundschaftsinsel. Boot fahren. Adé Garnisonkirche. (Potsdamer Neueste Nachrichten, 05.07.2013, von Ingmar Höfgen)

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