24.08.2012 | Keine Misstöne im heiligen Bim-Bam – Tondesigner wollen Garnisonkirchen-Geläut auf Nachbarkirchen abstimmen / Bauvorbereitungen konkret

POTSDAM – Das große Geläut aus vier Glocken, das im Turm der rekonstruierten Garnisonkirche hängen könnte, soll sich harmonisch in die Klanglandschaft der umliegenden Kirchen

POTSDAM – Das große Geläut aus vier Glocken, das im Turm der rekonstruierten Garnisonkirche hängen könnte, soll sich harmonisch in die Klanglandschaft der umliegenden Kirchen einpassen. Dazu will die Stiftung Garnisonkirche Potsdam noch in diesem Jahr ein Glockengutachten einholen, wie Verwaltungsvorstand Peter Leinemann der MAZ sagte. Das technische Vorgehen ist erstaunlich: Ein Gutachter wird alle Glockenklänge der benachbarten Kirchen aufnehmen, in ein Computerprogramm einspielen und die künftigen Garnisonkirchen-Glockenklänge drunter mischen. Das sind die Noten As, C, Es und F. „Es soll keine Disharmonien geben“, sagt Leinemann.

Kirchenglocken sind rund um die künftige Garnisonkirche aus allen Himmelsrichtungen zu hören, wenn man die Ohren spitzt. Peter-und-Paul-, Erlöser-, Nikolai- und Friedenskirche verbreiten sich bis in den Klangkegel der Garnisonkirche.

Notfalls, so Leinemann, müsse man den Klang der noch zu gießenden großen Glocken leicht verändern, um schräge Töne auszuschließen. „Wir müssen keine 1:1-Kopien der alten Glocken herstellen.“ Die vier bronzenen Klangkörper werden von außen nicht zu sehen sein, weil sie hinter Holzblenden versteckt sind. Nicht zu verwechseln ist das Großgeläut mit dem berühmten Glockenspiel, das die Garnisonkirche zierte – es war gut von außen zu sehen. Seine Replik steht auf der Plantage, also unweit der Kirche.

Die Klangfarbenfrage muss schon jetzt geklärt werden, erläutert Stiftungsvorstand Leinemann, weil die zig Tonnen schwere Anlage einen kräftigen Turmfuß erfordert – und den Bauantrag will die Stiftung noch im September einreichen. Auch sonst ist der Zeitplan knapp. Im August 2013 soll, so plant die Stiftung, der Bau der Fundamente des Turms beginnen. Dann ist genug Zeit bis zum Anbruch der Frostperiode. 2017 ist als Datum für die Einweihung geplant, bestätigt Leinemann.

Die Stadt ihrerseits müsste – und davon geht die Stiftung aus – bis Juli 2013 die Breite Straße im Bereich des Turmes verlegt haben. Dies ist erforderlich, weil der Turm in die bisherige Straße hineinragen würde. „Hand in Hand“ mit der Stadtverwaltung arbeite die Stiftung in dieser Frage, so Leinemann, der das Engagement aus dem Rathaus ausdrücklich lobt.

Was noch fehlt, ist das nötige Geld zum Wiederaufbau. Auf 40 Millionen Euro beziffert die Stiftung die Bausumme für den Turm, 60 Millionen soll die ebenfalls anvisierte Rekonstruktion des Kirchenschiffes kosten. Den 100 Millionen Euro Investitionsbedarf stehen bislang gut zwei Millionen Euro Landeszuwendungen entgegen aus ehemaligem SED-Vermögen. Eine Million Euro spendete ein Mitglied der Siemens-Familie. Außerdem hinterließ eine Dame, die Mitglied in der Fördergesellschaft Garnisonkirche war, 700 000 Euro und eine Eigentumswohnung im Wert von 300 000 Euro. Große Hoffnungen setzen die Rekonstruktions-Aktivisten in die fünf oder mehr Millionen Euro, die der Unternehmer Peter Niedner (78) angekündigt hat, sollte er einen kapitalen Schadenersatzprozess gegen das Land Brandenburg gewinnen oder eine üppige Vergleichssumme erhalten. Dazu freilich muss Niedner Recht bekommen. Und das kann dauern.

Großes Vorbild der Garnisonkirchen-Stifter ist die Frauenkirche in Dresden. Deren Wiederaufbau war von einer breiten Zustimmung getragen, die einzelnen Schritte wurden professionell vermarktet. Zugpferd war Trompeter Ludwig Güttler. Am Ende konnten zwei Drittel der Investitionssumme aus Spenden finanziert werden.

Die Stiftung hofft auf eine Eigendynamik, wenn die Fundamente aus dem Boden ragen. Deshalb hat die Stiftung ihrem Vorstand zufolge das meiste bislang gespendete Geld in unmittelbar Sichtbares investiert: Eine temporäre Kapelle, einen Torbogen, einen Teil der Balustrade und Teile der Turmuhr. „Wir wollen Materialität schaffen“, sagt der theologische Vorstand der Stiftung, Martin Vogel. TV-Moderator Günther Jauch spendierte eine Einfassung für das erhalten gebliebene schmiedeeiserne Portal.

Zur Deckung des laufenden Betriebs der Garnisonkirche – etwa für einen Pastor, Beleuchtung und Werbung – sollen die Zinserträge aus einem separaten Stiftungskapital dienen. Laut Vorstand wären fünf Millionen Euro Stiftungskapital nötig. Mehr als 640 000 Euro sind zu diesem Zweck aber noch nicht zusammengekommen. Landeskirche, Kirchenkreis, die evangelische Militärseelsorge und andere haben Geld eingezahlt. In Arbeit ist auch die markante Wetterfahne des Gotteshauses. Die Fördergesellschaft zum Wiederaufbau der Kirche lässt eine Kopie anfertigen. Die Kosten für das symbolträchtige Kunstwerk belaufen sich auf rund 140 000 Euro.

Es gibt immer etwas zu tun. Jetzt suchen die Wiederaufbau-Aktivisten nach zehn Jahre abgelagerten Eichenbalken für den Glockenstuhl. Der soll, so Stiftungsvorstand Leinemann, den Klang besonders gut aufnehmen. Misstöne gab es in Sachen Garnisonkirche beileibe schon genug.

Fahrstuhl in die Turmspitze:

Die Glocken: Ein richtiges großes Kirchengeläut hatte die Garnisonkirche nur von 1939 bis zu ihrer Zerstörung. Es soll im Zuge der Rekonstruktion eingebaut werden. Räumlich dürfte es im Turm enger zugehen als früher, denn ein Fahrstuhl soll eingebaut werden und Gehbehinderten den Besuch der Aussichtsplattform erleichtern. Wegen der Schwingungen des Gebälks beim Leuten, soll der Fahrstuhl nur bei Stille im Glockenstuhl in Betrieb sein.

88 Meter war der Turm hoch. Mit Nikolai- und Heilig-Geist-Kirche stand er praktisch auf einer Geraden. Manfred Stolpe sagte: „Er fehlt wie einem Gesicht die Nase.“

(MAZ vom 24.08.2012, Von Ulrich Wangemann)

Zurück


zum Seitenanfang