14.08.2013 | Längen, Höhen, Breiten

Wie waren die genauen Ausmaße der Garnisonkirche? Andreas Kitschke und Bernd Redlich erstellten das genaue Aufmaß der Barockkirche und ermöglichen somit deren Rekonstruktion

Wie waren die genauen Ausmaße der Garnisonkirche? Andreas Kitschke und Bernd Redlich erstellten das genaue Aufmaß der Barockkirche und ermöglichen somit deren Rekonstruktion

Darüber besteht Einigkeit: Die Potsdamer Garnisonkirche soll äußerlich so wiederentstehen, wie sie einmal war. Doch wie war sie? Wie waren die genauen Abmessungen der von Johann Philipp Gerlach (1679 -1748) entworfenen größten Barockkirche nördlich der Alpen? Wie sind die genauen Ausmaße der Gesimse, der Fenster, der Mauern? Höhen, Breiten, Tiefen – all dies wollen die Bauingenieure genau wissen, wenn ab Frühjahr 2014 an der Breiten Straße gebaut wird. Exakte Angaben in Millimeter, darum geht es.

Mit diesen Fragen hat sich wie kein zweiter der Potsdamer Architekt und Bauhistoriker Andreas Kitschke beschäftigt. Seit Jahrzehnten erforscht der 58-Jährige die Garnisonkirche, schon im zehnten Jahr nach ihrer Sprengung veröffentlichte er 1978 in den „Brandenburgischen Neuesten Nachrichten“ einen ersten Artikel über die Militärkirche. Der Titel, unter Zensurbedingungen formuliert: „Hof- und Garnisonkirche: Vor gut 10 Jahren wurde ihre Ruine abgetragen“.

Nun hat Kitschke all sein Wissen zusammengetragen. Gemeinsam mit seinen Kollegen vom Potsdamer Architekturbüro Bernd Redlich hat er das Aufmaß für die Garnisonkirche erstellt und dem Architekturbüro Hilmer & Sattler und Albrecht zur Verfügung gestellt, unter dessen Ägide zunächst der 88 Meter hohe Turm bis 2017 wiederentstehen soll. Ohne Kitschkes Lebenswerk würde es wohl kaum die Kirche, die sie einmal war. Zu ungenau sind die überlieferten Daten in den über einen Kilometer langen Akten-Reihen in mehreren Archiven, als das es ohne Kitschkes Wirken eine angemessene Rekonstruktion geben könnte. Redlich lobt die jahrzehntelange Forschungsarbeit seines Büro-Kollegen: „Da steckt jede Menge unbezahlbares Vorwissen drin.“

Es geht schon damit los, dass viele frühere Angaben in preußisch-rheinländischen Fuß angegeben sind. Ein Fuß sind etwa 0,314 Meter. Ferner ist die Kirche nicht in jedem Fall so gebaut worden, wie es in den überlieferten Bauzeichnungen steht. Zudem: „Es wurden zu jeder Zeit Fehler beim Messen gemacht“, verrät Kitschke. Daher musste er sich beim Erstellen des Aufmaßes immer fragen: „Was ist logisch? Was ist konstruktiv?“

Wichtige Informationen brachte die Auswertung von im Jahr 1911 gemachten Messfotos von der Garnisonkirche, die zwei Weltkriege überstanden und sich heute im Landesdenkmalamt in Wünsdorf befinden. Die Fotoplatten sind 40 mal 40 Zentimeter groß und haben eine Tiefenschärfe, die noch heute erstaunen lässt. Dennoch traten immer wieder Differenzen zu Maßangaben in anderen Quellen zutage. „Da muss man eine Entscheidung treffen“, bekennt Redlich. Dies betreffe auch die Frage, welcher Zustand der Garnisonkirche rekonstruiert werden soll. Kitschke: „Wir können sie ja nicht zur einen Hälfte wie aus der Zeit des Soldatenkönigs und die andere Hälfte barock machen.“

Eine weitere Quelle stellen die Aufmaße dar, die der VEB Landbauprojekt Potsdam unter Joachim Briesemann noch in den 1960er-Jahren vom Turm der Barockkirche nahm. Somit ist, freut sich Kitschke, zumindest der Zustand der Ruine kurz vor der Sprengung gut dokumentiert. Eine weitere Quelle für die Arbeit von Kitschke und Redlich stammt vom Denkmalpfleger Friedrich Mielke, der 1991 zum Potsdamer Ehrenbürger ernannt wurde. Mielke hatte das Dach des Kirchenschiffes untersucht – einschließlich der Querschnitte der Hölzer. Gefunden haben die beiden Potsdamer Architekten die Zeichnungen Mielkes im Staatsarchiv in Berlin-Dahlem, nicht etwa in Potsdam. Der Grund: Mielke hatte Potsdam und die DDR in den 1950er-Jahren verlassen und war in den Westteil Berlins übergesiedelt. Seine detaillierten Zeichnungen von der Garnisonkirche, die die Rekonstruktion der Dachkonstruktion nach dem Original ermöglichen, nahm Mielke damals mit. Das Dach des Kirchenschiffes empfindet Kitschke noch heute überwältigend: Das Dachgebälk war mit einer Höhe von 17 Metern genauso hoch wie der untere Hauptteil des Schiffes.

Mit Kirchen kennen sich Redlich und Kitschke aus: So begleiteten sie bereits die Sanierung der Potsdamer Nikolaikirche. Zu den gegenwärtigen Herausforderungen des Büros Redlich gehört die Rekonstruktion der Fassade des Palazzo Pompei an der Alten Fahrt. (Potsdamer Neueste Nachrichten, 14.08.2013, von Guido Berg)

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