31.05.2014 | „In der Neuen Garnisonkirche liegt kein König, hat kein Hitler geredet“ – Leserbriefe

„Verstoß gegen Trennungsgrundsatz“ vom 12. Mai, „Der Ton verschärft sich“ vom 23. Mai, „Vorwürfe gegen die Gegner“ vom 28. Mai über das Projekt Garnisonkirche und das laufende Bürgerbegehren dagegen.

Verstoß gegen Trennungsgrundsatz“ vom 12. Mai, „Der Ton verschärft sich“ vom 23. Mai, „Vorwürfe gegen die Gegner“ vom 28. Mai über das Projekt Garnisonkirche und das laufende Bürgerbegehren dagegen.

Mit Wehmut verfolge ich die Diskusionen um die Garnisonkirche. Als geborener Spandauer wünsche ich mir die Wiedererstehung des Garnisonkirchenturmes – vor sechs Wochen bei einem Ausflug nach Babelsberg schmerzlich in der Stadtkrone Potsdams vermisst! Aus diesem Grund habe ich seinerzeit auch die Traditionsgemeinschaft mit kleinen Beiträgen unterstützt. Mein Vorschlag: den Turm wiederaufbauen – oben Glockenspiel, darunter Studentenwohnungen! Vielleicht versöhnt das die Gegner.

Horst Nowack, Berlin-Spandau

 

Meine Ablehnung zum Wiederaufbau der Garnisonkirche hat einen ganz einfachen Grund: Solange die Stadt Potsdam keinen ausgeglichenen Haushalt hat, Schulden nicht getilgt hat, für alte und neue Schulen, Kindergärten, Polizeistationen et cetera kein Geld da ist und teilweise die Straßen und andere Infrastrukturbauten in einem jämmerlichen Zustand sind, halte ich es für völlig unangebracht, für eine Kirche nur einen Euro auszugeben. Nach meiner Kenntnis wird die nur knapp 600 Meter entfernte Nikolaikirche an normalen Gottesdiensttagen nur zu zehn Prozent genutzt. Dies ist ein weiterer Grund gegen den Wiederaufbau. Dies alles hat weder mit Ereignissen im „Dritten Reich“ noch mit einer irgendwie anderen Ideologie zu tun. Ich hoffe nur, dass die anderen Gegner zu einer ebenso einfachen Begründung finden werden. Die Befürworter scheinen zu gerne die Zeit um 70 Jahre zurückdrehen zu wollen. Kirchen haben heute eine andere Funktion als damals und – Potsdam ist nicht Disneyland.

F. Steinfest, Potsdam

 

Die barocke Garnisonkirche zählte einmal zu den herausragenden architektonischen Schmuckstücken meiner Heimatstadt Potsdam. Als alter Potsdamer hatte ich mir in der Wendezeit gewünscht, die berühmte Stadtsilhouette würde so weit wie möglich wiederhergestellt werden. Die Streitereien mit dem Glockenspiel-Verein belasteten in den Augen bodenständiger Potsdamer von vornherein den Plan eines Wiederaufbaues der Garnisonkirche. Wenn man sich ihr gedanklich nähert, so fällt alsbald auf, dass da schon ein Unterschied besteht gegenüber den Potsdamer Schlössern. Die Potsdamer Garnisonkirche war nie eine Friedenskirche. In ihr wurden Feldherren und Feldzüge gesegnet. Von ihr aus zog man in preußischen Uniformen in Angriffskriege in Europa. Dieser Hintergrund macht plausibel, warum am 21. März 1933 ausgerechnet auf ihren Eingangsstufen das Bündnis zwischen preußisch-deutschem Militarismus und Hitler-Faschismus besiegelt wurde. Die Befürworter und Förderer des Wiederaufbaues wehren sich gegen diese geschichtliche Einordnung. Solange das der Fall ist, und der systematische Missbrauch der Garnisonkirche für Krieg und Aggression ignoriert wird, kann kein Kriegsgegner einem Wiederaufbau zustimmen. Daher habe ich auf der Liste des Bürgerbegehrens unterschrieben.

Bernd-R. Paulke, Potsdam

 

Die Garnisonkirche war das schönste Bauwerk der barocken Innenstadt und bildete selbst nach der Bombardierung 1945 noch einen markanten städtebaulichen Blickfang in der Silhouette. Viele Potsdamer und Bürger aus allen Teilen Deutschlands haben sich entschlossen, auf dem Platz der 1968 abgerissenen Ruine eine neue Kirche zu errichten. Sie soll der Vorgängerin möglichst ähnlich sehen und dem historischen Stadtbild einen Glanzpunkt aufsetzen.

