06.09.2010 | RELIGION: Peter und Paul im Kerzenlicht – 13 Gotteshäuser luden zur 6. Nacht der offenen Kirchen / Zeitzeugenprojekt

POTSDAM / INNENSTADT – Kopfschüttelnd quittierten die Gäste das, was sie auf der kleinen Leinwand sahen. Hatte er der ersten Sprengung noch widerstanden, fiel der Turm in der Breiten Straße im zweiten Versuch doch endgültig. Im Dokumentarfilm von Kurt Tetzlaff aus dem Jahr 1993 erlebten die Zuschauer am Samstagabend noch einmal, wie die Machthaber in

POTSDAM / INNENSTADT – Kopfschüttelnd quittierten die Gäste das, was sie auf der kleinen Leinwand sahen. Hatte er der ersten Sprengung noch widerstanden, fiel der Turm in der Breiten Straße im zweiten Versuch doch endgültig. Im Dokumentarfilm von Kurt Tetzlaff aus dem Jahr 1993 erlebten die Zuschauer am Samstagabend noch einmal, wie die Machthaber in der DDR alles daran gesetzt hatten, die Sprengung der Garnisonkirche „ohne Gegenaktionen“ zu erledigen. Bis zuletzt blieb das Vorhaben geheim. Die Stadtverordneten wurden erst am Morgen informiert; auf der Tagesordnung stand das Votum nicht. Vier von ihnen hatten im April 1968 den Mut besessen, gegen den Abriss der Ruine zu stimmen. Einer von ihnen, Gebhard Falk, war wesentlicher Gesprächspartner des Films, der zur nunmehr „6. Nacht der offenen Kirchen“ einen Zeitzeugenabend in der Garnisonkirchen-Ausstellung beendete.

Für die Fördergesellschaft zum Wiederaufbau der Garnisonkirche hat Simone Löbsin mit Zeitzeugen gesprochen. Ihr Bericht, der am Samstag ebenfalls vorgestellt wurde, soll demnächst als Broschüre veröffentlicht werden. Manche der von ihr Befragten befürworten einen Wiederaufbau des Gotteshauses; anderen lehnen ihn kategorisch ab. Während einige bei der Sprengung 1968 heimlich Anwesenden geweint hatten, regte sich im überwiegenden Teil der Bürgerschaft damals kein Widerstand.

Trotz des Regengusses am frühen Abend waren die Veranstalter mit dem Zuspruch der Nacht der offenen Kirchen zufrieden. „Wir mussten zwar die geplanten Touren mit den Elektrorädern zu einer zusammenfassen“, sagte Michael Kreutzer vom Stadtkirchenpfarramt, „aber das hat viel Spaß gemacht.“ Auch die Bus-Rundfahrt sei ein Erfolg gewesen. „Es hat sich bewährt, dass die Veranstaltungen in den Gemeinden nicht mehr zu einer festgelegten Zeit durchgeführt wurden“, so Kreutzer. Immer, wenn sich Gäste einfanden, begannen die Verantwortlichen flexibel mit Führungen, gaben Erläuterungen. Wie viele Besucher es insgesamt gab, werde die Auswertung erst in einigen Tagen ergeben.

Unter dem Motto „LebensTräume“ boten die 13 beteiligten Kirchen in der Nacht Gegensätzliches. St. Nikolai grüßte bereits von Weitem mit einem hellen Lichtring unterhalb der Kuppel. Wer nicht der Musik lauschen wollte, konnte aufsteigen. Von der Aussichtsplattform bot sich ein beeindruckender Blick aufs erleuchtete Potsdam. St. Peter und Paul blieb bis auf den Eingang im Dunkeln. Im Innern brannten wenige Kerzen, so dass man das große Gotteshaus bei der Führung in einer ungewöhnlichen Stimmung erleben konnte. (MAZ vom 6.09.2010, Von Sebastian Scholze)

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