14.08.2013 | Keine Landesmittel für Garnisonkirche

Die Linke in Brandenburg will den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche nicht mit Landesmitteln unterstützen. Es würde kein öffentliches Geld bereitgestellt, betonte Fraktionschef

Die Linke in Brandenburg will den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche nicht mit Landesmitteln unterstützen. Es würde kein öffentliches Geld bereitgestellt, betonte Fraktionschef Christian Görke. Die MAZ hat Stimmen gesammelt – auch bei Menschen, die die Kirche noch selbst erlebt haben.

 Potsdam. Der im Zweiten Weltkrieg zerstörte Bau gilt als Symbol der Verbindung von Preußentum und Nationalsozialismus. Die Bundesregierung will den Wiederaufbau mit zwölf Millionen Euro fördern. Görke nannte das „Wahlkampfakrobatik“ und verwies darauf, dass der Etat erst nach der Bundestagswahl am 22. September verabschiedet werde.

 Potsdam hat den Wiederaufbau der in der DDR als Kriegsruine gesprengten Garnisonkirche genehmigt. Schon 2017 soll die Replik des prägnanten Barockturms mit einer spektakulären Aussichtsplattform eingeweiht werden.

Der Wiederaufbau der Garnisonkirche ist mit der Ankündigung des Bundes, zwölf Millionen Euro zuzuschießen, in greifbare Nähe gerückt. In der Stadt hat der Vorstoß vom Montag erneut eine heftige Debatte entfacht: Steuermittel für das Symbol des Schulterschlusses von Konservativen und Hitler 1933? •••

Generation Schulterzucken: Viele Zeitzeugen sehen die Garnisonkirche erstaunlich distanziert

Spielenachmittag im Pflegewohnstift City-Quartier am Hauptbahnhof. Christina Voigt (79) ist beim Mensch-ärgere-dich-nicht am Zug. In den Kriegswirren musste sie ihre Heimat Oberschlesien verlassen, in Potsdam fand sie ein neues zu Hause ‒ zwei Türen neben der Garnisonkirche. Ob sie den Bau vermisst? Christina Voigt zuckt mit den Schultern. “Das ist vorbei. Das ist doch alles längst erledigt”, sagt sie. “Aber wenn das Geld für den Wiederaufbau da ist, warum nicht?”

Von Melancholie ist wenig zu spüren, wenn Christina Voigt von der Garnisonkirche erzählt. Dabei war die Ruine 20 Jahre lang der Wächter über den Alltag ihrer Familie. “Wie oft ich dort vorbeigegangen bin! Unzählige Male, an einem Tag allein drei, vier Mal, und meine Kinder haben rund um die Kirche gespielt.” Der Anblick des gekappten Turms, des ausgebrannten Schiffs gehörte einfach zum Leben in Potsdam, sagt Christina Voigt. Ab und an lugte sie beim Gottesdienst durchs Portal, einmal entdeckte sie eine Hochzeit und blieb eine Weile staunend stehen. “Da war immer noch Leben”, erzählt sie. “Die Garnisonkirche war ein sehr schönes, sehr sehenswertes Haus. Der Abriss war natürlich nicht nötig. Aber so ist es nun einmal gekommen.”

Noch bevor die Ruine 1968 auf Geheiß der SED gesprengt wurde, zog Christina Voigt weg aus Potsdam. Vom Abriss erzählen ihr damals die schon erwachsenen Kinder ‒ dann ging das Leben einfach so weiter. Über den Wiederaufbau der Kirche redet man in der Familie heute nicht, meint Christina Voigt. Auch in ihrem Bekanntenkreis im Wohnstift sei das kein Thema. Dabei kennen viele Bewohner den Barockbau von Kindesbeinen an.

Etwa die Dame, die nebenan beim Rommee sitzt, ihren Namen aber nicht so gern in der Zeitung lesen möchte. “Der Wiederaufbau ist mir egal, einfach Wurscht”, sagt die 84-Jährige. “Sicher, an der Ecke fehlt etwas ‒ da ist ja nichts weiter. Den Abriss haben wir damals aber einfach so hingenommen. Da hat man sich keine großen Gedanken drüber gemacht. Als einzelner kann man ja auch nichts dran ändern.” Eine Mitspielerin, 87 Jahre alt, stimmt zu. “Es ist damals so viel gesprengt und weggerissen worden ‒ wollen wir das alles wieder aufbauen? Und so reich, dass wir für das alles spenden könnten, sind wir auch nicht.” Die Sache mit den Steuermitteln finde sie aber interessant. “Bevor das schöne Geld für irgendetwas anderes verschwendet wird…”.

Ingo Schelosky (77) ‒ die MAZ trifft ihn gestern am Hauptbahnhof ‒ kann sich hingegen ganz klar für den Wiederaufbau begeistern. “Ich kann mich noch an die Kirche erinnern”, sagt er. “Vor ihrer Sprengung 1968 bin ich nochmal hingegangen und habe Fotos gemacht.” Die Verbindung der Kirche mit dem Nationalsozialismus ‒ für viele wegen des Auftritt Hitlers am “Tag von Potsdam” das schlagende Argument gegen den Wiederaufbau ‒ hält er für unsinnig. “Die Garnisonkirche ist ein schönes Bauwerk, das zum Stadtbild gehört. Daher befürworte ich den Wiederaufbau und finde es gut, wenn dazu auch Steuergelder verwendet werden.” (Märkische Allgemeine Zeitung, 14.08.2013, von Nadine Fabian und Anja Meyer)

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