28.08.2010 | RELIGION: „Wir müssen raus auf die Straße” - Neue Generalsuperintendentin Heilgard Asmus plädiert für eine öffentliche Kirche

Heute wird Heilgard Asmus um 15 Uhr in der Nikolaikirche am Alten Markt ins Amt der Generalsuperintenden- tin des Kirchensprengels Potsdam eingeführt. Norbert von Fransecky sprach mit ihr. MAZ: Was sind für Sie die vordringlichsten kirchlichen Aufgaben in der näheren Zukunft? Heilgard Asmus: Mir ist es wichtig, dass sowohl innerkirchlich, wie außerhalb der Kirche deutlich

Heute wird Heilgard Asmus um 15 Uhr in der Nikolaikirche am Alten Markt ins Amt der Generalsuperintenden-

tin des Kirchensprengels Potsdam eingeführt. Norbert von Fransecky sprach mit ihr.

MAZ: Was sind für Sie die vordringlichsten kirchlichen Aufgaben in der näheren Zukunft?

Heilgard Asmus: Mir ist es wichtig, dass sowohl innerkirchlich, wie außerhalb der Kirche deutlich wird, dass wir eine evangelische Kirche sind, auch wenn Christentum in ihr in unterschiedlichen Traditionen gelebt wird. Vor allem muss die Kirche raus auf die Straße – nicht immer, aber bei besonderen Anlässen. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wenn ein Stadteilfest gefeiert wird und die Kirche eine Woche später ihr Gemeindefest feiert. Das gehört zusammen. Ich würde es gern fördern, dass die Feste, die eine soziale Gemeinschaft feiert, nach Möglichkeit mit Gottesdiensten eröffnet werden. Wenn man zusammenkommt, kann man dafür doch auch danken. Da sind wir in den letzten zehn Jahren schon wieder etwas zurückgegangen.

Ist dieser Ansatz auf dem Gebiet der ehemaligen DDR wirklich realistisch?

Asmus: Ich habe erlebt, dass das geht. In Kirchhain auf dem Marktplatz. Der Festgottesdienst zum 775. Jubiläum der Stadt fand unter freiem Himmel statt. Es kamen immer mehr Bürger. Die waren noch nie in einer Kirche gewesen. Sie standen mit offenen Mündern. Es war andächtige Stille. Pause! Das war unbeschreiblich – einfach als Erlebnis. Ich möchte, dass wir da wieder mehr Mut haben und sagen: „Wir bieten Euch zur Eröffnung einen wunderbaren Festgottesdienst an.“ Das ist doch das, was wir am besten können.

Wollen Sie so die Mission in die kirchenfernen Neubaugebiete Potsdams tragen?

Asmus: Damit und auch durch andere Formen. In Frankfurt (Oder), Eisenhüttenstadt und im Osten Berlins sind von Kirchengemeinden gerade in Neubaugebieten Orte geschaffen worden, an denen Menschen sich begegnen können: Arbeitslosenfrühstück, Tafelgründungen oder kostenlose Kinderbetreuung. Das muss man aber wirklich wollen. Und mit „man“ ist eine ganze Kirchengemeinde gemeint, nicht nur ein Pfarrer, sondern das gesamte Leitungsgremium voran und die Gemeindeglieder wirklich von A bis Z. Viele müssen sich dafür interessieren, sie werden dafür gebraucht. Ich möchte dazu Anstöße geben. Erst einmal will ich kennenlernen, was es hier in den Stadtteilen alles gibt.

Wird es in Potsdam Gemeindezusammenlegungen oder Schließungen von kirchlichen Einrichtungen geben?

Asmus: Ich weiß, dass es da bereits Diskussionen gegeben hat. Potsdam ist nicht ganz fremd für mich. Aber bevor ich die Situationen nicht genau kennengelernt habe, kann ich dazu nichts sagen. Ich würde an die Frage aber gerne einmal anders herum ran gehen. Was wäre der Gewinn einer Fusion? Was zusammengelegt wird, bekommt manchmal ein ungeheures Wachstum und eine fröhliche Neugier auch auf Neues. Mir ist auch ganz wichtig, dass verstanden wird, dass ich nicht nur für die Stadt Potsdam da bin. Der Sprengel Potsdam mit seinen knapp 200 000 Mitgliedern besteht aus 14 Kirchenkreisen und erstreckt sich von der Uckermark im Nordosten bis zur Prignitz im Westen und dem Fläming im Süden.

Bei welchen Themen wollen Sie sich zu Wort melden?

Asmus: Kirche sollte bei gesellschaftlichen Themen, die der Alltag vorgibt, deutliches Profil zeigen. Wir wollen eine öffentliche Kirche sein. Also müssen wir den Menschen sagen, was wir haben, was wir denken, was wir glauben. Eine Zwei-Reiche-Lehre, die sagt, hier ist das Reich Gottes und hier ist das Reich der Welt, gibt es nach meinem Verständnis nicht. Es gibt nur das eine Reich Gottes, auch wenn es in ihm unterschiedliche Aufgaben gibt. Als Kirche wollen wir für die sprechen, die nur schwer für sich selbst sprechen können. Ich denke dabei an Fragen von Armut und Reichtum, an ökologische Themen und an den Rechtsextremismus. Ich bin immer noch Vorsitzende des Aktionsbündnisses Brandenburg gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Und das Thema Kohleabbaggerung ist für mich mit dem Ortswechsel nicht Vergangenheit. Es hat auch einen globalen Aspekt. Wenn die Konzerne nicht so viel Energie verkaufen würden, müsste nicht so viel produziert werden. Könnte die Zukunft nicht eher in regionalen Strukturen liegen, als in globalen Ausweitungen? Im Sprengel Potsdam sind Windenergie und Energiespeicherung in der Diskussion.

Ein Streitpunkt seit Jahren ist die Garnisonskirche…

Asmus: Ein Versöhnungszentrum an diesem Ort halte ich für sinnvoll. Dass das Grundstück wieder rückübertragen wurde, war richtig. Und dass aus dem ehemaligen SED-Vermögen Millionen fließen, verstehe ich als nachfolgende Gerechtigkeit nach zwei Diktaturschäden. Darüber freue ich mich sehr. Man sollte aber daran denken, dass es in Potsdam nicht nur diesen einen Ort der Versöhnung gibt. Es ist das Versöhnungswerk Christi, das unsere ganze Kirche trägt.

(MAZ vom 28.08.2010)

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