15.04.2010 | JAHRESTAG: 1500 Lichter für die Toten – Mit einer Andacht wurde in St. Nikolai an die „Nacht von Potsdam“ erinnert

POTSDAM / INNENSTADT – Um 19.30 Uhr begannen gestern die Glocken von St. Nikolai zu läuten: ein mächtiger, ernsthafter Klang, der den voll besetzten Kirchenraum erfüllte und mehrere Minuten lang andauerte. Kirchenglocken hatte Johanna-Elisabeth Badrow damals auch gehört, in jener schrecklichen „Nacht von Potsdam“ vor 65 Jahren: „Das Glockenspiel der Garnisonkirche bimmelte fürchterlich.“ Im April

POTSDAM / INNENSTADT – Um 19.30 Uhr begannen gestern die Glocken von St. Nikolai zu läuten: ein mächtiger, ernsthafter Klang, der den voll besetzten Kirchenraum erfüllte und mehrere Minuten lang andauerte.

Kirchenglocken hatte Johanna-Elisabeth Badrow damals auch gehört, in jener schrecklichen „Nacht von Potsdam“ vor 65 Jahren: „Das Glockenspiel der Garnisonkirche bimmelte fürchterlich.“

Im April 1945 war Johanna-Elisabeth Badrow 18 Jahre alt. Mit ihrer Familie lebte sie in der damaligen Auguste-Viktoria-Straße, der heutigen Nansenstraße. Die junge Frau war nie ein ängstlicher Typ: „Wenn es nachts Fliegeralarm gab, bin ich meistens gar nicht aufgestanden – ich habe das nie so tragisch gesehen.“ Auch diesmal blieb sie in der Wohnung. Plötzlich, so erinnert sie sich, hätten die Türen wie wild zu schaukeln begonnen. Zwei Bomben waren ganz in der Nähe eingeschlagen. Und irgendwann kam die Schreckensnachricht: „Wir hörten, dass im Luftschutzkeller im Nebenhaus alle tot waren.“

Viele Jahrzehnte lang hat Johanna-Elisabeth Badrow die Erinnerungen an die Ereignisse jener Nacht weit von sich weg schieben wollen. Am besten nicht dran denken, nicht dran rühren. „Ach, lasst mich doch damit in Ruhe – das war immer meine Reaktion“, erzählte die vitale, weißhaarige Dame, die immer noch als Gästeführerin in Potsdam tätig ist. Auch zur gestrigen Gedenkandacht in der Nikolaikirche wollte sie ursprünglich nicht gehen. „Erst als meine Tochter sagte: ,Geh hin; mach endlich Schluss damit!’, habe ich es mir anders überlegt.“

Mit einer Schweigeminute wurde dann in St. Nikolai der Opfer gedacht; gleichzeitig auch um Vergebung für die deutsche Schuld gebeten. Reverend Robin Yonett von der Nagelkreuz-Gemeinschaft Coventry sprach das versöhnungsreiche Nagelkreuz-Gebet. Die englische Stadt Coventry war im Zweiten Weltkrieg von deutschen Bomben zerstört worden.

In seiner Ansprache verwies Oberbürgermeister Jann Jakobs auf die jüngsten Erfolge bei der Wiedergewinnung der historischen Mitte. Ausdrücklich begrüßte er die jüngste Unterstützung der Linken beim Wiederaufbauprojekt der Garnisonkirche, die durch das Bombardement 1945 in Flammen aufgegangen war. Jakobs kündigte zudem an, dass im kommenden Juni in Potsdam eine Konferenz der „Bürgermeister für den Frieden“ mit internationaler Beteiligung stattfinden wird.

Musikalisch wurde die Andacht von Mozarts Requiem gekrönt. Ein Werk, das man mit Bedacht ausgewählt hatte. Immerhin war es das erste Werk gewesen, das nach dem Krieg in Potsdam mit Erlaubnis der sowjetischen Militäradministration aufgeführt werden durfte.

Beim Verlassen der Kirche fanden die Besucher ein riesigen Kreuz aus Kerzen auf den Treppenstufen vor. Jugendliche der Friedensgemeinde hatten sie aufgestellt. Insgesamt zählte das Kreuz 1500 Lichter – mindestens 1500 Tote hatte es in der Nacht des 14. April in Potsdam gegeben. (Von Ildiko Röd, MAZ vom 15.04.2010)

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