Die Neue Garnisonkirche wird von Menschen geplant, die in einem demokratischen Gemeinwesen aufgewachsen sind. Die Neue Garnisonkirche wird von Menschen errichtet werden, die hier in Potsdam und der Umgebung leben.

In der Neuen Garnisonkirche liegt kein König, hat kein Hindenburg gestanden, kein Hitler geredet. Sie haben mit diesem neuen Bauwerk nichts zu tun, denn es ist ein Werk unserer Zeit, eine Werk des 21. Jahrhunderts. Selbstverständlich wird man sich in dieser neuen Kirche an die früheren Zeiten erinnern, deshalb soll sie doch auch ein Ort der Erinnerung und der Versöhnung sein, ein Ort, der in unser neues, demokratisches Deutschland und in unser neues europäisches Lebensgefühl passt.

Man fragt sich deshalb besorgt, was die kleine Gruppe in Potsdam antreibt, die heute einen zähen Straßen- und Internetkampf gegen einen Handschlag zwischen Hitler und Hindenburg führt, gegen historische und politische Leichen. Tatsächlich kämpfen sie gegen ein neues Bauwerk, gegen architektonische Schönheit. Sie führen einen ideologischen Krieg im Sinne des vergangenen Jahrhunderts, in dem die bekannten Diktaturen Tausende Kirchen abgerissen haben. Sie verteidigen also Ideologien, die die Geschichte längst überlebt haben.

Walter Krüger, Potsdam

 

Der Kindergarten der Argumente gegen den Aufbau der Kirche sollte endlich aufhören. Wenn sich die Gegner des Aufbaus so gerne im „Kampf“ messen, sollten sie das auf andere Art tun. Wenn Herr Vogel in seinen Äußerungen in die Nähe von Hitler gerückt sein sollte, hat er sogar teilweise recht. Zumindest was die Stasi betrifft, wurden die Gestapo-Methoden weitergeführt und sogar noch „verbessert“.

Es wird höchste Zeit, dass der Kleinkrieg um Potsdamer Baudenkmäler ein Ende hat und die Stadt wieder ein ihrer Geschichte angemessenes Gesicht bekommt. Übrigens: Die Garnisonkirche hatte immer eine Militär- und eine Zivilgemeinde! Es wurde auch lange genug mit Herrn Klaar verhandelt, weil es nicht ausschließlich ein sakraler Bau werden soll. Damit hätte sich auch die neueste Debatte wohl erledigt.

Hannelore Haupt, Nordheide

 

Da versucht es jetzt jemand mit der Trennung von Staat und Kirche. Aber obwohl König Friedrich Wilhelm I. sagte: „So ich nun baue Stadt und Land und mache nicht Christen, ist alles nichts nütze“, war dieser hehre Anspruch nicht nur ein christlicher, sondern ein gesamtgesellschaftlicher – es ging um die Festigung des Gesamtgefüges Gesellschaft, Staat und Kirche.

Heute gibt es zu diesem Kernsatz einen zweiten, den ich am Anfang allen Tuns Ende 1989 äußerte: „Potsdam partizipiert noch immer vom kulturellen Ruf des 18. und 19. Jahrhunderts, besonders von der gebauten Kultur in ihrer Einheit von Architektur und Landschaft.“ In dieser Projektion ist Potsdam ein Gesamtdenkmal und tatsächlich wurde die Silhouette der Stadt von drei Türmen geprägt: Heilig-Geist-Kirche, Nikolaikirche und Garnisonkirche. Nur in diesem Dreiklang sind die Veduten komplett.

Und die Aufgabe, dieses Bild, so wie es sich im Gedächtnis Europas befindet, städtebaulich wieder in Ordnung zu bringen, ist primär eine der Stadt. Wenn sich für diese Aufgabe Partner finden, ist es umso besser. Wer da von Trennung erzählt, ist am Thema glatt vorbei. Schon die Unterschriftensammler ahnen nicht, wie sehr sie Potsdam schaden, und nun noch die Trennungstheoretiker – nein danke, so überwindet man nicht die Wunden, die der Stadt am Ende des Zweiten Weltkrieges geschlagen wurden!

Zur Zeit der positiven Abstimmung zur Willenserklärung bemühten Ewiggestrige den Tag von Potsdam und merkten nicht, dass sie als neue Demokraten scheinbar nicht in der Lage waren, Preußen vom nationalistischen Ballast zu befreien – heute stehen sie vor dem wieder aufgebauten Stadtschloss-Landtag, finden es toll und merken wieder nicht, dass zur stadtarchitektonischen Ausstrahlung die Garnisonkirche genau so dazu gehört. Fazit: Nur mit positiven Leuten gewinnt Potsdam sein Gesicht wieder und heilt seine Wunden, dies schulden alle dem Gesamtdenkmal Potsdam.

