03.09.2015 | Kirche kann nur im Büßergewand dastehen

Kirche kann nur im Büßergewand dastehen. In der Potsdamer Nagelkreuzkapelle wurde  am Weltfriedenstag  des Kriegsbeginns vor 76 Jahren gedacht

In der Potsdamer Nagelkreuzkapelle wurde  am Weltfriedenstag  des Kriegsbeginns vor 76 Jahren gedacht

Als der Zweite Weltkrieg am 1. September 1939 begann, war Paul Oestreicher 12  Jahre alt. Seine Eltern sagten ihm damals, ab jetzt werde die Welt nie wieder so sein, wie sie war. Solche Erfahrungen vom Kriegsbeginn vor 76 Jahren schilderte Dr. Oestreicher in einem Friedensgebet in der Nagelkreuzkapelle in Potsdam am Abend des 1. September. Er kritisierte seine Kirche scharf, als er fragte: „Was haben wir zum Frieden in dieser Welt beigetragen? - Sehr, sehr wenig.“ Die offizielle Kirche habe immer wieder zum Krieg geschwiegen und nur ganz wenige Christen hätten den Mut gehabt, „nein“ zu sagen. Im Zweiten Weltkrieg sei grausames Unrecht geschehen, Massentötungen von Zivilisten, widerrechtliche Angriffe bis hin zu den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. „Das war kein gerechter Krieg mehr, -  auf der Seite der Gerechten“, urteilte der anglikanische Pfarrer und frühere Leiter des Versöhnungszentrums in Coventry (England). „Eigentlich kann die Kirche nur dastehen im Bußgewand“, mahnte der international hoch angesehene Theologe. 

Oestreicher sprach sich nicht gegen das Militär schlechthin aus. „Der Soldat ist einer von uns“, sagte er. Soldaten könnten Friedensbringer sein. Die Politik müsse aber den Anspruch und die Möglichkeiten der christlichen Liebe erkennen. Glauben und Hoffnung habe nur Sinn, wenn Menschen die Liebe Gottes annehmen. Dann könne auch eine ehemalige Garnisonkirche zur Stätte der Liebe und Vergebung werden. Damit gab der Geistliche, der auf einem einfachen Pullover das silberne Nagelkreuz der gleichnamigen internationalen Bewegung trug, dem Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam seine Stimme. „Hören wir nicht auf zu glauben, zu hoffen und in der Liebe geborgen zu bleiben“, appellierte er an die tief beeindruckten Zuhörer. Nach dem Friedensgebet präzisierte Oestreicher seine Unterstützung des Wiederaufbaus: Er wisse zwar nicht, ob die Kirche wiedererstehen werde oder es auch solle, aber es komme allein darauf an, was kommende Generationen aus dem für Potsdam bedeutenden Gotteshaus machten.  Nagelkreuzpfarrerin Cornelia Radeke-Engst hatte im Ablauf dafür gesorgt, dass mehrere Besucher Kerzen zum Gedenken an den Kriegsbeginn anzündeten, unter ihnen Militärbischof Dr. Sigurd Rink, der Friedensbeauftragte der EKD, Renke Brahms und eben Paul Oestreicher.

Zur Information: Die Nagelkreuzkapelle steht am ehemaligen Standort der Potsdamer Garnisonkirche, die am 14. April 1945 bei einem Angriff alliierter Bomber in Brand geriet, schwer beschädigt und 1968 durch eine Verfügung der DDR-Staatsorgane unter Walter Ulbricht gesprengt wurde. Der Wiederaufbau der traditionsreichen preußischen Kirche  wird von der Stiftung Garnisonkirche Potsdam, der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche und der lokalen Initiative Bündnis Potsdamer Mitte („Mitteschön“) betrieben. 

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