26.03.2009 | Potsdam soll wieder nach Venedig aussehen, nicht nach “Platte” – Bürgerengagement für die Garnisonkirche

Berlin – Dass Bürger sich zusammentun, um preußische Stadtkerne freizulegen, gar Millionenbeträge dafür spenden – das war lange Zeit kaum absehbar gewesen. Denn alles Preußische stand unter Verdacht: Von Bismarck zu Hitler, lautete das Verdikt, habe ein direkter Weg geführt. So hatten es die Alliier-ten gesehen, so lehrten es deut-sche Schulbücher. Die preußischen Staatsreformen, die

Berlin – Dass Bürger sich zusammentun, um preußische Stadtkerne freizulegen, gar Millionenbeträge dafür spenden – das war lange Zeit kaum absehbar gewesen. Denn alles Preußische stand unter Verdacht: Von Bismarck zu Hitler, lautete das Verdikt, habe ein direkter Weg geführt. So hatten es die Alliier-ten gesehen, so lehrten es deut-sche Schulbücher. Die preußischen Staatsreformen, die Aufklärung gingen dabei ebenso unter wie die Schönheit preußischer Bauten. Doch mit der Wiederaufstellung des Reiterdenkmals Friedrichs des Großen Unter den Linden in Ber-lin nahm eine Renaissance ihren Anfang.

In Potsdam haben sich 800 Menschen, darunter die Bundestagsabgeordnete Katherina Reiche (CDU), in der Fördergesellschaft Wiederaufbau Garnisonkirche zusammengeschlossen. Sie wollen zunächst den Kirchturm – früher die “Nase Potsdams” genannt – wieder aufbauen. Die im Jahre 1733 begonnene Hofkirche der Hohenzollern, die als Hauptwerk des Barock gilt, war das Mausoleum des Soldatenkönigs und Friedrichs des Großen; hier ließ sich Hitler mit einem Handschlag die Macht von Reichspräsident Hindenburg übergeben. Nachdem sie bei einem der letzten Bombenangriffe der Briten fast ausgebrannt war, wurde sie 1950 zunächst wieder in Betrieb genommen – und dann 1968 von den DDR-Behörden gesprengt.

Hier schien Stein geworden, was die Fördergesellschaft “die Verbindung von Gottesglauben und preußischen Tugenden” nennt – auch in Anspielung auf das große Glockenspiel des Amsterdamer Gießers Jan Albert de Grave, das 148 Jahre lang mit seinen 40 Glocken den Choral “Lobe den Herren” und das Lied “Üb immer Treu und Redlichkeit” über der Stadt erklingen ließ. “Alle theologischen, städtebaulichen und geschichtlichen Daten zeigen einem, dass die Garnisonkirche 246 Jahre deutscher Geschichte beinhaltet, die danach rufen, in bürgerschaftlichem Engagement den Wiederaufbau zu unterstützen,” sagt Reiche bei einem Frühstück gestern im Reichstagsgebäude, bei dem das Projekt unter Abgeordneten publik gemacht wurde. “Bürger finden zu ihrer Heimat zurück”, meint der Kopf des Fördervereins, der ehemalige Ministerialdirigent Johann-Peter Bauer, der kürzlich von Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) das Bundesverdienstkreuz für sein ehrenamtliches Engagement bekam. Für den Superintendenten der Berlin-Brandenburgischen Kirche, Joachim Zehner, ist die Garnisonkirche ein Symbol der Versöhnung; sein Vorgänger konnte sich lange nicht so begeistern.

Potsdam soll wieder nach Venedig aussehen, nicht nach Platte. Stadtschloss, Stadtkanal und Garnisonkirche bildeten das Herz der historischen Innenstadt – und sind der Schwerpunkt der Wiederherstellung. Viele Potsdamer haben einen Sommer lang in gleißender Hitze auf dem Alten Markt Steine geschleppt, um einen Anfang zu machen. Im letzten Jahr hat Bauer unter Beteiligung von Kirchen, Land und Kommune eine Stiftung gegründet, die das Geld für den Wiederaufbau des Turms sammeln soll. Ständig gab es Streit über das Projekt, das mehrfach zu kippen drohte. Der Weg ist noch weit. ml

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