Horst Prietz, Einbringer der Willenserklärung zum Wiederaufbau der Garnisonkirche

 

Zwar haben wir in Deutschland seit 1919 keine Staatskirche mehr geschweige denn eine Theokratie wie in Saudi-Arabien oder Persien. Grundsätzlich sind Staat und Kirche getrennt. Das bedeutet, der Staat soll sich nicht in kirchliche und die Kirche nicht in staatliche Angelegenheiten einmischen. So weit hat der Kollege recht. Aber nur so weit, denn:

Die deutschen Vorschriften sind nicht so. Wir haben weder Staatsatheismus noch auch nur konsequente Trennung. Eher eine Partnerschaft von Staat und Kirche: Die Religionsgemeinschaften bleiben Körperschaften des öffentlichen Rechts. Können Steuern erheben, die der Staat einzieht. Staatsleistungen an sie sind möglich. Desgleichen religiöse Handlungen in öffentlichen Anstalten. Religionsausübung wurde nicht zur Privatsache erklärt, sondern blieb öffentliche Angelegenheit. Kirchliche Feiertage sind geschützt. Religionsunterricht ist in fast allen Bundesländern ordentliches Lehrfach. Christliche Kindergärten und Schulen werden gefördert. An staatlichen Universitäten gibt es theologische Fakultäten. Und nicht zuletzt wird das Grundgesetz eingeleitet durch die Worte: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor G o t t und den Menschen…“ Also sind Staat und Kirche in Wirklichkeit Partner. Denn den Vorteilen der Kirche entsprechen Vorteile des Staates durch eine Vielzahl von kirchlichen, stabilisierenden, sozialen und sonstigen Einflüssen, die der Staat selbst nicht leisten könnte. Dies passt der Humanistischen Union natürlich nicht. Sie möchte die Partnerschaft aufheben.

Potsdam wurde im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört, das Stadtbild geschändet. Aber „auch geschundene Städte haben Anspruch auf Wiedergutmachung“, so eindringlich Wolf-Jobst Siedler. Das jedoch will die Humanistische Union verhindern, jedenfalls wenn es um Sakralbauten geht. Will der Stadt Potsdam allen Ernstes verbieten, ihr geschundenes Ensemble zu heilen.

E.M. v. Livonius, Geltow

 

Langsam macht es keine Freude mehr, derartige Artikel zu lesen. Die freie Meinungsäußerung findet sehr schnell ihre Grenzen, wenn der Geist, der zum Wiederaufbau der Garnisonkirche führt, nämlich einen Ort der Versöhnung und der Auseinandersetzung mit der Geschichte unseres Volkes zu errichten, ständig durch merkwürdige Äußerungen einiger Gegner konterkariert wird. Es wäre viel sinnvoller, wenn auch die PNN sich mit den Gedanken der unterschiedlichen Gruppen auseinandersetzen und damit einen Beitrag zum besseren Verständnis leisten würden.

Maria von Pawelsz-Wolf, Potsdam

 

Es ist gut, wenn die Bürger unseres Landes veranlasst werden zum Nachdenken über ihre Eltern und Großeltern, über unsere Gesellschaft. Wir Deutsche haben eine schwierige Geschichte, mit Millionen Bürgern, die sich politisch verführen ließen, sich an Verbrechen beteiligten. Und eine solche Diskussion kann die Garnisonkirche fördern.

Neben der städtebaulichen Bedeutung der Garnisonkirche muss unvergessen bleiben, dass dieses Gebäude von Hitler am „Tag von Potsdam“ für „Wahlwerbung“ genutzt worden ist. Unvergessen sollte aber auch bleiben, dass mehrere Angehörige der Gemeinde für ihren Widerstand gegen Hitler hingerichtet worden sind.

Diese Kirche erinnert an Verführbarkeit des Denkens, an den Missbrauch von Bürgern durch einen populistisch erfolgreichen Politiker, aber auch an die Bereitschaft zum Widerstand von Christen, die sich bewusst waren, dass sie mit ihrem persönlichen Einsatz ihr Leben riskierten.

Sie ist ein Ort des Gedenken, der „food for thougt“ geben sollte. Schade, wenn junge Potsdamer Bürger sich dem Nachdenken und dem Gespräch verweigern, zu dem die Garnisonkirche sie einlädt.

Martin Hecker, Potsdam

(Potsdamer Neueste Nachrichten, 31.05.2014)

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