10.09.2012 | Kontroverse nach Lesung von Frank Baier im „Sputnik“

Innenstadt – Einen Friedensdom als Alternative zu den Plänen für eine wiederaufgebaute Garnisonkirche kann sich Frank Baier vorstellen. Der Autor, promovierter Astronom

Innenstadt – Einen Friedensdom als Alternative zu den Plänen für eine wiederaufgebaute Garnisonkirche kann sich Frank Baier vorstellen. Der Autor, promovierter Astronom, las Mittwochabend in der Buchhandlung „Sputnik“ in der Charlottenstraße aus seinem Taschenbuch „Die Garnisonkirche braucht niemand“. 45 Minuten dauerte die Lesung, anschließend gab es eine teils kontroverse Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern des Wiederaufbaus der Militärkirche.

Der Gedanke des Friedensdoms stammt vom österreichischen Künstler DE ES Schwertberger. Das kuppelartige Gebäude mit dem Grundriss eines vierblättrigen Kleeblatts solle „ein Haus der Inspiration im Dienste der Verwirklichung der Menschheitsträume, Welteinheit, Weltfrieden und Weltkultur“ sein. Schwertbergers Idee hatte Hedwig Raskob vom Potsdamer Verein „Friedensspirale“ ins Spiel gebracht. Wie Baier gehört die seit zehn Jahren in Potsdam lebende 75-Jährige zur Initiative „Potsdam ohne Garnisonkirche“. „Ein eindeutiges, von der Gestalt her bauchiges statt phallisches Gebilde würde eher für Leben und Lebensschutz Zeugnis geben“, meint die Aktivistin auf der Internetseite ihres Vereins. Auf ihre Frage an die Wiederaufbau-Befürworter nach dem Grund ihrer Bestrebungen erhielt Raskob eine vage Antwort: „Wir würden nicht wie heute über die Vergangenheit diskutieren, wenn das Rechenzentrum dort stehen bleibt. Geschichte darf man nicht zudecken“.

Baier stellt im Buch anhand zahlreicher Zitate dar, dass seit der Zeit Friedrich Wilhelms I., der die Garnisonkirche 1730-1735 nach Plänen des Architekten Philipp Gerlach bauen ließ, Potsdam mit der Garnisonkirche ein Ausgangspunkt verheerender Kriege war. Der Autor sieht einen roten Faden von Friedrich II. über das Kaiserreich zu Hitler, ja bis in das heutige Deutschland: „Wir erleben gegenwärtig, welche sehr schlimmen Resultate die Verharmlosung und Duldung der rechtsextremistischen bis neofaschistischen Kräfte in unserem Land erzeugte.“ In der Diskussion muss sich der Autor den Vorwurf der Weltfremdheit gefallen lassen und gar der Falschdarstellung, wenn er unter anderem behauptet, „aus einem Flugzeug der deutschen Bundesluftwaffe“ seien in Kunduz 142 Menschen getötet worden. Mit Schaudern dürften mit Potsdam verbundene Leser eine Passage über den Luftangriff der Royal Air Force am 15. April 1945 zur Kenntnis nehmen. „Potsdam besteht nicht mehr“, lautete die Meldung des Hauptquartiers. Laut Baier entsprach die Konsequenz für Potsdam der Meinung des irischen Dramatikers George Bernard Shaw, der während des Ersten Weltkrieges geäußert haben soll: „Es gibt Städte, die verdienen ausgelöscht zu werden. Eine davon ist Potsdam.“ Als Garnisonkirchen-Pfarrerin Juliane Rumpel die Darstellung als einseitig und wissenschaftlich unkorrekt bezeichnet, räumt Baier ein: „Es ist nicht ausbalanciert.“ Aus diesem Grunde formuliert er zur Sprengung der noch stabilen und kunsthistorisch wertvollen Ruine der Garnisonkirche wohl nur diesen einzigen Satz: „Im Juni 1968 wurde in Potsdam/DDR die Ruine der Garnisonkirche abgeräumt.“

Der Moderator der Lesung, Michael Brix, laut Visitenkarte Oberst a.D., stellt am Ende die Unversöhnlichkeit von Befürwortern und Gegnern des Wiederaufbaus fest. In Baiers Text liest sich das so: „Wir wollen uns mit dem in der Potsdamer Garnisonkirche gepflegten Geist nicht versöhnen, denn diese Kirche war immer eine Kirche für das Militär und steht für die Verkettung dreier Kreuze: des christlichen Kreuzes mit dem Eisernen Kreuz und schließlich auch mit dem Hakenkreuz 1933.“ (PNN vom 10.08.2012, von Günter Schenke)

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