09.01.2013 | Variationen eines Händedrucks – Thomas Wernicke hat den „Tag von Potsdam“ rekonstruiert

Potsdam – Potsdam am 21. März 1933: Unter großer Anteilnahme von Bevölkerung und Medien findet in der barocken Garnisonkirche die feierliche Eröffnung des neu gewählten Reichstags statt. Während

Potsdam – Potsdam am 21. März 1933: Unter großer Anteilnahme von Bevölkerung und Medien findet in der barocken Garnisonkirche die feierliche Eröffnung des neu gewählten Reichstags statt. Während der Veranstaltung reichen sich der greise Reichspräsident Paul von Hindenburg und der neue Reichskanzler Adolf Hitler dreimal die Hand.

Von den Pressefotos des legendären, die Außenwahrnehmung der Stadt bis heute belastenden Handschlags geht nur die qualitativ beste Aufnahme um die Welt, nämlich die des Amerikaners Theo Eisenhart von der New York Times. Sie wird als Machtübergabe Hindenburgs an Hitler interpretiert und so zum Symbol für ein Ereignis, das als „Tag von Potsdam“ in die Geschichte eingegangen ist und sich 2013 zum 80. Male jährt.

Dabei zeigt das Foto nur einen simplen Vorgang – die Verabschiedung Hindenburgs von Hitler am Ende der Eröffnungsfeierlichkeiten. Denn von der Begrüßung gab es nur schlechte Fotos, und im Gotteshaus durften die beiden Politiker nicht zusammen fotografiert werden. Das hat Historiker Thomas Wernicke bei seinen Recherchen zum 21. März 1933 herausgefunden. In seinem Beitrag „Der Handschlag am Tag von Potsdam. Hintergründe eines Mythos“ im Jahresheft 2012 der Studiengemeinschaft Sanssouci e. V. versucht Wernicke, Mitarbeiter des Hauses der Brandenburgisch Preußischen Geschichte, die Vorgänge zu rekonstruieren.

Der Fachmann beleuchtet die Hintergründe, die zu der Veranstaltung in Potsdam führten und räumt mit der Legende auf, dass Joseph Goebbels der Chefplaner des Polit-Spektakels war. Wernicke: „Nach den überlieferten Akten lag die Federführung bei der Organisation der Feierlichkeiten zur Eröffnung des neuen Reichstags bei der Reichsregierung und damit hauptsächlich beim Reichsinnenministerium.“

Weil der Reichstag durch einen Brand nicht nutzbar war, schlug Hitler zunächst das Potsdamer Stadtschloss vor. Der Marmorsaal war aber zu klein, das Neue Palais baufällig. Die Stadtverwaltung Potsdam wies auf die Garnisonkirche hin. „Am 8. März 1933“, so Wernicke, „fand gegen vier Uhr nachmittags ein geheim gehaltener Lokaltermin in Potsdam statt“, an dem „Hitler, Frick, Göring, … sowie der Standortkommandant der Reichswehr, der Polizeipräsident, … und der Präsident bzw. Vizepräsident des Deutschen Evangelischen Kirchenausschusses teilnahmen.“ Bei dem Treffen wurde der 21. März als Termin festgelegt.

Das „Handschlag-Foto“, das der Amerikaner Theo Eisenhart am Ende des Festaktes schoss, wurde erst 1934 erstmals in einem Geschichtsbuch veröffentlicht. Seine eigentliche „Karriere“ trat die Aufnahme erst nach 1945 an. Seither, so Wernicke, manifestiert sich „der Tag von Potsdam in unserem Bildgedächtnis mit einem einzigen Foto, dem Handschlag zwischen Hindenburg und Hitler“. (MAZ vom 09.01.2013, Von Karin Markert und Jürgen Stich)

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