21.03.2013 | „Ich bin ein Tröpfchen im Meer gewesen“ – Wie Wilhelm Stintzing den 21. März 1933 erlebte

Herr Stintzing, wo standen Sie am Vormittag des 21. März 1933?   An der Breiten Straße. Ganz genau am Marstall. Der hatte an seinem Ende in Richtung Garnisonkirche eine Schmiede.

Herr Stintzing, wo standen Sie am Vormittag des 21. März 1933?

An der Breiten Straße. Ganz genau am Marstall. Der hatte an seinem Ende in Richtung Garnisonkirche eine Schmiede. An dieser Schmiede habe ich gestanden.

Wie war das Wetter an diesem Tag?

Es war sehr schön, die Sonne schien.

Was haben Sie gesehen?

Das erste sehr Beeindruckende war die Menschenmasse. Unvorstellbar. Es ging von der Langen Brücke eine Riesenmenschenmasse bis zur Kirche. Ich habe über die Köpfe geguckt und sah die Köpfe derer, die marschiert sind.

Wie war die Atmosphäre?

Eine unwahrscheinliche Stimmung. Die Menschen waren voller Erwartung, dass jetzt etwas Neues, etwas Besseres kommt. Unter den Mitwirkenden waren alleine vier Kaisersöhne. Auch der Kronprinz in seiner schönen Uniform – die Mädchen haben ihn ja alle sehr verehrt. Und dann Oskar und August Wilhelm, ,Auwi’, der war bei der SA, und Friedrich und Oskar, die waren beim Stahlhelm. Das ganze offizielle Potsdam war dort. Hindenburg stand im Mittelpunkt. Das Ganze hat begonnen in der Nikolaikirche für die evangelischen und in der Katholischen Kirche für die katholischen Abgeordneten. Man erwartete auch Hitler, für ihn war ein Stuhl bereit in der Katholischen Kirche, aber er ist nicht gekommen. Er erschien erst nachher mit Herrn von Papen. Das berühmte Foto zwischen Hindenburg und Hitler soll, habe ich mir erzählen lassen, nicht zu Beginn entstanden sein, sondern zur Verabschiedung.

Sie haben diese Szene nicht gesehen?

Nein, ich bin eben wirklich nur ein kleines Tröpfchen im Meer gewesen.

Waren auch viele einfache Leute da?

Das ganze Volk. Es war ein Tag der Hoffnung. So muss man das Ganze nennen.

Worauf gründete diese Hoffnung? Auf der Person Hitlers?

Etwas, natürlich, zweifellos. Ach, die Menschen litten unter der fürchterlichen Zwietracht der Parteien. Man muss sich vorstellen, dass jede Partei ihre eigene Truppe hatte und die haben sich gegenseitig geschlagen. Das ging so weit, dass im Reichstag ein kommunistischer Abgeordneter einen Stuhl aus dem Boden riss und mit ihm auf die Nazis zugestürmt ist. Derartige Szenen haben dem Reichstag natürlich keine Würde gegeben. Die Leute sagten, wenn das Theater doch bloß einmal zu Ende wäre. Dass es so zum Theater kam, war sicher auch die Schuld der Nazis. Das andere, worunter die Menschen ganz stark litten, das war der Vertrag von Versailles, der Deutschland gedemütigt hat und wirtschaftliche Zustände geschaffen hat, die unmöglich waren. Viele waren arbeitslos. Und jetzt hofften die Menschen, dass eine neue Zeit kommt, wenn sich die Deutschnationalen und die Nationalsozialisten zusammentun.

Sie waren ein junger Mann, hatten Sie nicht Angst vor einem neuen Krieg?

Erstaunlicherweise: nein.

Dachten Sie im Krieg mal an diesen Tag?

Nein. Das Komische ist, dass Sie über solche Dinge als Soldat gar nicht nachdenken. Es hieß, jetzt geht’s gegen Polen. Keiner hat gefragt: Warum? Als wir die Kaserne verließen, standen die Leute an der Straßen und riefen: Kommt wieder! Und ich habe gedacht, klar, kommen wir.

Das war bei Ihnen der Fall.

Die Hälfte meiner Klasse ist gefallen. Wir hatten einen einzigen Nazi in unserer Klasse, der hat sich später beim Klassentreffen bei uns entschuldigt.

(PNN vom 21.03.2013, Das Interview führte Guido Berg)

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