10.01.2013 | Schon jetzt von nationaler Bedeutung – Garnisonkirche: Christian Rüss, der Neue im Vorstand der Fördergesellschaft, ist kein Befürworter von Aufbauhilfen des Bundes

Der Inhaber einer traditionsreichen Druckerei ist stellvertretender Vorsitzender der Fördergesellschaft Wiederaufbau Garnisonkirche (FWG). Mit ihm sprach Ildiko Röd über die 80. Wiederkehr des Tages

Der Inhaber einer traditionsreichen Druckerei ist stellvertretender Vorsitzender der Fördergesellschaft Wiederaufbau Garnisonkirche (FWG). Mit ihm sprach Ildiko Röd über die 80. Wiederkehr des Tages von Potsdam und die ungeklärten Fragen bei der Turm-Kapelle.

MAZ: In Ihrem Job haben Sie Zwölf-Stunden-Tage, da bleibt logischerweise wenig Freizeit. Trotzdem sind Sie nun im Vorstand der Fördergesellschaft Wiederaufbau Garnisonkirche aktiv, ein sehr zeitintensives Ehrenamt. Überlegt man sich so etwas nicht zweimal?

Christian Rüss: Nein, sogar dreimal. Aber die Aufgabe hat mich inhaltlich sehr angesprochen. Die Garnisonkirche ist ja ein Ort, an dem gerade die jüngste deutsche Geschichte in besonderer Weise deutlich wird.

Sie spielen auf den Tag von Potsdam am 21. März 1933 an?

Rüss: Das ist zwar ein ganz entscheidender Termin, aber darauf kann man die Garnisonkirche nicht reduzieren. Zu diesem Zeitpunkt hat die Kirche schon 198 Jahre gestanden. Hier fand 1817 die Union der reformierten und lutherischen Kirchen in Preußen statt. Und es gab den spannenden Zeitabschnitt nach dem Zweiten Weltkrieg, als bis zur Sprengung der Kirche 1968 in der Turmkapelle ein reges Gemeindeleben stattfand.

Trotzdem: In diesem Jahr richtet sich wohl das Hauptaugenmerk auf die 80. Wiederkehr des Tages von Potsdam. Wie gehen die Wiederaufbau-Förderer damit um?

Rüss: Der Tag bietet vor allem eine Chance, sich differenziert mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Es wird zahlreiche Veranstaltungen in der Stadt geben. Derzeit laufen die Abstimmungen mit der Stadtverwaltung. In der Kapelle an der Garnisonkirche sind zum Beispiel Lesungen aus damals verbotenen Büchern geplant.

Was, wenn dieser Tag nicht nur der geistigen Auseinandersetzung gewidmet ist, sondern auch eine Sogwirkung auf „braune“ Kräfte ausübt?

Rüss: Ich kann natürlich nicht in die Zukunft blicken, aber davon gehe ich nicht aus.

Einst war das Internationale Versöhnungszentrum der Angelpunkt des Wiederaufbauprojekts. Mittlerweile ist es sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden.

Rüss: Das ist nicht richtig. Das Konzept geht mittlerweile sogar noch weit über ein reines Versöhnungszentrum hinaus. Unter dem Motto „Beten –erinnern – lernen – sehen“ wird weiterer Raum gelassen für mehr Aspekte christlichen Lebens.

„Beten – erinnern – lernen – sehen“: Das sind Schlagworte. Was hat man sich konkret darunter vorzustellen?

Rüss: Wir haben bereits jetzt viele Veranstaltungen zu den unterschiedlichsten Themen, die gut besucht sind. Es ist ausdrücklich gewünscht, dass die Teilnehmer auch Fragen stellen können. Gerade Leute, die dem Projekt kritisch gegenüberstehen, sind eingeladen. Sie können und sollen sich offen artikulieren. Jene, die kritisch sind, haben ein inneres Bedürfnis, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Sie sind nicht gleichgültig. Das finde ich erstmal gut.

An Kritikern scheint es in Potsdam ja nicht zu mangeln: Auf Platz eins des Bürgerhaushalts lag letztes Jahr die Forderung, keine städtischen Gelder in das Wiederaufbauprojekt fließen zu lassen. Das zeugt nicht gerade von großer öffentlicher Akzeptanz.

Rüss: Im Bürgerhaushalt wird eigentlich nach Ideen, Verbesserungsvorschlägen gefragt. Man soll sich für etwas einbringen. Gegen etwas zu votieren, finde ich an dieser Stelle nicht passend.

Das Bild, das die Potsdamer Wiederaufbau-Befürworter derzeit bieten, kann man beim besten Willen nicht homogen nennen. Garnisonkirchenstiftung und FWG sind sich uneins über das Aussehen der künftigen Kapelle im Turm. Droht die Spaltung, wenn der von der Stiftung favorisierte Kapellenentwurf des Architektenteams „Hilmer & Sattler und Albrecht“ durchgeht?

Rüss: Das Wiederaufbauprojekt Garnisonkirche hat schon jetzt nationale Bedeutung. Das ist ja ganz normal, dass diskutiert wird. Momentan sind wir mit der Stiftung und dem Kuratorium in einem Dialog, der auf einem sehr guten Weg ist.

Ist der Garnisonkirchen-Architekt Thomas Albrecht, der über die Diskussion seines Kapellenentwurfs nie sehr begeistert war, in diesen Dialog involviert?

Rüss: Nein, im Moment nicht. Das wird aber selbstverständlich in der kommenden Zeit der Fall sein.

Kürzlich hat Altbischof Wolfgang Huber, der Vorsitzender im Kuratorium der Garnisonkirchenstiftung ist, gesagt, dass der Wiederaufbau auch mit Bundesmitteln erfolgen soll. Bislang aber wollte man den Wiederaufbau mit Spenden stemmen. Wie sehen Sie das?

Rüss: Ich denke, ganz überwiegend müssen Spendenmittel für den Wiederaufbau bereit gestellt werden. Was Altbischof Huber vermutlich meinte, ist, dass mit Bundesmitteln unter Umständen noch letzte Lücken geschlossen werden könnten, sobald der Hauptanteil mit Spenden finanziert worden ist.

Momentan herrscht aber noch Ebbe in der Spendenkasse. Steht eine Großspende ins Haus?

Rüss: Das Einwerben von Spenden fällt vor allem in die Zuständigkeit der Stiftung. Mich hat immer ein Wort von Dietrich Bonhoeffer begleitet: „Gott gibt uns immer die Kraft, die nötig ist. Aber er gibt sie uns nicht im voraus.“

(MAZ vom 10.01.2013, von Ildiko Röd)

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