18.08.2012 | In einer Zwischenzeit – Das Buch “Die Treue und die Redlichkeit” führt in jene Jahre, als sich die SED-Oberen vom alten Potsdam verabschiedeten

Es ist eine Zeitreise in ein fernes nahes Land. Und eine Wiederentdeckung. In einem Potsdamer Kleinverlag wurde ein Buch neu verlegt, das in den realen Sozialismus in der Mitte der 60er Jahre

Es ist eine Zeitreise in ein fernes nahes Land. Und eine Wiederentdeckung. In einem Potsdamer Kleinverlag wurde ein Buch neu verlegt, das in den realen Sozialismus in der Mitte der 60er Jahre führt. Aus einer für damalige Zeiten ganz ungewöhnlichen Sicht: Der Autor ist ein Westmann. Enno Stephan, geboren 1927, in Potsdam aufgewachsen, nun Chef des Deutschlandfunks in Köln, erhält 1967 die Möglichkeit zu einem Kurzbesuch in seiner einstigen Heimatstadt. Dabei besucht er Stätten seiner Jugend und startet ausgedehnte Streifzüge in Preußens Historie.

Zwischendurch wirft er mit den Augen des Außenstehenden, der doch auch Kenner ist, unter dem Titel „Die Treue und die Redlichkeit“ einen Blick auf die Stadt in der Hochzeit der Ulbricht-Herrschaft. Es ist genau jene Zeit, in der so manche Überreste der alten Residenzstadt-Herrlichkeit geschliffen werden und man den Grundstein legt für jenes Neu-Potsdam, das mittlerweile Stück für Stück auch wieder auf dem Prüfstand steht.

Klar, allein lässt man einen Westmann nicht loslaufen. Er erhält einen Dauerbegleiter, der ihn als geschulter DDR-Propagandist über die Vorzüge des neuen Systems aufklärt. In dessen Auslassungen lebt es wieder auf, das fast vergessene DDR-Funktionärsdeutsch. „Die Schaffung der Hegemonie des Proletariats bei uns in Brandenburg war äußerst schwierig“ ist einer dieser Sätze. Und das in sächsisch eingefärbtem Tonfall. Stephans sarkastischer Kommentar: „Der neudeutsche Ostmensch war entstanden: der rote Saxoborusse, eine Mixtur aus preußischer Übergenauigkeit, sächsischen Minderwertigkeitskomplexen und russischem Misstrauen.“

Der Gast reagiert auf die Dauerbelehrungen mit wohlerzogener Höflichkeit. In einem Bericht an die Staatssicherheitsbehörde wird später stehen: Ideologisch nicht ansprechbar.

Mitte der 60er Jahre wurde die Basis gelegt für das, was im damaligen Planungsdeutsch „Gestaltung Potsdams zur sozialistischen Großstadt“ hieß. Stephan würdigt durchaus die Aufbauleistung der Nachkriegsjahre. „Sie hatten viel getan, die neuen Herren, sie hatten den Schutt der Kriegszerstörungen beräumt, sie hatten aufgebaut.“ In der Bombennacht vom 14. April 1945 waren nicht weniger als 3800 Wohnungen total und 20 000 zum Teil zerstört worden. Mittlerweile waren die Barockfassaden ganzer Straßenzüge in der Innenstadt originalgetreu aufgebaut worden. Auch das Alte Rathaus gibt es wieder, genauso wie die Kuppel der Nikolaikirche.

Doch es sollte bei diesen Anfängen bleiben. Stephan muss erfahren, dass die SED-Oberen daran gehen, das alte Potsdam völlig auf den Kopf zu stellen, es nach ihrem Geiste umzuformen. Zum Glück, so der Autor, ging ihnen das nur langsam von der Hand. Das Geld fehlte, das Baumaterial und die Handwerker. Immerhin: „Sie ließen den Teil der Stadt, den sie dem Untergang weihten, nicht rasch und entschlossen sterben. Sie übergaben ihn langsam der Verwesung.“

Nur wenige Ausnahmen, von der Denkmalpflege ausgewählt, hieß es damals, bleiben übrig. „Ganze neue Stadtviertel“, so erfährt der Besucher, „würden entstehen, wenn die bröckelnden Häuschen aus der Zeit der Preußenkönige den Abbruchhämmern und der Planierraupe zum Opfer gefallen waren.“ Auch das Holländische Viertel mit seinen eigenartigen Stumpfgiebeln aus rotem Klinker würden zu weiten Teilen sozialistischen Plattenbauten weichen müssen.

Vom einstigen Herz der Stadt war ohnehin nichts mehr übrig. Das Stadtschloss, die Kolonnaden Knobelsdorffs, der Neptunbrunnen, der weite Lustgarten – nichts von alledem findet der Besucher wieder. „Drohend führte die Fahrbahn auf das eigentliche Wahrzeichen der Stadt zu, auf die Ruine der Garnisonkirche. Dort hinten lag ihr ausgeglühter Stumpf, er lag im Weg, … und eines Tages, früher oder später, würde er deswegen fallen müssen.“ Ein einziges vertrautes Gebäude ist noch zu sehen: der bombengeschädigte Marstall, aus dem in den 80er Jahren das Filmmuseum werden sollte.

Nicht einmal ein Mauerrest war geblieben von jenem romantischen Winkel Potsdams zwischen Freundschaftsinsel und Altem Markt, den Begeisterte Klein-Venedig zu nennen pflegten. Die Bittschriftenlinde, der Palazzo Barbarini, nebst Nachbarhäusern – alles war dem Erdboden gleichgemacht.

„In ein paar Jahren“, sagt der Begleiter, „werden Sie dies alles nicht wiedererkennen. Dann wird das große Karl-Liebknecht-Forum entstanden sein, mit neuem siebzehnstöckigem Interhotel, mit einer Festhalle, einem großen Theater, einem Bildungszentrum, mit Ausstellungshallen und manchem mehr.“

Zum Glück kam es dann doch anders und mittlerweile kann man wieder sehen, wie wichtig gerade das Stadtschloss für das Gefüge der Stadt insgesamt ist.

Auch der aktuelle Streitpunkt „Hotel Mercure“ wird thematisiert. Gästebetten sind in den 60er Jahren rar, und so sieht man dem Hotelneubau an der Langen Brücke hoffnungsvoll entgegen. Der Westbesucher wohnt natürlich in der Nobelherberge Schloss Cecilienhof – selbstredend in Westwährung zu bezahlen.

Es sind oft die kleinen Details, die einem zusätzlich einen Schauer über den Rücken jagen. Zum Beispiel, wenn es um die DDR-Gastronomie geht. Auch wenn den Westbesucher und seinen Ostbetreuer Welten trennen, man sitzt doch am Abend zusammen. Als sie aber um zehn Uhr eine neue Runde Bier bestellen wollen, sagt der befrackte Kellner indigniert: „Das Restaurant ist bereits geschlossen.“ Und auch der Einspruch des ministeriellen Betreuers aus Berlin, der nach dem „Objektleiter“ verlangt, hilft da nicht weiter. (MAZ vom 18.08.2012, Von Frank Starke)

Enno Stephan: „Die Treue und die Redlichkeit“, Medienpunkt Potsdam, 241 Seiten, 14,95 Euro.

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