16.07.2011 | „Sie war einfach nur wunderschön“: Die Kabarettistin Barbara Kuster und die Fotografin Monika Schulz-Fieguth erinnern sich ihrer Kindheit im Umfeld der Garnisonkirche

Frau Kuster, Frau Schulz-Fieguth, die Garnisonkirche gehörte zum Inventar ihrer Kindheits- und Jugenderinnerungen? Kuster: Ich habe ja neben der Garnisonkirche gewohnt.

Frau Kuster, Frau Schulz-Fieguth, die Garnisonkirche gehörte zum Inventar ihrer Kindheits- und Jugenderinnerungen?
Kuster: Ich habe ja neben der Garnisonkirche gewohnt. Mein Vater hatte da das Ofenbaugeschäft. Gleich nach dem Krieg ist mein Vater nach Potsdam gekommen und hat das Haus gekauft – von der Witwe Henning von Tresckows – und hat es wieder aufgebaut. Vorne stand es noch, hinten war alles weg. Mein Vater hat noch etliche Tote aus dem Keller geholt. Ich bin neben der Garnisonkirche aufgewachsen, sie gehörte unmittelbar zu meinem Umfeld. Jeden Sonntag bin ich mit meiner Oma zur Kirche gegangen. In der Garnisonkirche war eine kleine Kapelle eingerichtet; schätzungsweise 60 Leute passten da rein. Da war Gottesdienst und unser heißgeliebter Pfarrer Kunkel; der sah aus wie Luther, so ein richtiger Protestant. Der hat schon zu Nazi-Zeiten eingesessen, weil er sich gegen das Regime gestemmt hat. Auch später zu DDR-Zeiten ist er nicht auf den Mund gefallen.
Welche Erlebnisse hatten Sie in der Garnisonkirche?
Kuster: In dieser Kirche erlebte ich als Sechsjährige die Goldene Hochzeit meiner Großmutter. Der Hochzeitszug ging von unserem Haus bis zu dem schmiedeeisernen Kirchengitter. Mein Onkel aus Gelsenkirchen hatte damals schon eine Kamera und hat draufgehalten. Die schönen Aufnahmen vom Turm hab ich heute noch.
Schulz-Fieguth: Die hast du noch?
Ja, das ist eine Kostbarkeit, ich habe die Bilder auch schon dem Architektenbüro angeboten, falls sie gebraucht werden für den Wiederaufbau. Meine Tante Irmgard ist in der Garnisonkirche getraut worden, hier ist sie drauf (Barbara Kuster zeigt Monika Schulz-Fieguth ein schwarz-weißes Hochzeitsfoto). Hier treten sie aus der Tür, kannst du dich noch entsinnen?
Schulz-Fieguth: Eine wunderschöne Tür. Es existiert ja noch ein Foto von uns beiden, wie wir beide gerade nach der Konfirmationen aus dieser Tür kommen.
Es irrt also, wer denkt, dass es nur persönliche Erinnerungen an die Garnisonkirche aus der Zeit vor dem Bombenangriff 1945 gibt. Der Bau war auch nach 1945 mehr als nur eine Ruine.
Kuster: Das ist richtig. Der Turm hatte eine Kapelle. Hinten, das Kirchenschiff, war natürlich ausgebombt. Aber, neugierig wie ich war, bin ich da mal reingeschlichen, bin in diese Gruft gegangen, wo Friedrich der Große und der Soldatenkönig drin gelegen haben. Der Pfarrer hatte Bretter davorgenagelt, damit da keiner reinkam, es war ja alles hinfällig und da sind auch Steine runtergekommen. Aber ich bin da dennoch reingeschlichen und habe noch diesen Mosaikboden gesehen, der Boden, der auf den alten Gemälden zu sehen ist, die Napoleon vor dem Sarg von Friedrich dem Großen zeigen. Die Bilder habe ich natürlich erst später gesehen und mir gesagt: Da standst du auch!
Frau Schulz-Fieguth, welche Erinnerungen haben Sie?
