22.12.2012 | Interview – „Der Aufbau der Garnisonkirche hat nationalen Rang“

Altbischof Wolfgang Huber hofft auf Geld vom Bund – und will die Bundeswehr weiter einbeziehen   Herr Huber, Sie haben den Aufbau der Garnisonkirche zu Ihrem persönlichen Anliegen gemacht. Frustriert

Altbischof Wolfgang Huber hofft auf Geld vom Bund – und will die Bundeswehr weiter einbeziehen

Herr Huber, Sie haben den Aufbau der Garnisonkirche zu Ihrem persönlichen Anliegen gemacht. Frustriert es, dass es permanent Widrigkeiten und Widerstände gibt?

Nein. Wenn es Kontroversen gibt, mache ich mir klar: Es ist ein anspruchsvolles Vorhaben, das geht nicht ohne Konflikte, ohne Phasen der Unsicherheit. Ich bin fest davon überzeugt, dass es richtig ist, die Garnisonkirche wiederaufzubauen.

Um kein früheres Wahrzeichen Potsdams wird so erbittert gestritten.

Um da gelassen zu bleiben, hilft manchmal ein Blick zur Frauenkirche nach Dresden. Auch dort gab es am Anfang viele Schwierigkeiten, große Debatten, um die Konstruktion, um die Orgel. Wir sehen es heute nur in einem rosaroten Licht, weil die Kirche steht, es ein Erfolg, ein Versöhnungsmonument ist. Alles andere ist vergessen.

Sie sind ein Mann des Wortes, überzeugen Sie all die Skeptiker, Kritiker und Gegner! Warum soll es gut sein, wenn die Garnisonkirche wieder in Potsdam steht?

Die Garnisonkirche ist ein großartiges Bauwerk. Sie gehört zur Stadtlandschaft, zur Silhouette. Es ist eine Verpflichtung vieler, denen Potsdam lieb ist, dass das aufgebaute Stadtschloss künftig nicht alleine steht, sondern in der Sichtachse auch wieder die Garnisonkirche. Diese Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört. Sie ist das einzige vergleichbare im Krieg zerstörte große Bauwerk, das inzwischen nicht wieder errichtet worden ist. Mehr noch: Diese Kirche fiel mit der Sprengung des Turms im Jahr 1968, lange nach dem Weltkrieg, auch noch einer SED-Kulturbarbarei zum Opfer. Es gibt in Deutschland keinen kirchlichen Ort, der mit der Widersprüchlichkeit und der Zerklüftetheit unserer Geschichte so intensiv zu tun hat wie die Garnisonkirche in Potsdam. Für mich gibt es deshalb keinen kirchlichen Ort in der Bundesrepublik, in dem man eine verantwortliche Auseinandersetzung mit unserer Geschichte so intensiv praktizieren kann wie in der Garnisonkirche.

Genau die Last der Geschichte, der symbolische Händedruck von Paul Hindenburg und Adolf Hitler am Tag von Potsdam vor der Garnisonkirche, ist das dominierende Argument gegen den Wiederaufbau.

So argumentiert, wer die fast dreihundertjährige Geschichte der Garnisonkirche auf einen einzigen Tag zusammenzieht. Doch es kann nicht richtig sein, einen Geschichtsmythos zu übernehmen, den Joseph Goebbels um der nationalsozialistischen Herrschaft willen konstruieren wollte, nur jetzt mit einem negativen Vorzeichen versehen. Die Garnisonkirche ist mehr als der Tag von Potsdam, viel mehr.

Was meinen Sie damit?

Wir sollten nicht vergessen, dass dieser Ort die Kirche der Union der protestantischen Kirchen und die Schule des Gewissens für Menschen war, die dort Dienst geleistet haben, etwa für Offiziere des Infanterieregiments IR 9, das Widerständler des 20. Juli 1944 hervorbrachte. Wir vergessen nicht, dass die Garnisonkirche in der Zeit nach 1945 ein wichtiger Ort für Gottesdienste war. Wir sollten all dies im Blick behalten, natürlich auch die kritische Auseinandersetzung mit dem 21. März 1933. Die Behauptung aber, an diesem Ort klebe nichts anderes als das nationalsozialistische Regime, wäre im Ergebnis eine Kapitulation vor dem Ungeist von Goebbels und Hitler!

Wie steht es um die weitere Finanzierung?

Wir brauchen für den Turm 38 Millionen, für die ganze Kirche rund 100 Millionen Euro. Der Kontostand ändert sich täglich. Natürlich ist der Zeitplan ehrgeizig, sind die nächsten Schritte riesengroß. Wir wollen den Turm bis 2017 fertigstellen. Ich hoffe, dass wir dafür in Potsdam und über Potsdam hinaus gerade in der nächsten Zeit noch mehr Unterstützung finden.

