11.06.2015 | "Kriegerische Gewalt nicht hinnehmen"

Der Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung Garnisonkirche, Prof. Dr. Wolfgang Huber, spricht in der Nagelkreuzkapelle Potsdam zu Dietrich Bonhoeffers Bedeutung für uns heute. 

Wolfgang Huber gibt gerne Antworten auf Fragen der Gegenwart und erdet sie mit Ereignissen der Vergangenheit. Ein Zeugnis seiner enormen Urteilskraft konnten die Zuhörer seines Vortrags „Zur Friedensethik Dietrich Bonhoeffers“ verfolgen. In der Potsdamer Nagelkreuzkapelle sagte der vormalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf Nachfragen, in den Debatten wie gegen den Islamischen Staat (IS) vorzugehen sei, wolle er rechtserhaltende Gewalt durchaus gelten lassen. Selbst, wenn die Ergebnisse von militärischem Eingreifen nicht immer eindeutig, sondern zwiespältig wie in Afghanistan seien, müsse man rechtsverachtende Gewalt nicht einfach hinnehmen. Bonhoeffer habe zwar den Kriegsdienst für sich selbst ausgeschlossen, aber er wollte durchaus „dem Rad in die Speichen fallen und nicht nur die Opfer unter dem Rad verbinden“, wie der von den Nazis am 9. April 1945 ermordete Theologe einmal sagte.

Krieg vom Frieden her denken

 Huber, der von 1994 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz war, ging auch auf Konflikte der Gegenwart und die Auslandseinsätze der Bundeswehr ein: Die militärischen Auseinandersetzungen  in der Ostukraine könnten nur diplomatisch gelöst werden, denn das Problem des Krieges müsse vom Frieden her gedacht werden. „Krieg kann niemals ein zureichendes Mittel zum Frieden sein“, sagte er wörtlich, -und gerade Soldaten und Soldatinnen erführen das bei ihren Einsätzen. Bei einem Besuch in Bosnien in den 90iger Jahren habe er gesehen, wie dort mit Hilfe der Soldaten Schulen gebaut worden seien.  Eine nützliche und befriedigende Aufgabe für die Beteiligten und das Land. „Gewaltfreies Handeln durch die Bundeswehr gibt es eben auch“, urteilte Huber. Zu unbemannten Kampfdrohnen habe er eine kritische Haltung, denn damit würde die rechtliche und moralische Situation für ein Friedenshandeln untergraben.

Gewissensentscheidung  und Friedenswagnis

Bonhoeffer habe niemals ein Heiliger sein wollen, so wie er heute oft dargestellt werde, sondern ein Mensch jenseits jeder Lichtgestalt. Er wollte glauben lernen. So irdisch und lebensbejahend müsse man heute Bonhoeffer verstehen. Das bedeute für ihn selbst: “Dass man mit Lebensfreude glauben kann, das möchte ich von ihm lernen“, sagte der Referent vor den etwa 40 Zuhörern.

Der Berliner Professor hatte schon zu Beginn seiner Ausführungen klar gemacht, dass Bonhoeffer selbst nicht habe ahnen können, dass sein Tod für Theologie und Kirche bis heute ein Gewinn sein würde.  Der englische Bischof George Bell habe nach dem Krieg voll Anerkennung geschrieben, „das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche“, aber alle ethischen Wertungen des Glaubenszeugen träfen nicht völlig zu. Bonhoeffer habe sich eben nicht von der Kirche zur Welt entwickelt, er habe nicht allein dafür plädiert, Christen müssten „Kirche für andere sein“. Auch habe es bei ihm keine einlinige Entwicklung vom Pazifismus zum Widerstand im Nationalsozialismus gegeben, wie oft über ihn zu lesen sei. Bei Bonhoeffer komme es auf eine situationsbezogene Gewissensentscheidung an. Er und seine Freunde im Widerstand gegen Hitler hätten sich dafür entschieden, aber Bonhoeffers Friedensvorstellungen seien berechtigterweise visionär gewesen. Der Frieden habe ihm immer als ein Wagnis gegolten. Passive Hinnahme von Gewalt sei Bonhoeffers Sache nicht gewesen, aber seine Ethik meine ein Friedenshandeln, das vom Vorrang der Gewaltlosigkeit geprägt sei. Zur aktuellen Friedensverantwortung heute gehöre es, sich der Frage zu stellen: Wie könne der Brand der Gewalt, den man an vielen Orten der Erde sehe, gelöscht werden?

Huber hatte seinem Publikum schon zu Beginn beschrieben, dass der 1906 geborene Dietrich Bonhoeffer lebenslang mit der Friedensfrage beschäftigt gewesen war: Im 1. Weltkrieg war sein ältester Bruder gefallen, was in der Familie tiefe Spuren hinterließ. Schon bei einem Studienaufenthalt in den USA  habe der Theologe sich mit dem Pazifismus eingehend beschäftigt. Im Widerstand gegen die Nazis ist es bereits ab 1939 um eine schnelle Kriegsbeendigung gegangen. Bonhoeffer war wegen seiner Teilnahme an der Verschwörung gegen Hitler im Konzentrationslager Flossenbürg kurz vor Kriegsende mit anderen am Umsturz beteiligten Militärs erhängt worden.

Den gesamten Vortrag finden Sie hier zum Nachlesen.

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