Schulz-Fieguth: Mein ganzes Leben ist im Gleichklang mit der Garnisonkirche verlaufen. Wir wohnten dort, lebten dort. Unser täglicher Gang in die Schule führte an der Kirche vorbei. Sonntags gingen wir zu den Gottesdiensten. Meine Brüder läuteten die Glocken … Ich wusste damals gar nicht, dass da noch ein komplettes Kirchenschiff dazugehörte. Ich habe den Turm immer als komplette Kirche empfunden. Von der Geschichte der Kirche wusste ich als Kind gar nichts. Für mich war sie einfach nur wunderschön und gemütlich. Später, Jahre nach der Konfirmation, habe ich eine Lehre als Fotografin begonnen und war bei der Sprengung dabei. Ich weiß noch genau: Gemeinsam mit einem bekannten Fotografen, Arvid Lagenpusch, sind wir dort hingezogen, um die Fassungslosigkeit mitzuerleben, die alle ergriff, weil unsere Kirche gesprengt wird.
Das muss ein schwerer Schlag für Sie gewesen sein.
Das war für uns alle unfassbar. Da waren nicht nur alte Leute da, die irgendwelchen Dingen nachtrauerten. Da waren auch ganz viele junge Leute, die fassungslos waren, dass diese Kirche, die noch prächtig dastand, gesprengt werden sollte. Ich erinnere mich noch: Meine Brüder, und auch deine Brüder, Bärbel, waren alle im Jugendclub 3. Auch die Jugendlichen vom Jugendclub 3 waren dagegen und setzten sich für die Kirche ein. Siegfried Lachmann, der Jugendclubleiter war, hat sich für die Kirche stark gemacht und wie Gebhard Falk als Stadtverordneter gegen den Abriss gestimmt.
Kuster: Und sehen Sie: Siegfried Lachmann ist heute bei den Linken.
Schulz-Fieguth: Ja, damals hat er aber mit vollem Herzen gegen den Abriss gestimmt. Nach dieser Sprengung, ein schöner Sonnentag, sind wir mit dem Fahrrad zum Teufelssee gefahren, um das Erlebnis zu verarbeiten. Wir konnten diesen Wahnsinn einfach nicht begreifen. Es war schlimm genug, dass das Stadtschloss weg war und der Lustgarten. Auch das Schloss haben wir ja noch als Ruine in Erinnerung. Das alles kam weg. Wir haben die Welt nicht mehr verstanden.
Was wussten Sie über die Geschichte der Garnisonkirche, den „Tag von Potsdam“?
Schulz-Fieguth: Wir wussten schon als junge Leute, dass alle bedeutenden Häuser politisch missbraucht werden. Doch das interessierte mich nicht und interessiert mich auch jetzt nicht. Dafür, dass ein Gebäude von der Politik missbraucht wird, kann es ja nicht. Ich sehe in der Garnisonkirche vor allem die grandiose Architektur (zeigt auf eine Computergrafik der Garnisonkirche).
Kuster: So schön haben wir sie natürlich nie gesehen. Da waren Einschüsse in den Wänden …
Schulz-Fieguth: Aber da in Potsdam alles so morbide war, war das eine vollkommene Einheit. Ringsherum gab es Einschüsse.
Die Jugend von heute warnt eher vor einem Wiederaufbau der Garnisonkirche. Es sei die falsche Symbolik, dem preußischen Militarismus würde gehuldigt …
Schulz-Fieguth: Mich wundert das wirklich. Ich finde, viele sehen gar nicht so politisch interessiert aus. Ich denke, dass viele etwas nachquatschen. Und irgendwie kontra sein wollen und etwas gefunden haben, wo sie das ausleben können, ohne etwas davon zu verstehen. Sie wissen gar nicht viel von der Garnisonkirche. Es ist einfach schick, dagegen zu sein.
