14.03.2013 | Kerzen statt Fackeln – 80 Jahre nach dem „Tag von Potsdam“ wird über die Kirchen gestritten / Antifa kündigt Kritik an

Sie rechnen mit Kritik und Protest. Wenn am Vorabend des 80. Jahrestages des „Tages von Potsdam“ die Kirchen der Landeshauptstadt zu einem Gedenkspaziergang einladen, sind

Sie rechnen mit Kritik und Protest. Wenn am Vorabend des 80. Jahrestages des „Tages von Potsdam“ die Kirchen der Landeshauptstadt zu einem Gedenkspaziergang einladen, sind sich die Initiatoren der Problematik bewusst. „Es ist schwierig, an diesem Tag etwas zu machen, was missverstanden werden kann“, sagt Matthias Mieke, Pfarrer der Nikolaikirche. „Und wir stellen uns der Diskussion mit denen, die es missverstehen wollen“, fügte er hinzu, als am gestrigen Mittwoch die Idee des Gedenkspaziergangs offiziell vorgestellt wurde.

Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten: Fast gleichzeitig kündigte ein neu gegründetes antifaschistisches Bündnis eine differenzierte und kritische Veranstaltungsreihe zum 80. Jahrestag des „Tages von Potsdam“ an. Dabei soll sich dem Mythos Preußen kritisch genähert und ein Geschichtsbild angriffen werden, das den Nationalsozialismus isoliert betrachte. Den von den Kirchen geplanten „Demokratiespaziergang“ bezeichnete das Antifa-Bündnis als „mehr als geschmacklos“. Mit dem Marsch, der wie am 21. März 1933 die Garnisonkirche als Ziel hat, solle nichts anderes demonstriert werden als den bedingungslosen Willen des Wiederaufbaus der Kirche.

Hingegen wollen die Potsdamer Kirchen als Initiatoren des Gedenkspazierganges den „Tag von Potsdam“ nicht mehr länger nur auf ein Kapitel in der Geschichte der Garnisonkirche reduziert sehen. Zwar wird mit dem von den Nationalsozialisten inszenierten Handschlag zwischen Reichspräsident Hindenburg und Adolf Hitler vor der Garnisonkirche vor allem das 1968 abgerissene Kirchenhaus als Ort der Schande gesehen. „Doch haben auch andere Potsdamer Kirchen und die Stadt an diesem Tag Schuld auf sich geladen“, so Pfarrer Mieke. „Die Rolle der Kirchen war zwiespältig“, sagt er.

Vor 80 Jahren begann der Tag mit zwei Gottesdiensten in der katholischen Kirche St. Peter und Paul am Bassinplatz sowie in der evangelischen Nikolaikirche auf dem Alten Markt, an denen Abgeordnete des gerade gewählten Reichstages teilnahmen. „Die Predigt in der Nikolaikirche zeigt in markanter Weise die Haltung der Kirche“, sagt Mieke. So predigte der damalige Pfarrer die Stärke des Staates, in dessen Angelegenheit die Kirche nicht reinzureden habe. Zwar wurde als Grenze Gottes Gebot betont, doch zeige die Andacht die problematische Haltung der Kirche unmittelbar vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten.

Der Spaziergang am 20. März um 19 Uhr zeichnet den Weg nach, den die damaligen Teilnehmer der Gottesdienste zur Garnisonkirche bestritten. Er beginnt an der Kirche am Bassinplatz, führt über den Alten Markt zur Breiten Straße. Dort „begreift sich die Garnisonkirchengemeinde als funktionierende Kirche, die nicht umhin kommt, sich mit dem Tag von Potsdam zu beschäftigen“, sagt Pfarrerin Juliane Rumpel. Am kommenden Mittwoch sollen sich Potsdamer für Demokratie in Bewegung setzen – auf der Strecke, auf der vor 80 Jahren die Demokratie verloren ging: Nur zwei Tage nach dem Potsdamer Schauspiel wurden am 23. März 1933 durch Hitlers Ermächtigungsgesetz die gewählten Parteien des Reichstags entmachtet und die Demokratie abgeschafft. Daher soll in der kommenden Woche der Spaziergang Mahnung sein: Kein Jubel-Marsch mit Fackeln wie vor 80 Jahren, sondern ein Erinnerungszug mit Kerzen. „Potsdam steht jedes Jahr vor der Herausforderung, wie die Stadt an den 21.März 1933 erinnert und mahnt“, sagte gestern Ursula Löbel, die im Rathaus Leiterin der Geschäftsstelle der Sicherheitskonferenz ist. Der Gedenkspaziergang sei eine gute Möglichkeit zu zeigen, wie Demokratie im öffentlichen Raum gelebt werden kann. (PNN vom 14.03.2013, von Peter Könnicke)

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