20.03.2013 | Obermagistratsrat Bestehorn schlug die Garnisonkirche vor – Tag von Potsdam: Fragen und Antworten

POTSDAM – Der sogenannte „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 ging in die Geschichte ein als ein weiterer Schritt der Nationalsozialisten zur endgültigen Machtergreifung. An diesem Tag wurde

POTSDAM – Der sogenannte „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 ging in die Geschichte ein als ein weiterer Schritt der Nationalsozialisten zur endgültigen Machtergreifung. An diesem Tag wurde in der traditionsreichen Potsdamer Garnisonkirche der am 5. März gewählte neue Reichstag eröffnet. Im Vordergrund des Festaktes stand weniger der neue Reichskanzler Adolf Hitler als der 85-jährige Reichspräsident Paul von Hindenburg.

Warum war der „Tag von Potsdam“ so symbolträchtig?

Für das alte Preußen gab es keinen symbolischeren Ort als die Garnisonkirche in Potsdam mit den Gräbern Friedrich Wilhelm I. und Friedrich des Großen. Mit dem Festakt bemächtigte sich die nationalsozialistische Bewegung praktisch der gesamten preußischen Geschichte, einschließlich des deutschen Kaiserreichs – repräsentiert durch Hindenburg. Der war als junger Leutnant 1871 bei der Proklamation von Wilhelm I. zum deutschen Kaiser in Versailles dabei gewesen.

Warum wurde der Reichstag in Potsdam eröffnet?

Wegen des Reichstagsbrandes in der Nacht vom 27. zum 28. Februar 1933 stand der Reichstag in Berlin dafür nicht zur Verfügung. Am Morgen nach dem Brand machte Hitler persönlich den Vorschlag: Wir gehen nach Potsdam! Aber der Marmorsaal im Stadtschloss war für die rund 600 Abgeordneten des Reichstags zu klein und das Neue Palais zu baufällig. Wer kam auf die Idee mit der Garnisonkirche?

Der im Nachhinein aus Sicht der Nationalsozialisten geradezu brillante Einfall stammte gar nicht von ihnen selbst, sondern von der Potsdamer Stadtverwaltung. Obermagistratsrat Friedrich Bestehorn hatte am 1. März einen Anruf aus dem Reichsinnenministerium erhalten, ob er nicht einen geeigneten Raum wüsste. Bestehorn berichtet selbst: „Ich erbat eine halbe Stunde Bedenkzeit. Während dieser halben Stunde schweifte mein Blick nun über alle Großräume der Stadt und der Parks. Nie im Leben war ich mir einer größeren Verantwortung bewusst. Da schoss mir im letzten Augenblick der Gedanke an die Garnisonkirche durchs Gehirn.“

Wie reagierte Berlin darauf?

Reichsinnenminister Wilhelm Frick war begeistert. Es dauerte nur eine Stunde, bis Bestehorn das Okay bekam. Schon am nächsten Tag verkündete der Deutschlandsender, der Reichstag würde in der Garnisonkirche eröffnet. Weil man Angst hatte, die Abgeordneten könnten sich beleidigen und die Würde der Kirche beschädigen, fand dort aber nur die Eröffnungsfeier statt. Der Reichstag selbst tagte am Nachmittag in der Berliner Kroll-Oper.Also war Propagandaminister Joseph Goebbels gar nicht der große Strippenzieher?

Für die Organisation war vor allem das Innenministerium zuständig. Goebbels hatte aber ganz entscheidenden Anteil an der Verbreitung durch die Medien und an der Rundfunkübertragung.

Waren eigentlich alle Potsdamer von Hitler begeistert?

Neben Abordnungen von Schulen, Verbänden und Vereinen gingen am 21. März Zehntausende von Schaulustigen auf die Straße. Die wollten dieses Riesenereignis einfach sehen. Traditionell war Potsdam „deutsch-national bis in die Knochen“, sagt der Historiker Kurt Baller aus Bergholz-Rehbrücke. „So doll war es mit Hitler in Potsdam bis zum Ende nicht, Hindenburg war beliebter.“ Dass Potsdam keine ausgesprochene Nazi-Hochburg war, zeigt die Reichstagswahl vom 5. März: Mit 43,9 Prozent lag die NSDAP in Potsdam genau im deutschen Schnitt, in Nowawes hatte sie sogar nur 33,1 Prozent bekommen. (MAZ vom 20.03.2013, von Klaus Stark)

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