14.06.2013 | “Helm ab zum Gebet”

„Diese Kirche war kein Friedenssymbol und kann keins werden“  Von Friedrich Schorlemmer Der Vorsitzende der Fördergesellschaft für den umstrittenen Wiederaufbau der Garnisonkirche,

„Diese Kirche war kein Friedenssymbol und kann keins werden“ 

Von Friedrich Schorlemmer

Der Vorsitzende der Fördergesellschaft für den umstrittenen Wiederaufbau der Garnisonkirche, Burkhart Franck, hatte sich am Dienstag in einem Gastbeitrag für die PNN („Das Versöhnungskonzept wurde nicht fallen gelassen“) mit Argumenten der Gegner des Projekts auseinandergesetzt – etwa mit der Feststellung des Theologen Friedrich Schorlemmers, „an der Garnisonkirche klebe die braune Asche Hitlers“. Franck bezeichnete dies als unverständlich: „Wenn Schorlemmer damit meint, dass jedes Gebäude, in dem Hitler sich aufhielt, dadurch kontaminiert wurde und seine Existenzberechtigung verlor, müsste man nun eine Vielzahl von Gebäuden sprengen, allen voran den Bürgerbräukeller in München. Vielleicht hat Schorlemmer aus Freude an seiner griffigen Formulierung ihre Konsequenz nicht bedacht?“ Lesen Sie hier Schorlemmers Replik.

Nun ist es amtlich: am Vorabend des 31. Oktober 2017 soll der wiedererrichtete Turm der Potsdamer Garnisonkirche feierlich eingeweiht werden. Die Fernsehkameras werden sich darauf richten. Die Welt wird fragen: An welche Tradition wollen Deutsche da jetzt anknüpfen, mit welcher Geschichte sich versöhnen? Diese Kirche war am „Tag von Potsdam“ in einen fatalen Dienst der „nationalen Versöhnung“ zwischen Reichswehr, Stahlhelm, SA, SS, Nazis, Monarchisten, Bürgertum und bürgerliche Parteien, evangelische und katholische Kirche genommen worden, wo Hitler für seine Rede Kreide gefressen, sich in Zivil geschmissen und Goebbels wirksam Propaganda hatte machen lassen. Nur zwei Tage nach jenem Getöse stimmten die bürgerlichen Parteien für das verhängnisvolle Ermächtigungsgesetz.

In welcher Tradition standen wir nach 1945 und in welcher wollen wir künftig stehen? Ich jedenfalls möchte weiter im Geist von Bonhoeffer, Bodelschwingh und Barth, von Reichwein, Freya und Helmut James Graf von Moltke, Niemöller und Gollwitzer stehen (Mitglieder des Widerstands gegen das NS-Regime – die Red.). Bonhoeffer soll dem verdutzten Visser `t Hooft 1941 auf dessen Frage, wofür er jetzt beten würde, geantwortet haben: „Für die Niederlage meines Landes.“ Was aber wurde in der Garnisonkirche seit dem 1. August 1914, nach dem 9. November 1938, nach dem 1. September 1939, nach der Schlacht von Stalingrad 1942/43, der nach der Bombardierung Potsdams und nach dem 8. Mai 1945 gebetet? Jahrhundertelang wurde aus Gebetbüchern, die von preußischen Obrigkeiten „zu beten verordnet“ worden waren, Gott um „sieghafte Heere, getreue Diener und gehorsame Untertanen“ angerufen.

Den deutschen Widerstand kann man und muss man weiterhin gebührend ehren, für das Gedenken Orte wie den Bendlerblock, Flossenbürg oder Kreisau erhalten. Die Garnisonkirche ist dafür nicht geeignet, selbst wenn dort einige Widerständler Gemeindemitglieder gewesen sind. (Dass die Sprengung der Leipziger Universitäts- und der Garnisonkirche durch Ulbrichts Anweisung 1968 sowie der Versöhnungskirche in Berlin noch 1985 barbarische Akte waren, steht auf einem anderen Blatt. Bloß weil Ulbricht in Potsdam jenen Rest des preußisch-protestantischen Militarismus sprengen ließ, ist es noch lange nicht gerechtfertigt, dieses Symbol – auch aus Gründen des Stadtbildes – wieder zu errichten.)

Das sage ich, das Erbe des 20. Juli und das Andenken des evangelischen Christen Henning von Tresckow hoch schätzend – freilich fragend, wo der militärische Widerstand geblieben war, solange die Wehrmacht gesiegt hatte. Ab wann wusste wer was vom Vernichtungskrieg im Osten? Treue- und Gehorsamstradition braucht weiter kritische Selbstbesinnung, aber nicht in einer Militärkirche. Es gibt in Potsdam die Friedenskirche. Was wir dringend brauchen, ist ein über Potsdam hinausreichender zivilgesellschaftlicher Dialog über das, was in Potsdam geplant wird und von der Bundesregierung nun schon mit 400 000 Euro unterstützt worden ist.

Die aufwendige Wiedererrichtung einer Kirche des Militärs wäre meines Erachtens ein ganz falsches Signal an die Welt. Ich hoffe, man bekommt die zunächst geplante Summe von 40 Millionen Euro bis 2017 nicht zusammen, aber eine klare Position unserer Kirchen würde wieder hörbarer, ob zu Kriegseinsätzen im Ausland, zu horrenden deutschen Waffenexporten oder einem gerade noch verhinderten Drohnenkauf, der nicht aus Einsicht, sondern wegen Unzulässigkeit gestoppt wurde. Der Zivile Friedensdienst (ZFD) braucht dringend mehr gesamtstaatliche Mittel! „Suchet den Frieden und jaget ihm nach“, heißt es im Psalm. Ist die Lehre aus Krieg, Nachkrieg, Kaltem Krieg, Abschreckungsfrieden und sogenannten „neuen Kriegen“ nicht die, dass wir eine Friedenskirche bleiben, die Konflikte nicht dadurch zu beseitigen strebt, dass sie Gegner beseitigt, sondern stets die vorrangige Option für Gewaltlosigkeit sucht, die nach Kräften daran mitwirkt, dass überall das Konzept Gemeinsamer Sicherheit verfolgt wird und es weltweit zu einem gerechten Frieden kommt? Diese Kirche war kein Friedenssymbol und kann durch aufwendigen Wiederaufbau keins werden.

Der Autor ist Publizist, Theologe, Bürgerrechtler und Sozialdemokrat. Er wohnt in Lutherstadt Wittenberg. (Potsdamer Neueste Nachrichten, vom 14.06.2013)

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