28.04.2012 | „Hier ist Architektur Gedenken“ – Christopher Kühn legt Alternativ-Entwürfe für die Kapelle der Garnisonkirche vor

Innenstadt – Mitteschön legt alternative Architekturentwürfe für die Kapelle im Turm der künftigen Garnisonkirche vor. Entworfen hat sie der Potsdamer Architekt Christopher Kühn;

Innenstadt – Mitteschön legt alternative Architekturentwürfe für die Kapelle im Turm der künftigen Garnisonkirche vor. Entworfen hat sie der Potsdamer Architekt Christopher Kühn; am Freitag stellte er sie vor. Kühn geht damit in den Wettbewerb mit den offiziellen Entwürfen für den Andachts- und Gedenkraum, die das renommierte Architekturbüro Hilmer & Sattler und Albrecht für die Stiftung Garnisonkirche als Bauherr erarbeitete. Nach Kritik an dem achteckigen Kapellen-Entwurf des in Berlin und München ansässigen Büros waren durch die Stiftung und die Fördergemeinschaft Alternativvorschläge zugelassen worden. Bis zum 21. Mai werden diese durch eine Auswahlkommission ausgewertet. Die Kommission wiederum werde dann dem Kuratorium der Stiftung Empfehlungen aussprechen, erklärte Johann-Peter Bauer, Vorsitzender der Fördergemeinschaft der Garnisonkirche. Die Entscheidung über die zu realisierende Architektur der künftigen Turmkapelle treffe dann das Kuratorium unter der Leitung von Ludwig Bamberg voraussichtlich im Sommer. Neben Christopher Kühn haben Bauer zufolge auch Peter Braun, Jan Fiebelkorn-Drasen und Wilhelm Hüffmeier einen auf Grafiken basierenden Vorschlag für die Kapelle eingereicht. Auch der Potsdamer Ingo von Jutrczenka machte einen grafischen Vorschlag. Zudem gebe es acht textliche Vorschläge. „Nichts ist schon so gut, dass man nicht noch einmal darüber nachdenken darf“, kommentierte Bauer die neue Debatte über die Turmkapelle.

Christopher Kühn stellt dem achteckigen Grundriss von Hilmer & Sattler und Albrecht einen kreuzförmigen und einen viereckigen Grundriss gegenüber. Es entstehe „ein klarer, einfacher Raum“. Die Proportionen richteten sich nach dem goldenen Schnitt, seit der griechischen Antike Inbegriff von Ästhetik und Harmonie. Ziel ist es, erklärte Kühn, die nach der Zerstörung des Kirchenschiffes 1945 im Turm 1950 installierte Heilig-Kreuz-Kapelle „wieder erlebbar zu machen“. Entworfen wurde sie durch den Kirchenbaurat Winfried Wendland, Vater des Architekten Christian Wendland. Nach Ansicht von Mitteschön-Sprecherin Barbara Kuster ist die Erinnerung an die Kapelle besonders gut beim kreuzförmigen Grundriss Kühns gelungen. Eigentlich hatte sich Barbara Kuster zunächst für die originale Kapelle ausgesprochen. Dabei handelte es sich lediglich um einen gestalteten Kreuzgang zwischen den vier mächtigen Pfeilern, die den Kirchenturm statisch trugen. „Ich wäre mit dem Kühn-Entwurf versöhnt“, erklärte die Mitteschön-Sprecherin, da dieser sie sehr an die 17 Jahre lang bis zur Sprengung der Kirche 1968 genutzte Kapelle erinnere. Diesem Neuanfang einer sehr mutigen Gemeinde zu DDR-Zeiten müsse gedacht werden. „Hier ist Architektur Gedenken“, erklärte Barbara Kuster. Bauer nannte es „einen großen Schritt voran“, dass nicht mehr über die Rekonstruktion der heute aufgrund verbesserter statischer Möglichkeiten nicht benötigten meterdicken Pfeiler diskutiert werde.

Das Kreuzgang-Zitat gelingt Kühn, in dem er – im Kontrast zum viereckigen Grundriss – die vier Ecken ins Innere zieht und dahinter Platz schafft für zwei Treppenaufgänge und auf der anderen Seite zwei Räume, in denen die Stühle untergebracht werden können. 126 Sitzplätze biete diese Kreuzgang-Variante, beim viereckigen Grundriss wären es 144 Sitzplätze, ähnlich dem achteckigen Vorschlag von Hilmer & Sattler und Albrecht. Die „Heilig-Kreuz-Kapelle“ zu DDR-Zeiten hatte 60 Sitzplätze, die Plätze auf der Empore eingerechnet waren es 80. Hilmer & Sattler und Albrecht planen einen zwölf Meter hohen Andachtsraum, Kühn sieht eine Raumhöhe von acht Metern vor. Die Decke gestaltet Kühn als Kreuzgrat-Gewölbe, in deren Mitte eine Dachöffnung Lichteinfall ermöglicht. Wendland zufolge habe auch der Turm vor 1945 diese Öffnung gehabt – „um die Glocken per Flaschenzug hinauf zu ziehen“.

Bauer zufolge soll der Andachts- und Gedenkraum nicht nur als Kapelle für Gottesdienste dienen, sondern auch dem Gedenken an den Widerstand im Dritten Reich und der evangelischen Kirche in der DDR. Wie Bauer informierte, soll dafür ein Konzept in Auftrag gegeben werden.

Bei der Präsentation der Grafiken Kühns am Freitag im Mitteschön-Container auf dem Alten Markt kam es auch zu einem kleinen Disput, der die Hintergründe der Diskussion um die Kapelle verdeutlicht. Wenn der Turm schon originalgetreu wiederentstehe, müssten wenigstens im Inneren die Brüche sichtbar gemacht werden, erklärte Bauer. Es dürfe kein „Gedenktempel für irgendeine Zeit“ entstehen. Bauer: „Für ein Denkmal stehe ich nicht.“ Wendland entgegnete, er habe zu DDR-Zeiten 40 Jahre lang Abbruch erlebt: „Ich habe von Brüchen genug.“ Große Architekten wie Schinkel und Knobelsdorff hätten nicht Brüche produziert, sondern vorhandene Qualitäten aufgenommen und diese fortgeführt. (PNN vom 28.04.2012, Von Guido Berg)

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