Kuster: Ich kenne aber auch viele junge Leute, die die Computeranimation sehen und sagen: Oh toll! Aber die Frage, was wir mit der Kirche in der Zukunft machen, ist berechtigt. Wir sterben weg, aber die Kirche wird dastehen. Sie muss mit Dingen gefüllt werden, die die nächste Generation betrifft. Ich könnte mir vorstellen, dass in der Garnisonkirche über ethische Dinge gesprochen wird, über Sinnsuche, gerade mit Jugendlichen, die ja auf dem Weg sind.
Schulz-Fieguth: Auch meine Kinder, die die Garnisonkirche nie gesehen haben, sagen, hoffentlich schaffen wir es, das müssen wir erkämpfen. Es kommt immer auch darauf an, wie es den Jugendlichen von den Eltern vermittelt worden ist. Es ist immer leicht zu sagen, wir brauchen andere Dinge nötiger. Aber diese Kirche gehört einfach zu Potsdam.
Dass eine Hitler-Pilgerstätte daraus werden könnte, wie manche sagen, das glauben Sie nicht?
Schulz-Fieguth: Die wenigen Dummen werden wir schon wegatmen können.
Kuster: Nun darf man auch nicht vergessen, dieser Turm gehörte immer zur Skyline von Potsdam, um das mal modern auszudrücken. Ich finde es schon wichtig, diesen Abdruck der Stadt wieder herzustellen, wie er mal war.
Wie wichtig ist, dass die Kirche original aufgebaut wird?
Kuster: Im Statut der Garnisonkirchenstiftung steht, dass sie original wieder aufgebaut wird – weitestgehend. Es ist wichtig, dass wir mal eine Rekonstruktion bekommen, die innen und außen erfolgt ist und nicht wie beim Stadtschloss fast ausschließlich nur außen, was aber an der Funktion als Landtag liegt.
Ich hörte schon von inneren Anpassungen an die Nutzung, ein Fahrstuhl soll rein, ebenso die Ausstellung …
Kuster: Die Kirche hatte sechs Meter breite Innenmauern. Das hatte man damals gemacht aus Angst, dass sie zusammenstürzt. Aber heute ist man technisch weiter, man könnte die Wände hohl machen und darin den Fahrstuhl reinmachen. Trotzdem bleibt sie original. Man kann den heutigen Anforderungen genügen, ohne dass man die originale Bauweise zerstört. Mich würde es sehr freuen, käme diese Übergangskapelle aus DDR-Zeit wieder zum Tragen. Einfach da beginnen, wo wir aufgehört haben. Diese Kapelle sollte, solange das Kirchenschiff noch nicht steht, für Gottesdienste und Veranstaltungen genutzt werden, um dann später dem Originalinnenturm Platz zu machen.
Beschreiben Sie doch bitte diese Kapelle.
Schulz-Fieguth: Ich habe sie als sehr sehr schlicht empfunden … und das fand ich so angenehm.
Kuster: … mmh, sehr protestantisch. Und der Tisch …
Schulz-Fieguth: … ja, der Tisch!
Kuster: Wissen Sie, kürzlich, bei der Einweihung der zeitweiligen Kapelle in der Breiten Straße, da stand da wieder dieser Tisch … Also da hat es mich gewürgt, als ich diesen Tisch wieder gesehen habe. Mir wurde das so bewusst, dass ich diesen Tisch noch kenne.
Schulz-Fieguth: Also, man kam rein in die Kapelle und war mittendrin. Es gab nicht diese Riesenehrfurcht vor sehr großen Räumen. Es war ein sehr hautnaher Gebetsraum. Die Christen saßen sehr eng beieinander und der Pfarrer war nicht weiter weg als bis zur Tür. Das war das Besondere.
Wo besuchen Sie heute Gottesdienste?
Schulz-Fieguth: Ich gehe in die Friedenskirche, meine Kinder wurden dort getauft, ich wurde dort getauft. Ich weiß nicht, wie es aussieht, wenn die Garnisonkirche wieder steht.
Kuster: Ich denke mal, ich würde da wieder hinkonvertieren.
Das Interview führte Guido Berg (PNN, 16.7.2011)

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