17.08.2012 | Straßenbreite Querköpfe

Ich bin mir nicht sicher, ob die Kirche im Dorf und der Obelisk an der Straßenseite bleiben soll. Ganz sicher bin ich mir aber, dass die Breite Straße eine Verschönerungskur braucht.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Kirche im Dorf und der Obelisk an der Straßenseite bleiben soll. Ganz sicher bin ich mir aber, dass die Breite Straße eine Verschönerungskur braucht. Eine durchgängige. Die verzweifelten partiellen Versuche, dort in der Mitte Blümchen anzupflanzen, sind ja ziemlich schnell an der Stadtverwaltung gescheitert. Das war allerdings auch zu erwarten, denn jeder anständigen Verwaltung wird schlecht, wenn sie das Wort Blümchen hört und das auch noch in Verbindung mit Wildwuchs und zivilem Ungehorsam.

Doch nun wird es ernst. Keine alternativen Blümchenpflanzer wollen der Verwaltung und dem Stadtparlament Angst machen, sondern sechs Innenstadtvereine mit geballter Kraft. Darunter auch einer, der schon am Brandenburger Tor die Freiheit des Blickes erkämpfte und sich deshalb „Freies Tor“ nennt. Als nächstes hatte er sich mit allen Bäumen straßauf, straßab verbündet bis die Denkmalpflege, ganz Grün im Gesicht, einknickte und die Charlottenstraße gegen alle historischen Vorgaben begrünt werden durfte. (PNN vom 17.08.2012 von Hella Dittfeld)

Aber nun den Obelisk in die Breite Straßenmitte? Wenn die Autofahrer – wie damals von der Verwaltung argumentiert – schon Blümchen vom Geradeausfahren ablenken, was wird dann erst ein mittiger Obelisk für Schaden anrichten? Womöglich versucht so ein geschichtsinteressierter Autofahrer noch, die Hieroglyphen zu entziffern, weil er nicht weiß, dass die Nonsens sind und rein gar nichts bedeuten. Dann fährt er links ab, über den Mittelstreifen, ruiniert sich, den Gegenverkehr und knallt in die Baustelle der Garnisonkirche. Die wird dann nicht gebaut und der dreispurige Verkehr in der Breiten Straße ist gerettet. Vor dieser so ideal autogerecht ausgebauten Straße wird es eng und hinterher auch, da sollte man sich doch wenigstens auf der Breiten Straße ausbreiten können. Wenn das nicht wichtig ist, na, was denn dann? Alle anderen Vorbehalte gegen die Kirche, die sich in den jetzigen Straßenverlauf schieben soll, sind dagegen doch eher ein Klacks. Oder?

Die Vereine sehen das scheinbar anders und sind sich mit der Denkmalpflege diesmal sogar einig. Einzig die Linke, fürchte ich, kriegt wieder nostalgische Anwandlungen und will sich partout nicht von ihrer einstigen Aufmarschpiste, auf der zu DDR–Zeiten am 1. Mai und zum Tag der Republik die Fahnen geschwenkt wurden, trennen. Wenn man die Straße jetzt so hinuntersieht, dann weiß natürlich jeder, auch der bürgerliche Opportunist, dass so ein planerisches Meisterwerk erhalten bleiben muss. So schön autofreundlich, mit den schicken Peitschenmasten in der Mitte und die Luft so herrlich benzinschwanger, weil kein Baum und Strauch sie filtert. Da nimmt doch jeder gern einen zweiten Atemzug und denkt an die Zeiten, in denen es viel weniger Autos gab und dafür so schöne Durchgangsstraßen entstanden.

Was denn, Sie wollen die Kirche nicht im Dorf lassen, selbst wenn sich Land und schlecht behandelter Investor nicht einigen können und die Millionenspende ausbleibt? Sie könnten sich die Breite Straße, wenn schon nicht mit Blümchen so doch mit viel Grün und Bäumen vorstellen und sogar mit einer gewissen Verengung wegen des wiederaufgebauten Kirchturms? Was sind Sie doch für ein straßenbreiter Querkopf!

An dieser Stelle schreibt alle zwei Wochen Hella Dittfeld über Dinge, die sie erfreuten oder ärgerten und hofft, dass dadurch Potsdam etwas heller wird. (PNN )

Zurück


zum Seitenanfang