21.03.2013 | Protest in Uniformen der Faschisten – Gruseliger „Mummenschanz“ beim Demokratiemarsch in Potsdam / Asmus: „Aberwitz!“

POTSDAM – Besinnlich-ruhiger Demokratiespaziergang? Von wegen. Am Vorabend des 80. Jahrestages des „Tages von Potsdam“ drohte der Rundgang zu den Gottesdienst- und Zeremoniell-Orten

POTSDAM – Besinnlich-ruhiger Demokratiespaziergang? Von wegen. Am Vorabend des 80. Jahrestages des „Tages von Potsdam“ drohte der Rundgang zu den Gottesdienst- und Zeremoniell-Orten des 21. März 1933 – von St. Peter und Paul zu St. Nikolai und zum früheren Standort der Garnisonkirche – nämlich an manchen Stellen fast zu eskalieren: Kritiker der Garnisonkirchen-Wiederaufbaus veranstalteten einen Mummenschanz, der extrem makabre Züge trug: Fackelträger in imitierter NS-Uniform; totenkopfähnlich geschminkte Gesichter; Pickelhaubenträger; rote Armbinden mit Garnisonkirchen-Emblem; immer wieder Stechschritt. Und immer wieder skandierte Rufe: „Protestantismus führt zu Faschismus!“

Zum ersten Mal tauchten die Figuren im Faschisten-Look am ehemaligen Standort der Synagoge am Platz der Einheit auf. Als Oberbürgermeister Jann Jakobs gerade zur Schweigeminute im Gedenken an die Holocaust-Opfer aufrief, nahm die Gruppe militärische Stellung ein und zückte ein großes Transparent mit einer Darstellung der Garnisonkirche. Aufschrift: „Vorwärts in die Vergangenheit“. Richtig gespenstisch wurde es dann vor St. Nikolai: Pfarrer Matthias Mieke und Harald Geywitz von der Nikolaigemeinde auf der großen Treppe; vor ihnen auf dem Platz die etwa 150 Menschen des Demokratiemarsches mit Kerzen in der Hand – und neben Mieke und Geywitz die Fackelträger wie gruselige NS-Mahnwachen. Der Hintergrund der Aktion? „Wir wollen zeigen, wie es sein könnte: Wenn die Garnisonkirche zum Wallfahrtsort für Rechtsradikale wird“, beantwortete einer der Männer – Fackel im stramm ausgestreckten Arm; Reichswehr-Helm – die Journalistenfrage.

Als „Agitpropaktion“ hatte die Gruppe mit Antifa-Hintergrund ihre Aktion („Wozu ’ne Garnisonkirche?“) im Internet angekündigt. Von Empörung bis zu Irritation reichte die Bandbreite der Reaktionen beim Demokratiemarsch: „Sind das jetzt Neo-Nazis oder wie?“, rätselten manche Teilnehmer.

Nachdem man den Auftritt der Fackelträger an der Nikolaikirche noch hingenommen hatte, gab es dann an der Breiten Straße an der früheren Garnisonkirche – Schauplatz des Handschlag-Fotos von Hindenburg und Hitler – fast ein Handgemenge: Als Generalsuperintendenten Heilgard Asmus zu ihrer Rede über die zwiespältige Rolle der evangelischen Kirchen ansetzte, versuchten sich die Pseudo-Nazis wieder heranzudrängen. Aber diesmal wurden sie abgedrängt, indem Männer wie Oberbürgermeister Jakobs und Stadtpräsident Peter Schüler einen Kreis um Asmus bildeten, so dass sie sprechen konnte. Anschließend wirkte die Generalsuperintendentin mitgenommen: „Den Militarismus zu kritisieren und sich dann so zu verkleiden, ist ein Aberwitz“, sagte Asmus am Ende der Veranstaltung. (Maz vom 21.03.2013, Von Ildiko Röd)

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