Es bleibt dabei, dass 2013 mit dem Bau des Turms begonnen werden soll?

Das ist unsere feste Absicht.

Fangen Sie trotzdem an, obwohl erst ein Bruchteil der 38 Millionen Euro da ist?

Das Kuratorium hat beschlossen, mit dem Bau nicht zu warten, bis er bis zum Ende durchfinanziert ist, also die 38 Millionen Euro vollständig auf einem Konto liegen. Stattdessen wird der Turm in Abschnitte aufgeteilt, die jeweils durchfinanziert werden, damit sie einzeln vollzogen werden können, Schritt für Schritt.

Die evangelische Militärseelsorge der Bundeswehr ist Mitstifter des Wiederaufbaus. Passt das wirklich?

Ja, denn Pazifismus bedeutet im Wortsinn, Frieden herstellen, Frieden machen. Es gibt Menschen, die davon überzeugt sind, dass im äußersten Notfall Frieden nur durch die Drohung der Gewalt gesichert werden kann. Alle, die den Aufbau der Garnisonkirche vorantreiben, sind von der Überzeugung durchdrungen, dass Gewaltlosigkeit vorrangig sein muss. Der Streit geht darum, ob unsere Welt allein mit Gewaltlosigkeit gestaltet werden kann, ob es immer möglich ist, das Recht ohne Gewalt durchzusetzen.

Was der evangelische Christ Wolfgang Huber bezweifelt?

Jeder Pazifist muss sich eins klarmachen: Wenn Recht nur gewaltfrei durchgesetzt werden darf, dann müsste das nicht allein beim Militär, sondern auch bei der Polizei oder bei der Frage nach der Legitimation von Gewalt im Widerstand gelten. Genau diese Diskussionen wollen wir in der Garnisonkirche führen.

Deshalb soll die Bundeswehr dabei sein?

Ich halte nichts davon, ausgerechnet den Berufsstand auszusperren, der in die Fragen von Frieden und Gewalt intensiver einbezogen ist als andere. Wir würden hinter den Konsens in unserer Gesellschaft zurückfallen, wenn wir Soldaten nicht mehr als Bürger in Uniform anerkennen. Aber ich sage das auf der Grundlage, dass dies ein Ort der Verantwortung für den Frieden sein soll, was die vorrangige Option für die Gewaltfreiheit einschließt. Die Debatte, was das konkret bedeutet, muss mit allen geführt werden – unter Einschluss der Bundeswehr. Ganz klar: Die Garnisonkirche ist offen für Soldaten, aber es wird nie wieder eine Soldatenkirche sein.

Mit Gedenkgottesdiensten für Soldaten, die bei Auslandseinsätzen getötet wurden?

Angehörige von gefallenen, von ums Leben gekommenen Bundeswehrsoldaten finden in der Garnisonkirche hoffentlich einen Ort, an dem sie verarbeiten können, was ihnen widerfahren ist. Es wird hier aber kein Denkmal für Bundeswehrangehörige geben, die bei Auslandseinsätzen ums Leben gekommen sind. Diese Gedenkstätten gibt es anderswo.

Sie sehen den Aufbau der Garnisonkirche in Potsdam als ein Projekt von nationalem Rang, gefördert vom Bund?

Ja, für diesen Gedanken spricht, dass der Zustand, von dem wir ausgehen, maßgeblich durch die Deutsche Demokratische Republik herbeigeführt wurde und die Bundesrepublik in dieser Hinsicht Rechtsnachfolger ist. Ich hoffe, dass das berücksichtigt wird, und gehe davon aus, dass sich die Frage einer Förderung durch den Bund zum gegebenen Zeitpunkt stellt und dann klärt.

Herr Huber, wie wahrscheinlich ist es, dass 2017 der barocke Turm der Garnisonkirche wirklich wieder steht, 20, 50, 70 Prozent?

Es ist unsere feste Absicht, am 31.Oktober 2017 den Turm einzuweihen. Unsere Hoffnung ist groß, dass wir das schaffen. Aber das liegt nicht an uns allein. Wir landen bei einhundert Prozent, wenn das Projekt immer mehr unterstützt und gefördert wird.

Sie ringen um jeden Euro für die Garnisonkirche. Was empfinden Sie, wenn am neuen Hauptstadt-Flughafen in Schönefeld die öffentliche Hand Millionen und Abermillionen nachbuttert?

Ich gebe zu: Wenn ich die Beträge lese, dann drängt sich der Gedanke natürlich auf: Nur ein Bruchteil davon – und die Garnisonkirche wäre finanziert. Aber so sehr ich mich da manchmal ärgere, am Ende überwiegt die Gewissheit: Wenn so viel Geld für den Flughafen da ist, dann wird es für die Garnisonkirche auch nicht fehlen.

Das Interview führten Guido Berg und Thorsten Metzner (PNN vom 22.12.2012)

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